Interview der Woche

Bei ihr überstrahlt die Hoffnung die Angst

Antje Menn xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx xxxxxxxxxxxxx xxxxxxxxxxxx xxxxxxxxxx xxxxxxxxxxxxx. rchivfoto: Jürgen Moll
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Antje Menn leitet den Kirchenkreis Lennep. Sie findet, dass Kirche heutzutage mehr denn je für die Bewahrung der Schöpfung eintreten müsse – Stichwort Klimaschutz.

Wermelskirchen. Superintendentin Antje Menn über die Zukunft der Kirche.

Das Gespräch führte Wolfgang Weitzdörfer

Frau Menn, wie groß ist der Kirchenkreis Lennep eigentlich?

Antje Menn: In seiner jetzigen Größe existiert er seit 1843. Er umfasst das Gebiet der Städte Wermelskirchen, Remscheid, Hückeswagen, Radevormwald und kleine Teile von Wuppertal, Burscheid und Solingen wie etwa  Unterburg. Das bedeutet Vielfalt in Prägungen und kommunalen Strukturen, Gespräche mit verschiedenen Städten und Landkreisen, sogar zwei Bezirksregierungen. Aktuell gehören 58 500 Gemeindeglieder den Gemeinden des Kirchenkreises an. Ich werde oft auf seinen Namen angesprochen. Warum Lennep? Der Name kommt von dem damaligen Landkreis Lennep, der zur preußischen Rheinprovinz gehörte.

Was sind aktuell die größten Herausforderungen?

Menn:Als drängendste Herausforderung sehe ich, dass das Leben auf der Erde heute so gefährdet ist wie wohl nie zuvor. Wir müssen auch als Kirche das uns Mögliche tun, damit die Vielfalt des Lebens erhalten bleibt. Stichwort: „Bewahrung der Schöpfung“, damit auch unsere Kinder und die nächsten Generationen rund um den Globus leben können. Die Landeskirche hat beispielsweise festgelegt, dass unsere Gebäude bis 2035 möglichst klimaneutral zu ertüchtigen sind.

Muss Kirche gänzlich neu gedacht werden?

Menn: Aus meiner Zeit als Gemeindepfarrerin und auch jetzt als Superintendentin erlebe ich es als Gewinn, wenn wir mit Menschen, die sonst nicht am kirchlichen Leben teilnehmen, in Kontakt und Austausch kommen. Dann geschieht oft eine wechselseitige Bereicherung zwischen Kirchendistanzierteren und den in Gemeinden lange schon Verwurzelten. Kirche von Kontakten mit Menschen her denken, dafür wirbt in besonderer Weise der Präses unserer Landeskirche, Dr. Thorsten Latzel.

Beim Neu- oder Weiterdenken von Kirche spielt auch die Ökumene mit unseren katholischen und freikirchlichen Geschwistern eine große Rolle. Gemeinsam den Glauben feiern und leben, gemeinsam hingehen, wohin auch Jesus gegangen ist, zu denen an den Rändern unserer Gesellschaft. Kein Zufall, dass Initiativen wie „Willkommen in Wermelskirchen“ ökumenisch verantwortet und gemeinsam verlässliche Kooperationspartner sind. Dazu gehört dann auch das Gespräch mit den jüdischen und muslimischen Geschwistern.

In Wermelskirchen gibt es mehrere evangelische Gemeinden – sollen sie eigenständig bleiben?

Menn: Zwischen Wermelskirchen als großer und den drei kleineren Gemeinden Dabringhausen, Dhünn und Hilgen-Neuenhaus sind zunächst Kooperationen angedacht. Als ein erster Schritt werden Dabringhausen und Dhünn nach dem Ausscheiden der jetzigen Pfarrstelleninhaber im Sommer eine gemeinsame Pfarrstelle haben. Der neue Pfarrer wird dann in beiden Gemeinden Dienst tun. Damit bleibt die Eigenständigkeit der Gemeinden zurzeit gegeben.

Wird das Ehrenamt hier künftig eine größere Rolle spielen?

Menn: Wir sind schon jetzt eine Kirche, die wesentlich von Ehrenamt und Mitwirkung lebt. Auf jede hauptamtliche Person kommen gut vier Ehrenamtliche. Da ist ein gutes Miteinander zu pflegen. Dabei sollte der Einsatz von Ehrenamtlichen nicht vom Bedarf der Gemeinden her geplant werden, sondern von den individuellen Begabungen und Interessen der Ehrenamtlichen her, diese gilt es zu sehen und zu fördern. Ein Erfolgsmodell ist die Notfall-Seelsorge. Hier werden Ehrenamtliche ausgebildet und übernehmen mehr und mehr Dienst in der seelsorglichen Begleitung in Ausnahme-Situationen.

Glauben Sie, die Auswirkungen der Corona-Pandemie haben der Kirche geschadet?

Menn: Ja und Nein. Nicht alle von denen, die vor Corona in unseren Gemeinden aktiv waren, haben wieder den Weg zu uns gefunden. Was die Krise mit den Menschen insgesamt gemacht und welche Rolle der Glaube dabei gespielt hat, wird mit Verzögerung deutlich werden. Viele sagen, dass der Glaube in der Pandemie Hoffnung, Trost und Kraft gegeben hat. Wir selbst haben durch die Pandemie unsere Kernaufgaben in Seelsorge und Diakonie neu sehen gelernt. Es wurde deutlich, wie wichtig der Kontakt und die Begleitung von Menschen sind.

Gerade in Zeiten der Verunsicherung, des Alleinseins und in der Suche nach Trost und Hoffnung, aber auch sonst. Nähe auf Distanz zu leben, das hat bei uns einen Schub für kreative Ansätze freigesetzt. Etwa Gottesdienste und Beratungsangebote digital oder per Haustürbesuche anzubieten oder Gruppen draußen stattfinden zu lassen. Was die Digitalisierung als Ganzes betrifft, haben wir jedoch noch viel zu tun und zu verstehen. Weltweit hat der Kirche in der Pandemie geschadet, dass wir über das Krisenmanagement in unserem Land viel Energie in unserer eigenen Kirche gebunden haben. Dabei sind uns unsere Geschwister in den ärmeren Teilen der Welt, die die Auswirkungen der Pandemie mit viel stärkerer Wucht getroffen haben, zunächst etwas aus dem Blick geraten. Das hat sich geändert. Aber sie werden an den Folgen der Pandemie deutlich schwerer tragen.

Hand aufs Herz, haben Sie manchmal Angst um Ihre Kirche?

Menn: Die Hoffnung überwiegt. Auf meinem Regal im Arbeitszimmer steht ein selbstgemaltes Bild meines Sohnes. Ein knallrotes Haus mit einer überdimensional großen Türe ist darauf zu sehen. In bergisch-grünem Glitter leuchtend steht dessen Türe weit auf. Ein rotes Haus. Rot ist in der Kirche die Farbe für Pfingsten, für das Kommen des Geistes Gottes. Eine solche Kirche weiß, dass sie nicht allein von ihrem Tun und Reden lebt, sondern vom Wehen und der Kraft des Heiligen Geistes. Der nach der Bibel ein Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit ist. Das macht mir Hoffnung.

Zur Person

Antje Menn ist 49 Jahre alt und seit Oktober 2020 als Nachfolgerin von Hartmut Demski aus Wermelskirchen Superintendentin des Kirchenkreises Lennep. Antje Menn kommt gebürtig aus Mönchengladbach, ist verheiratet, hat drei Kinder und war zuvor Pfarrerin der Kirchengemeinde Lennep.

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