Ausnahmezustand darf nicht „neue Normalität“ werden

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Die Woche

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Von Axel Richter

Gewiss: Von der Diktatur sind wir weit entfernt. Die persönlichen Einschränkungen, die die meisten von uns in der Corona-Krise beinahe klaglos hinnehmen, bewegen sich im Rahmen unserer demokratischen Verfassung. Sie sind, so wird uns gesagt, zeitlich begrenzt, und sie sind, das ist das gewichtigste Argument, dem Schutz vieler Leben geschuldet. Wenn indes namhafte Politiker von einer „neuen Normalität“ reden, mit der wir uns arrangieren sollten, so ist unser Widerspruch dringend vonnöten.

Nichts an dem, was wir derzeit erleben, ist normal. Nichts davon sollte uns je zur Normalität werden. Und zwar selbst dann nicht, wenn die führenden Virologen dieses Landes uns dazu raten. Denn auch über ihre Empfehlungen muss diskutiert werden dürfen. Tatsächlich fand lange keine Debatte darüber statt, in welchem Verhältnis die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus zu den erwartbaren Kollateralschäden stehen.

Wer die Frage dennoch aufwarf, geriet dagegen bald unter einen schwerwiegenden Generalverdacht. Sollten ihm die persönliche Freiheit, der Beruf, das Geschäft, die Annehmlichkeiten des Alltags etwa wichtiger sein als das Leben alter, kranker Menschen? In der Flüchtlingskrise des Jahres 2015 gab es ähnliche Reflexe. Damals sah sich bald jeder dem Vorwurf einer rechten Gesinnung ausgesetzt, der die ungeregelte Zuwanderung von Menschen aus fremden Kulturkreisen auch nur leise infrage stellte. Freilich stimmt weder das eine noch das andere. Weder ist der automatisch ein rechter Spinner, der in der Flüchtlingskrise Zweifel an der Willkommenskultur hegte. Noch ist der in der Viruskrise unsolidarisch, der darauf hinweist, dass die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie ihre Kehrseite haben.

Doch vor allem in den sogenannten sozialen Netzwerken, wo Heerscharen unkundiger Schwätzer auf das politische Klima Einfluss nehmen, wird diesbezüglich kein Unterschied gemacht. Verwundern kann das nicht. Wo die Schwarmdummheit regiert, sucht man Differenzierung meist vergebens.

Wie wohltuend ist es da, mit Menschen wie Dr. Bettina Stiel-Reifenrath zu sprechen. Selbst Ärztin lenkt sie im Gespräch mit unserer Zeitung (siehe Interview unten) den Blick auf das, was in der Krise hätte besser laufen müssen und auf das, was danach wiederhergestellt werden muss.

Dazu zählt vor allem das Recht auf Selbstbestimmung. Ein Staat, der seinen alten Menschen das Recht abspricht, ihre Enkel auf den Schoß zu nehmen und der Sterbenskranken das Abschiednehmen verweigert, kann niemals Teil einer „neuen Normalität“ sein. Und zwar auch dann nicht, wenn es um den Gesundheitsschutz geht. Es wäre nämlich nicht das erste Mal in der Geschichte, dass das Streben nach einem übergeordneten hohen Gut am Ende doch in die Diktatur führt.

Ausgezeichnet: Schlaganfall-Selbsthilfegruppe zählt zu den besten des Landes.

Denunziantentum: Blockwarte verpetzen andere in der Krise.

axel.richter @rga-online.de

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