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Bäckereien ächzen unter den explodierenden Energiekosten

Bäckermeister Uli Herrmann schließt Preisanpassungen nicht aus. Aber die Qualität müsse unbedingt hoch bleiben.
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Bäckermeister Uli Herrmann schließt Preisanpassungen nicht aus. Aber die Qualität müsse unbedingt hoch bleiben.

Ausgaben werden immer höher. Kunden immer zurückhaltender.

Von Stephan Singer

Wermelskirchen. Bäckermeister Stephan Gosse in Dabringhausen will seine Sorgen im Gespräch mit unserer Redaktion gar nicht erst schönreden: „Erst hatten wir Corona, jetzt haben wir die Energiekrise. Das ist zu viel.“ Der 55-Jährige, der die Bäckerei im Dawerkuser Dorf 1985 mit seiner Mutter Ingrid von seinem Vater Artur übernahm, hat derartige Schwierigkeiten, wie sie derzeit auf den Handwerksbetrieb einprasseln, noch nicht erlebt: „Da weiß man nicht wirklich, was man machen soll.“

Die Rohstoffpreise für zum Beispiel Butter oder Schmalz hätten sich verdreifacht, statt gut 900 Euro monatlich zahle er nun rund 1500 Euro für Gas, um seine Backöfen zu beheizen. Und was genau bei den Stromabschlägen passiere, könne er angesichts eines Bedarfs von rund 100 000 Kilowattstunden pro Jahr noch gar nicht abschätzen. „Diese Kostenanstiege kann ich nicht vollständig an die Kunden weitergeben“, sagt Gosse: „Die Menschen haben Angst vor den Abschlägen, die sie persönlich zu erwarten haben. Sie sparen am Essen, verzichten auf Qualitätsprodukte.“ Die frischen Bäcker-Brötchen am Sonntag seien ein Luxus geworden.

„Wenn es keinen Deckel bei den Energiepreise gibt, wird das sicherlich eine Existenzbedrohung. Das gilt nicht nur für uns, sondern für alle Kollegen“, berichtet der Dabringhausener Bäckermeister und gibt offen zu, dass er einen Rückgang der Kundenfrequenz von etwa 30 Prozent hinnehmen muss bei gleichzeitigem Material- und Zutaten-Kostenanstieg: „Ein Körnerbrötchen muss inzwischen für einen Euro verkauft werden – das ist Wahnsinn. Da wird ein Spekulatius-Plätzchen so teuer wie eine Praline.“

Stephan Gosse skizziert die Dramatik der Situation an einer anderen Kennzahl: „Früher brauchten wir Sonntagsvormittags drei Verkäuferinnen im Geschäft, um den Andrang zu bewältigen – jetzt reicht eine, weil statt 100 lediglich 50 Kunden kommen.“ Die Stellschrauben, an denen er als selbstständiger Bäckermeister drehen könne, seien begrenzt, über Einsparungen beim Personal mag er nicht nachdenken: „Das sind alles langjährige Mitarbeiter, die gebraucht werden.“

Eine Einschränkung der Öffnungszeit sei denkbar, um Energiekosten zu sparen. Genauso eine noch effektivere Nutzung der Backöfen: „Möglicherweise lassen die sich schneller belegen und schneller wieder abschalten, damit sie weniger lang in Betrieb sind – aber es geht gerade alles so schnell, dass für solche Überlegungen kaum Zeit bleibt.“ Zu allem Übel werde es für große energieintensive Industriebetriebe wohl staatliche Unterstützung geben, für kleinere Handwerksbetriebe vermutlich nicht, befürchtet der Dabringhausener Bäcker.

Genauso wie Stephan Gosse beobachtet auch Bäckermeister Uli Herrmann in Wermelskirchen, dass sich die Stammkunden um die Existenz ihres Lieblingsbäckers sorgen. Gosse sagt: „Die haben Angst, dass wir über die Klinge springen.“ Und Uli Herrmann berichtet von Kunden, die ihn gar zur Erhöhung der Preise auffordern, damit seine Bäckerei überleben kann. Aber, das unterstreicht Herrmann deutlich: „Ich musste bislang keine Preiserhöhungen bei meinen Backwaren vornehmen und wollte es auch nicht. Wenn es an die Grenze gehen sollte, dann muss ich natürlich über Preisanpassungen nachdenken.“

Er arbeite gerne und viel, sagt Uli Herrmann, und die Situation ginge nicht spurlos an seinem Betrieb vorbei: „Wir haben mal täglich 500 Brötchen verkauft, jetzt sind es noch 100.“ Herrmann, der seine Backöfen mit Öl heizt, spricht von einer „blamablen Kalkulation“, wenn er von Bäckereien lese, die behaupteten, dass wegen der Verteuerung der Papierpreise das Brot teurer werden müsse: „Ich habe viele Rohstoffe noch auf Lager und noch günstiger eingekauft.“ Nicht diskutabel ist in den Augen des 60-Jährigen sein Qualitätsanspruch: „Ich backe mit Butter und Milch, nicht mit Margarine und Wasser.“ Eine Maxime stellt Uli Herrmann für sich heraus: „Ich bin Christ und versuche, christlich zu handeln.“ Das heiße: „In so einer Krise müssen wir alle zusammenhalten.“

Öffnungszeiten aufgrund von Personalmangel eingeschränkt

Rhetorisch fragt er, der seinen Betrieb seit 1999 führt: „Oder soll es so weit kommen, dass sich eine junge Familie, die eine neue Waschmaschine braucht, sich diese nicht leisten kann? Oder wenn Weihnachten kommt, kein Geld mehr für die Geschenke für die Kinder da ist?“ Seine Nachmittagsöffnungszeiten habe er allerdings wegen Personalmangel einschränken müssen.

Hintergrund

Über zwei Drittel der Bäckereien betrieben ihre Öfen mit Gas, hieß es zuletzt von der Innung. Entsprechend seien sie von den massiven Preissteigerungen mit voller Wucht betroffen und wüssten nicht, wie sie die nächsten Monate überstehen sollen.

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