Klima

Bauern kommen mit blauem Auge davon

Landwirt Torsten Mühlinghaus musste im Sommer unerwartet zufüttern. Sein Lager ist trotzdem gut gefüllt.
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Landwirt Torsten Mühlinghaus musste im Sommer unerwartet zufüttern. Sein Lager ist trotzdem gut gefüllt.

Verändertes Klima fordert einen angepassten Rhythmus, sagt Ortslandwirt Torsten Mühlinghaus.

Von Theresa Demski

Wermelsirchen. Die Scheunen sind voll – einigermaßen zumindest. „Wir sind in diesem Jahr mit einem blauen Auge davon gekommen“, sagt Ortslandwirt Torsten Mühlinghaus. Inzwischen sind auch der dritte Grasschnitt, das Wintergetreide und der Mais eingeholt. Ende Oktober steht noch ein vierter Schnitt ins Haus.

Während die meisten Menschen an einen heißen, trockenen Sommer zurückdenken, fällt die Lage für den Milchviehhalter etwas differenzierter aus. „Im Frühjahr ging es für uns gut los“, erzählt Mühlinghaus. Im Januar und im Februar habe es genug Wasser gegeben. Der erste Grasschnitt Anfang Mai sei richtig gut gewesen. „Und wir lagen auch mit dem Termin wieder deutlich früher, als noch im vergangenen Jahr“, sagt Mühlinghaus. Da hatte das Gras erst vier Wochen später die nötige Höhe und Dichte erreicht. Die Scheunen mit dem Futter für Rinder und Pferde füllten sich in der ersten Jahreshälfte 2022 also bestens. „Auch der zweite Schnitt Anfang Juni war noch ok“, sagt Mühlinghaus. Bis dahin habe es auch noch genug Regen gegeben.

„Dann ging es los mit der Trockenheit“, erinnert sich der Landwirt, „für den Mais war das Wetter genau richtig.“ Der brauche die Wärme, um zu wachsen. Das große Dilemma: Es wurde heiß. Der wenige Regen, der fiel, verdunstete schnell. „Am 20. Juli fielen dann 40 Millimeter Regen“, erinnert sich Mühlinghaus ganz genau. Und wieder profitierte der Mais. Das Wasser kam genau im richtigen Moment, um die Kolbenbildung voranzubringen.

Für das Gras allerdings kam es zu spät. „Der dritte Schnitte war eine afrikanische Ernte: Zu viel zum Stehenlassen, zu wenig zum Ernten“, sagt der Landwirt. So eine Hitze in Dauerschleife habe er in seiner Zeit als Landwirt noch nicht erlebt. „Von unten kein Wasser mehr, von oben kein Wasser: Das Gras verdorrte an den Halmen. Alles war nur noch braun“, erzählt er. Und von einem Tag auf den anderen reagierte plötzlich auch der Mais, der den ganzen Sommer über so gut gewachsen war: Eigentlich sei die Maisernte für den 20. September vorgesehen gewesen. „Aber innerhalb einer Woche war der Mais plötzlich braun“, sagt Mühlinghaus.

Wo immer die Sonne ungehindert auf den Mais fiel, begann er zu vertrocknen. „Wir haben dann schon am 11. und 12. September Mais gehäckselt“, erzählt der Milchviehalter, „wir konnten nicht mehr optimal ernten.“ Der Ertrag sei am Ende noch guter Durchschnitt.

In Sachen Qualität wird die Zeit zeigen, wie stark die Sonne dem Mais geschadet hat: Statt einer Restfeuchtigkeit von rund 68 Prozent, stellte Mühlinghaus noch rund 40 Prozent fest. „Das könnte am Ende Auswirkungen auf das Futter für die Rinder haben“, sagt er, „wir müssen dann die Verdauung der Tiere ganz genau im Blick behalten.“

Unterm Strich ist er trotzdem ganz zufrieden mit dem Jahr: Ein guter Winter könne eben viel ausgleichen, sagt er. Und wolle man sich künftig mit dem neuen Klima arrangieren, müsse man früher anfangen als die Elterngeneration. Als die Winter noch lang und hart waren, startete die Erntesaison für die Landwirte später. „Jetzt müssen wir den ersten Grasschnitt vorverlegen, um dann nach dem zweiten Schnitt einigermaßen durch die heißen Sommer zu kommen“, sagt Mühlinghaus. „Im Herbst kommen wir wieder zurecht“.

Und dann blickt er aus dem Fenster zu seinen Kühen, die nach all den Monaten endlich auf einer saftigen Wiese stehen. „Vor ein paar Wochen war hier noch alles braun“, sagt er. Er habe schon gewitzelt, dass man die Tiere künftig wohl eher im Winter nach draußen lasse, weil es dann auch grünes Gras gebe. Im Sommer habe er völlig unerwartet zufüttern müssen, damit die Tiere auf der Weide satt wurden.

Sorgen vor dem Winter macht sich der Landwirt nun aber nicht: Im vergangenen Jahr sei der Grasaufwuchs super gewesen und dieses Jahr in Ordnung. Mit dem Futter komme er nun über den Winter – vor allem dann, wenn der vierte Schnitt Ende Oktober noch einigermaßen gerate.

Die Baustelle zwischen Grunewald und Stumpf, die während der Erntezeit genau zwischen seinen Feldern und seinem Hof in Oberrautenbach lag, behinderte die Ernte übrigens nicht. „Wir haben unsere Zeiten angepasst, und das Bauunternehmen hat uns Möglichkeiten eingeräumt, die Ernte nach Hause zu bringen“, sagt er.

Hintergrund

Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir sagte zum Erntebericht 2022: „Wir können dankbar und teilweise zufrieden sein mit der Ernte. Denn die Landwirte haben dafür gesorgt, dass wir auch in Zeiten multipler Krisen gesundes und hochwertiges Essen auf dem Tisch haben.“ Er sieht die Notwendigkeit, für künftige gute Ernten vorzusorgen: „Perspektivisch wird es darum gehen, den Anteil regional erzeugter Produkte auch in anderen Sparten zu erhöhen.“

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