Kindertagespflege

Bei den „Rüplis“ dürfen die Kinder mitentscheiden

Raum zum Wachsen: Ines Bohl (l.) und Manuela Ludwig - hier mit Sophie - haben vor vier Jahren die Großtagespflege „Rüplis“ gegründet.
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Raum zum Wachsen: Ines Bohl (l.) und Manuela Ludwig - hier mit Sophie - haben vor vier Jahren die Großtagespflege „Rüplis“ gegründet.

Manuela Ludwig und Ines Bohl sind seit vier Jahren als Tagesmütter an der Hinterhufe im Einsatz.

Von Theresa Demski

Manuela Ludwig öffnet barfuß die Türe. „Wir kommen gerade vom Yoga“, erzählt sie und lacht, „deswegen tragen wir keine Socken“. Die beiden Kinder hinter ihr nicken fröhlich und zeigen auf ihre nackten Füße. Noch wenige Minuten zuvor haben die Kinder auf Yogamatten gesessen – in grün und orange, in Form eines Buchenblattes. Und Manuela Ludwig hat mit den Kindern Atemübungen gemacht.

„Wir erleben, dass auch die Jüngsten von unserer Erwachsenenwelt schon gestresst sind“, erzählt die Tagesmutter. Und deswegen lasse sie sich seit diesem Jahr als Yogalehrerin ausbilden, um mit den Jüngsten Wege gegen den Stress zu finden. Eine der beliebtesten Yoga-Figuren in der Großtagespflege an der Hinterhufe: der Gorilla. „Dabei klopfen wir unseren eigenen Körper ab“, erzählt Manuela Ludwig und der Junge, der neben ihr steht, klopft sich auf die Brust. „Die Kinder kommen zur Ruhe“, hat Manuela Ludwig erlebt.

Vor vier Jahren ging die Großtagespflege als eine der ersten ihrer Art in Wermelskirchen an den Start. Damals hatten Manuela Ludwig und Ines Bohl ihre Stellen im Pflegesystem dafür aufgegeben. Sie hatten beschlossen, dass sie lieber ihr eigenes System aufbauen wollten – mit eigenen Werten, viel Wertschätzung und nach eigenen Regeln. Die beiden schulten um, mieteten 100 Quadratmeter an der Hinterhufe an und schufen so  Platz für die Betreuung von neun Kindern. „Damit sind wir so eine Art Zwischending“, sagt Manuela Ludwig, „nicht die klassische Tagesmutter, die in den eigenen vier Wänden betreut, aber auch keine Kindertagesstätte“. Der Tag bei den „Rüplis“ beginnt um 7 Uhr, er endet um 15 Uhr – Zielgruppe sind Kinder bis drei Jahre. Angefangen haben die beiden Tagesmütter mit einer Wickelkommode von Ikea und vielen kreativen Ideen. Die Plätze waren wegen des damaligen Betreuungsnotstandes schnell vergeben – die Eltern der ersten Generation brachten Spielzeug mit und halfen beim Aufbau.

Heute ist die Großtagespflege voll ausgestattet und in jedem Einrichtungsstück spiegelt sich die Pädagogik der beiden Frauen wieder. „Uns ist es wichtig, dass die Kinder hier mitentscheiden können“, sagt Manuela Ludwig, die bei den „Rüplis“ eigentlich nur Ela genannt wird. Es gibt zwei Räume – einen zum Toben mit Matten, Rutsche, Schaukel und vor der Pandemie auch mit einem Bällebad. Der Raum gleich nebenan lädt zum Lesen, Entdecken, Plaudern und Kuscheln oder zum Basteln und Spielen ein.

Die Küche, die für die Kinder die meiste Zeit tabu ist, hat eine Glastür – damit die Kinder beim Kochen zuschauen können. Drei- bis viermal in der Woche wird frisch gekocht. Daneben haben die Rüplis Catering von „Apetito“ geordert – vor allem an Tagen, an denen weniger Zeit zum Kochen bleibt.

Gerade macht Ela Ludwig eine musikalische Ausbildung. Wenn sie ihre Lieder anstimmt, die sie für den Gesangsunterricht übt, wird es ganz leise in der Großtagespflege. „Wir ergänzen einander“, sagt Ines Bohl, „was die eine nicht kann, das kann dann eben die andere.“

Die beiden Tagesmütter erzählen von neuen gesetzlichen Regelungen und bürokratischen Hürden, wodurch Alltag und Finanzierung schwierig sei. Die Corona-Phase habe ihnen zugesetzt. „Wir sind vergessen worden“, sagen sie. Sie träumen von einem Springer, der die Tageseltern unterstützt – so wie in anderen Städten. Zu tun gebe es genug, die Nachfrage sei weiterhin hoch.

Manuela Ludwig und Ines Bohl lieben ihren Job: „Kinder sind so unvoreingenommen. So ermöglichen sie auch uns Erwachsenen einen völlig neuen Blick auf die Welt.“ Inzwischen hat Ela Ludwig wieder Socken und Hausschuhe an. Sie reicht einem Jungen seine Socken. Der schüttelt den Kopf. „Noch nicht“, sagt er und genießt noch für eine Weile das besondere Gefühl unter den Füßen.

Betreuung

Die Kindertagespflege ist eine gesetzlich anerkannte Betreuungsform. Alle Personen, die als Tageseltern tätig sein wollen, müssen eine entsprechende Qualifizierung nachweisen – um an den Start zu gehen, ist unter anderem eine Pflegeerlaubnis vom Jugendamt nötig.

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