Pandemie

Corona: Familie erlebt behördliches Chaos

Einem positiven Corona-Testergebnis folgt üblicherweise Kontakt mit den Behörden. Foto: Christian Beier
+
Einem positiven Corona-Testergebnis folgt üblicherweise Kontakt mit den Behörden.
  • Anja Carolina Siebel
    VonAnja Carolina Siebel
    schließen

Wermelskirchener fühlen sich als Betroffene vom Gesundheitsamt alleingelassen.

Wermelskirchen. Die Wermelskirchener Familie hat das Coronavirus besonders schwer erwischt. Acht von zehn Mitgliedern aus drei dicht beieinander lebenden Haushalten sind mit dem Virus infiziert. Claudia M. (Name geändert, weil die Familie nicht öffentlich in Erscheinung treten möchte) berichtet: „Zuerst wurden meine Eltern positiv auf das Virus getestet, später dann meine Kinder und die Familie meiner Schwester.“ Ihr Mann und sie selbst sind bisher negativ.

Was die drei Familien seitdem erlebten, ist allerdings ein einziges behördliches Chaos. „Meine Mutter bekam als erste Symptome, das war am Mittwoch vor Ostern“, erzählt Claudia M. Es seien aber keine coronatypischen Symptome wie Husten der Fieber gewesen. „Sie hatte eher einen Druck in der Herzgegend, wir haben dann beim Hausarzt angerufen“, erzählt die Tochter. Die Praxis veranlasste dann einen Schnelltest, der positiv ausfiel. „Danach ließen wir uns alle nacheinander testen, erst via Schnelltest, dann noch einmal beim Arzt via PCR-Test“, berichtet Claudia M. weiter.

Mit den Ergebnissen begann bereits die Verwirrung. „Eigentlich soll man die Testergebnisse ja mit dem in der Corona-Warnapp integrierten QR-Code abrufen können“, sagt Claudia M. Dieser QR-Code habe aber entweder falsche Ergebnisse ausgeworfen („Mein Sohn war erst negativ, dann rief der Hausarzt aber an und teilte uns ein positives Ergebnis mit“) oder gar keine. „Teilweise mussten wir selber im Labor anrufen und unser Ergebnis erfragen“, berichtet Claudia M.

Das Gesundheitsamt habe sich zunächst gar nicht gemeldet. Claudia M.: „Wir wussten ja erst gar nicht, wie wir uns jetzt korrekt verhalten sollen. Natürlich war für uns sofort klar, dass wir alle in Quarantäne müssen. Aber wie lange und wie wir uns ansonsten verhalten müssen, das hätten wir gern mal erfragt.“

Es dauerte aber. Genauso wie es dauerte, bis Claudia M. das Ergebnis ihres PCR-Tests erfuhr. Denn sie ist nicht wie die anderen Familienmitglieder privat, sondern gesetzlich versichert. Das Kuriose: Während alle anderen Familienmitglieder positive Testergebnisse erhalten hatten, blieben die Ergebnisse von Claudia M. und ihrem Mann negativ. Quarantänepflicht besteht bei den beiden trotzdem, weil ja ihre beiden Kinder infiziert sind. „Wir versuchen uns im Haus so weit wie möglich voneinander entfernt aufzuhalten“, beschreibt Claudia M. das Miteinander. Allerdings sei das als Familie natürlich nicht immer möglich.

Ein Problem: Es ist unklar, wie lange die Quarantäne dauert

Das Gesundheitsamt meldete sich dann aber doch irgendwann bei den drei Familien. Allerdings mit sehr spärlichen Informationen. „Wir mussten vieles selbst erfragen, haben uns Kontaktdaten herausgesucht und uns einfach durchtelefoniert“, schildert die Mutter zweier Kinder das empfundene Chaos.

Eines der Probleme: Aus den verzögert erhaltenen Testergebnissen würden sich eigentlich unterschiedliche Quarantäne-Dauern ergeben. „Laut Aussage des Amtes dürfen wir aber ab dem 14. April die Quarantäne wieder verlassen.“ Claudia M. fühlt sich unsicher, auch ihrem Arbeitgeber gegenüber. Als Laborangestellte muss sie vor Ort arbeiten, kann nicht wie ihr Ehemann das Homeoffice nutzen. „Ich habe einfach noch kein gutes Gefühl, arbeiten zu gehen. Ich bin verunsichert“, sagt sie. Gewünscht hätten sich Familie M. eine intensivere Betreuung vom Gesundheitsamt, feste Ansprechpartner, die sich wie angekündigt täglich melden. Und klar verständliche Handlungsanweisungen.

„Wir bedauern sehr, dass es in Einzelfällen zu solchen Unstimmigkeiten kommt“, sagt eine Sprecherin des Gesundheitsamtes auf Nachfrage. Gerade in der Zeit vor Ostern habe es Systemausfälle und einen Personalwechsel gegeben. „Wir bemühen uns, dass es nicht zu solchen unerwünschten Ereignissen kommt“, sagt die Sprecherin. „Es lässt sich aber leider nicht immer verhindern. Deshalb sind wir auch auf Mithilfe aus der Bevölkerung angewiesen.“

Quarantäne

Die Sprecherin des Kreises weist noch einmal auf die im Rheinisch-Bergischen Kreis geltende Allgemeinverfügung hin, laut der sich alle Personen nach Vorliegen eines positiven Schnell- oder PCR-Tests umgehend in Quarantäne begeben müssten. Das sei auch unabhängig von einer Benachrichtigung des Gesundheitsamtes, da es sein könne, dass eine offizielle Quarantäne-Anordnung erst später erfolge.

Standpunkt: Mehr Lobby für die Ämter

anja.siebel@rga.de

Kommentar von Anja Carolina Siebel

Die Nerven liegen blank dieser Tage. Das kann man wohl zusammenfassend feststellen. Dass die Wermelskirchener Familie, die sich bei allem Chaos ja noch vorbildlich verhalten hat, genervt ist vom Zurechtfindenmüssen im Behördendschungel in dieser Ausnahmesituation ist mehr as verständlich. Und einmal mehr wird an diesem Beispiel deutlich: Alle Bürger haben jetzt darunter zu leiden, dass im Bereich der Gesundheitsämter über Jahrzehnte bis aufs Messer gespart wurde. Viele waren bis kurz vor der Pandemie noch nicht einmal hinreichend digital ausgestattet, geschweige denn mit ausreichend Personal, um die Anforderungen, die eine weltweit grassierende Pandemie an sie stellt, gerecht zu werden. Vielerorts, auch in Bergisch Gladbach, helfen Bundeswehrsoldaten und Auswärtige mit, um beispielsweise die Kontaktnachverfolgung gewährleisten zu können. Ändern lässt sich die Misere kurzfristig sicher nicht. Es bleibt aber zu hoffen, dass die Gesundheitsämter künftig mit höherem Stellenwert behandelt werden. Denn welche Priorität sie für die Bevölkerung in der Krise haben, wird jetzt deutlich.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Festausschuss präsentiert Zugbegleiterin
Festausschuss präsentiert Zugbegleiterin
Festausschuss präsentiert Zugbegleiterin
Gesprächskreis will am Mittwoch klönen
Gesprächskreis will am Mittwoch klönen
Songtalent 2015: Wermelskirchenerin schafft es ins Vorfinale
Songtalent 2015: Wermelskirchenerin schafft es ins Vorfinale
Songtalent 2015: Wermelskirchenerin schafft es ins Vorfinale
Ehepaar kämpft in Ahrweiler gegen die Flut
Ehepaar kämpft in Ahrweiler gegen die Flut
Ehepaar kämpft in Ahrweiler gegen die Flut

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare