Viele Mitarbeiter abgewandert

Bäckereien klagen über Personalmangel

Ab 13 Uhr hat die Evertzberg-Filiale an der Telegrafenstraße geschlossen. Foto: Anja Carolina Siebel
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Ab 13 Uhr hat die Evertzberg-Filiale an der Telegrafenstraße geschlossen.

Zum Teil müssen die Filialen ihre Öffnungszeiten anpassen und früher schließen.

Von Anja Carolina Siebel

Wer wochentags nach 13 Uhr frische Brötchen bei Evertzberg an der Telegrafenstraße kaufen möchte, steht derzeit vor verschlossener Tür. Die Filiale hat ab mittags geschlossen. Der Grund: Personalmangel. Das bestätigt Evertzberg-Geschäftsführer Oliver Platt auf Nachfrage. „Das ist zurzeit ein verbreitetes Problem in der Branche“ sagt Platt. „Und auch die Gastronomiebetriebe haben nach den Corona-Lockdowns ja Probleme, Personal zu finden.“

Bei Evertzberg sei der Personalmangel „ganz klar auf Corona zurückzuführen“, betont der Geschäftsführer. „Wir mussten über lange Strecken in Kurzarbeit gehen – und da sind viele Mitarbeiter abgewandert.“ Rund 20 Kräfte würden bei Evertzberg im Verkauf fehlen, fünf in der Produktion. Platt: „Das spüren wir eklatant.“ Weil das Unternehmen aber streng das Arbeitsrecht einhalten und den Mitarbeitern auch weiterhin die ihnen zustehenden Ruhezeiten und freien Tage gewähren wolle, habe man entschieden, die Öffnungszeiten verschiedener Filialen anzupassen. Das betrifft nicht nur die Dependance an der Telegrafenstraße. Auch in den anderen Evertzberg-Filialen ist sonntags zum Teil nicht mehr bis 17 Uhr und samstags nur noch bis zum späten Mittag geöffnet.

Auch Nicole Bauer (Landbäckerei Bauer) bemerkt die Schwierigkeiten. „Sowohl in der Produktion als auch im Verkauf“, sagt die Chefin. Zum Teil sei der Personalmangel coronabedingt, vermutet sie. „Aber im Handwerk bestehen ja auch generell Probleme, qualifizierte Mitarbeiter zu finden.“ Das Unternehmen habe bereits eine professionelle Agentur damit beauftragt, neue Leute zu rekrutieren. Und auch mit attraktiven Angeboten für die Mitarbeitenden versuchen die Bauers, den Job in den Bäckereien attraktiver zu gestalten. „Einem Konditor von uns haben wir beispielsweise ein E-Bike zur Verfügung gestellt.“

Gleichwohl sei der Mangel an Arbeitskräften „an allen Ecken zu spüren. Mein Bruder und ich packen an, wo wir können.“ Aktionen wie das Backen von Weckmännern für Schulen und Kitas, das sonst jedes Jahr stattfand, kann die Bäckerei Bauer diesmal aber einfach nicht mehr stemmen.

„Unsere Kunden verlangen, dass sie sonntags frische Brötchen bekommen.“

Peter Lob, Innungsobermeister

Thorsten Heidenpeter-Wader, Geschäftsführer der Bäckerei Beckmann, ist froh, „dass der Personalmangel bei uns noch nicht so einschneidend ist wie bei Wettbewerbern“. Auf die frühere Schließung von Filialen könne man bisher noch verzichten. „Aber natürlich müssen auch wir uns bemühen, neue Kräfte zu finden“, räumt Heidenpeter-Wader ein. Dafür geht das Unternehmen zum Teil neue Wege. „Wir werben über Social Media-Kanäle, teilweise mit kleinen Filmen, für das Bäckerei- und Konditor-Handwerk.“ Vor allem Auszubildende seien in den Bäckereien des Kreises schwer zu gewinnen, bestätigt Peter Lob, Obermeister der Bäckerinnung im Rheinisch-Bergischen Kreis. Der Bergisch Gladbacher Bäckermeister berichtet, dass er wie viele Kollegen den jungen Menschen, die das Bäckerhandwerk erlernen, bereits entgegenkomme – etwa im Hinblick auf die Arbeitszeiten. „Die dürfen dann eben schon mal um 5 oder 6 Uhr anfangen statt wie früher um 3 oder 4 Uhr.“ Auf Wochenendarbeitszeiten und Schichtdienste müssten sich die Anwärter der Berufssparte aber einstellen. Lob: „Das verlangen unsere Kunden einfach, dass sie auch sonntags frische Brötchen bekommen. Im Verkauf haben wir Schichtdienste eingerichtet, die in der Regel von früh morgens bis mittags und von mittags bis abends dauern. Das wissen die Mitarbeiter aber auch.“ Dass Filialen wegen Personalmangels zum Teil früher schließen, sei ihm bekannt. „Ich vermute, dass sich das noch zuspitzt.“ | Standpunkt

Gastronomie

Auch in den Gastronomiebetrieben macht sich der Personalmangel bemerkbar. Aktuelle Zahlen der Bundesagentur für Arbeit machen den Mangel an Mitarbeitern deutlich. Die Situation führe teilweise zur Ausdünnung des Service in den Betrieben bis hin zu Schließungen, beklagt beispielsweise der Dehoga Bundesverband. Laut Bundesagentur habe sich die Zahl der offenen Stellen in der Gastronomie seit April praktisch verdoppelt. Das führt in den Restaurants zum Teil ebenso zu Schließungen oder geänderten Öffnungszeiten.

Standpunkt: Unabsehbare Folgen

Von Anja Carolina Siebel

anja.siebel@rga.de

Im Grunde war ja bereits voriges Jahr abzusehen, dass die Corona-Krise auch auf dem wirtschaftlichen Sektor ihre deutlichen Spuren hinterlassen würde. Die Gastronomiebetriebe und der Kultur- und Veranstaltungsbereich schienen besonders betroffen. Eben weil es aufgrund der erhöhten Infektionsgefahr über längere Zeit keine Restaurantbesuche und Veranstaltungen geben durfte. Nun kristallisiert sich indes ein weiteres Problem heraus, das unter anderem auch die Corona-Pandemie mit sich gebracht hat: der Personalmangel. Viele Kellner oder auch Bäckerei-Angestellte wanderten aufgrund der Schließungen und der Kurzarbeit in andere Branchen ab. Eine Folge: Die Betriebe haben nun Schwierigkeiten, wieder qualifiziertes Personal zu rekrutieren. Das führt schließlich dazu, dass sie nicht mehr den Service anbieten können, den die Kunden von ihnen gewöhnt sind. Zum Teil müssen die Bäckerei-Filialen im Kreis sogar deshalb schon früher am Tag schließen. Laut dem Obermeister der Innung ein Problem, das sich ausweiten könnte. Mit unabsehbaren Folgen, die letztlich die Unternehmer und auch die Kunden hinnehmen müssen.

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