Neuenhaus

Ukrainische Flüchtlinge kommen an: Da ist diese Stille – Auch bei den Kindern

Bei einem gemeinsamen Frühstück konnten sich die Flüchtlinge aus der Ukraine erst einmal ausruhen. Foto: Stadt Wermelskirchen
+
Bei einem gemeinsamen Frühstück konnten sich die Flüchtlinge aus der Ukraine erst einmal ausruhen.

Ankunft in Neuenhaus: Ukrainische Geflüchtete sind traumatisiert von ihren Erlebnissen, wollen aber zurückkehren.

Von Anja Carolina Siebel

Wermelskirchen. Jochen Bilstein kann seine Tränen kaum verbergen. Als am Freitag der Bus mit den geflüchteten Menschen aus der Ukraine am Gemeindezentrum Hilgen-Neuenhaus hält und sie vorsichtig aussteigen, muss der pensionierte Pädagoge, der sich seit Jahren für die Flüchtlingsinitiative „Willkommen in Wermelskirchen“ engagiert, stark schlucken. „Da wird einem plötzlich bewusst, wie viel Leid und Schicksal diese Menschen mitbringen“, sagt Bilstein. „Das ist spürbar.“

Wie berichtet, waren es 34 Menschen, zumeist Frauen und Kinder, die zahlreiche ehrenamtliche Helfer aus Wermelskirchen und Burscheid am Freitag willkommen hießen. „Es war aber kein fröhliches, erleichtertes Willkommen“, wie Dorothea Hoffrogge, auf deren Initiative die Hilfsaktion unter anderem zustande kam, berichtet.

Eher habe Stille geherrscht bei der Ankunft. Beängstigende Stille. „Normalerweise plaudern Kinder ja, wenn sie zusammen sind“, sagt Jochen Bilstein, „sind ungeduldig, spielen, toben, gerade nach so einer langen Reise.“ Aber bei der Ankunft in Neuenhaus hätte es nichts dergleichen gegeben, bis auf diese Stille. Erst als sie den Kickertisch im Untergeschoss des Gemeindehauses gesehen hätten, hätten einige angefangen zu spielen. Bilstein: „Da wurden sie ein bisschen gelöster.“

Die Herausforderung: Viele der im Bergischen eingetroffenen Kinder haben eine Behinderung. „Das ist das Besondere an der Gruppe, mit der wir über eine russisch-orthodoxe Gemeinde in Kontakt gekommen sind“, sagt Dorothea Hoffrogge. „Und das sehen wir jetzt als unsere Aufgabe an.“ Denn: Die besonderen Kinder brauchen besondere Betreuung, sowohl medizinisch als auch sozial. Besuche bei einem Burscheider Kinderarzt stehen deshalb schon kurz nach der Ankunft der 34 Menschen an.

Abgeholt werden sie an diesem Vormittag nach und nach von jenen Helfern, die sich gegenüber der Stadt bereiterklärt haben, Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Darunter viele Privatleute. Vorher gibt es noch ein gemeinsames Frühstück, das Helfer der Kirchengemeinde und von „Willkommen in Wermelskirchen“ spontan zusammengestellt haben.“

„Sie wollen unbedingt zurück und aufbauen, was zerstört ist.“

Laila Hasan, Dolmetscherin

Laila Hasan spricht ukrainisch und ist wohl eine der wichtigsten Kontaktpersonen an diesem Morgen. Sie stellt eine kleine Brücke her zwischen denen, die angekommen sind, und denen die helfen möchten. Um die Sprachbarriere zu überwinden.

Denn die meisten der Menschen sprechen weder Deutsch noch Englisch. „Sie können die große Hilfsbereitschaft nicht fassen“, sagt Laila Hasan. „Sie denken, dass sie jetzt Schulden machen und das alles irgendwann zurückzahlen müssen. Dass es Menschen gibt, die ihnen so freiwillig helfen und spenden, das können sie sich kaum vorstellen.“

Laila Hasan ist Jesidin, lebte lange in der Ukraine. Vor elf Jahren kam sie nach Deutschland und besucht den Fortgeschrittenen-Deutsch-Kurs, den Jochen Bilstein in der Volkshochschule anbietet. „Sie war sofort bereit zu helfen“, erzählt Bilstein. „Und auch andere meiner Schüler haben sich engagiert. Zwar nicht als Dolmetscher, aber beim Frühstückzubereiten oder der Betreuung der Menschen. Das macht mich stolz.“

Laila Hasan spricht von viel Unsicherheit, zum Teil auch Angst der Geflüchteten. „Eine Frau hat ihre Tochter auf dem Weg an die Grenze in einer Menschenmenge verloren“, erzählt sie. „Und die irrt jetzt als 17-Jährige irgendwo allein herum.“ Ein Jugendlicher habe Teile einer Kriegswaffe in den Händen gehalten, die er auf dem Weg aufgesammelt hatte.

„Bei allem Leid ist ihr Wille, in einem freien Land leben zu wollen, aber ungebrochen“, berichtet Laila Hasan. „Und deshalb denken die meisten von ihnen, dass sie ganz bald wieder zuhause sein werden. Sie wollen unbedingt zurück und aufbauen, was zerstört ist. Und sie wollen natürlich zurück zu ihren Männern, die sie ja fast ausnahmslos in der Ukraine im Krieg zurücklassen mussten.“

Hintergrund: Willkommen in Wermelskirchen

Eine enge Zusammenarbeit mit „Willkommen in Wermelskirchen“ sowie den Kirchengemeinden und der Tafel bei der Aufnahme von ukrainischen Geflüchteten hatte die Stadt bereits Anfang der Woche angekündigt. Unter dem Schirm des neuen Netzwerks „Wermelskirchen hilft!“ sollen die Menschen so gut und professionell wie möglich betreut und sollen auch Spenden koordiniert werden. Unterstützung bei der Betreuung bekommen sie von Ehrenamtlern und Sozialarbeitern.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Missbrauch: Angeklagter aus Wermelskirchen legt Geständnis ab
Missbrauch: Angeklagter aus Wermelskirchen legt Geständnis ab
Missbrauch: Angeklagter aus Wermelskirchen legt Geständnis ab
Diebe brechen in Wohnung ein und stehlen Uhren
Diebe brechen in Wohnung ein und stehlen Uhren
Diebe brechen in Wohnung ein und stehlen Uhren
Eine Plane über dem Motorrad reicht nicht
Eine Plane über dem Motorrad reicht nicht
Eine Plane über dem Motorrad reicht nicht
Wolf ist in bergischen Wäldern unterwegs
Wolf ist in bergischen Wäldern unterwegs
Wolf ist in bergischen Wäldern unterwegs

Kommentare