Interview der Woche

Arzt: „Auch die Grippe birgt Risiken“

Sebastian Strehlow ist Oberarzt im Krankenhaus Wermelskirchen.
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Sebastian Strehlow ist Oberarzt im Krankenhaus Wermelskirchen.

Sebastian Strehlow, Oberarzt im Krankenhaus, über die Influenza-Immunisierung.

Von Wolfgang Weitzdörfer

Wie wichtig ist die Grippeschutzimpfung?
Dr. Sebastian Strehlow: Die Grippeschutzimpfung ist natürlich weiterhin wichtig. Und zwar, um zum einen schwere Verläufe der Influenza bei den Risikogruppen zu verhindern, was zum anderen dafür sorgt, dass das Gesundheitssystem entlastet wird sowie Engpässe in den Krankenhäusern verhindert werden.
Wer sollte sich impfen lassen?
Strehlow: Zu den Gruppen, denen die Impfung gegen die Influenza empfohlen wird, gehören grundsätzlich Menschen im Alter ab 60 Jahren sowie schwangere Frauen ab dem vierten Schwangerschaftsmonat. Außerdem sollten sich Personen mit chronischen Erkrankungen impfen lassen, etwa der Lunge, des Herzkreislaufsystems sowie Menschen mit Diabetes oder einer Immunsuppression, also einem Immunsystem, das aus unterschiedlichen Gründen unterdrückt ist. Ebenfalls empfohlen wird die Impfung gegen Influenza den Bewohnerinnen und Bewohnern von Senioren- und Pflegeheimen, Menschen, die im gleichen Haushalt wie jene der Risikogruppen leben sowie Personen mit einem erhöhten beruflichen Risiko – etwa medizinisches Personal oder solches in Berufen mit umfangreichem Publikumsverkehr. Grundsätzlich sind das die Empfehlungen – die Ständige Impfkommission rät allen anderen aber auch nicht davon ab. Allerdings verläuft die Influenza bei gesunden Kindern oder Erwachsenen unter 60 Jahren meist ohne schwerwiegende Komplikationen.
Wann ist der geeignete Zeitpunkt dafür?
Strehlow: Der Höhepunkt einer jeden Grippewelle ist meist nach der Jahreswende. Daher empfiehlt es sich, die Grippeschutzimpfung ab Oktober bis Mitte Dezember zu bekommen.
Gibt es Personengruppen, die sich nicht impfen lassen sollten?
Strehlow: Man sollte nicht zur Grippeschutzimpfung gehen, wenn man akut an einer fieberhaften Erkrankung oder einer schweren Infektion leidet – dann sollte man die Impfung schnellstmöglich nach der Gesundung nachholen. Wer auf jeden Fall zuvor mit dem Hausarzt sprechen sollte, sind Personen mit einer schweren Allergie gegen Hühnereiweiß oder gegen einen anderen Bestandteil des Impfstoffs.
Welches Herstellungsprinzip steckt hinter der Grippeschutzimpfung?
Strehlow: Die Grippeviren werden in Hühnereier eingebracht, wo sie sich vermehren. Dann findet eine Inaktivierung statt. Um den Impfstoff dann herzustellen, werden vier verschiedene Viren-Stämme gemischt und zu einem Impfstoff zusammengebracht. Die saisonale Influenza wird aktuell von vier Stämmen mit ihren unterschiedlichen Subtypen verursacht. Mehrere Referenzlabore übertragen ihre Ergebnisse in Bezug auf die aktuell zirkulierenden Influenzaviren an die Weltgesundheitsorganisation, die dann eine entsprechende Empfehlung zur Herstellung herausgibt. Grundsätzlich gibt es verschiedene Arten von Impfstoffen – bei der Influenza kommen vor allem Totimpfstoffe zum Einsatz, bei Impfungen gegen Masern, Mumps oder Röteln sind es Lebendimpfstoffe - geringe Mengen abgeschwächter vermehrungsfähiger Erreger, die aber keine Erkrankung mehr auslösen können. Und dann gibt es noch die mRNA-Impfstoffe, die aktuell auch bei der Coronaschutzimpfung verwendet werden.
Wie wirksam ist sie – allgemein und durchschnittlich betrachtet?
Strehlow:Die Wirksamkeit der Influenza-Impfung kann in jeder Saison sehr unterschiedlich sein und hängt zudem von verschiedenen Faktoren ab – dem Alter des Impflings oder vorherigen Influenza-Infektionen oder Grippeschutzimpfungen. Es ist ein bisschen wie mit dem Blick in die Glaskugel, da der Impfstoff jedes Jahr an die voraussichtlich dominierenden Virenstämme angepasst wird. Die Impfstoff-Produktion dauert bis zu sechs Monate – möglicherweise haben sich in der folgenden Saison wieder andere Virusstämme durchgesetzt. Die Produktion der Impfstoffe beginnt immer schon Februar des Vorjahres. Studien haben ergeben, dass die Wirksamkeit der Influenza-Impfung in Bezug auf die Verhinderung von laborbestätigten Arztkonsultationen zwischen 20 und 60 Prozent bei einer mittleren Wirksamkeit von 41 Prozent bei älteren Erwachsenen liegt.
Gibt es Kontraindikationen der Grippeschutzimpfung mit der Corona-Schutzimpfung?
Strehlow: Nein, die gibt es nicht. Die Grippeschutzimpfung kann im Prinzip sogar zeitgleich zur Coronaschutzimpfung verabreicht werden. Allerdings sollten die Injektionen dann an unterschiedlichen Gliedmaßen verabreicht werden.
Glauben Sie, dass die Akzeptanz der Grippeschutzimpfung im Zuge der Impfdiskussionen während der rund um Corona-Pandemie sozusagen gelitten hat?
Strehlow:Das ist natürlich erst einmal eine eher theoretische Frage, die sich schwer beantworten lässt. Da aber bereits im Vorfeld und auch während der Corona-Pandemie die von der WHO geforderte Impfquote gegen Influenza von 75 Prozent bei älteren Menschen in Deutschland beispielsweise in der Saison 2020/21 mit nur 47 Prozent deutlich unterschritten wurde, kann man nur hoffen, dass es nicht zu einer weiteren Verschärfung der Impfskepsis geführt hat.
Lassen sich diese Impf-Arten überhaupt vergleichen?
Strehlow: In ihrer Herstellung sind sie zwar unterschiedlich – aber da sowohl mRNA-basierte als auch vektorbasierte Impfstoffe gegen Covid 19 keine vermehrungsfähigen Viren enthalten, können sie durchaus mit den Totimpfstoffen gleichgesetzt werden.
Gibt es irgendwelche Prognosen zum Grippevirus dieses Winters?
Strehlow: Es ist praktisch nicht möglich, hier eine vernünftige Prognose abzugeben, da man sich im Vorfeld nur an den voraussichtlich dominierenden Virusstämmen orientieren kann. Entsprechend sieht es dann mit der Wirksamkeit des Impfstoffes aus – und eben auch mit der Schwere der Grippewelle.
Welches sind die klassischen Grippe-Symptome, kann man das sagen?
Strehlow: Hier kann man eigentlich die allgemein bekannten Erkältungssymptome angeben – Husten, Schnupfen, Hals- und Kopfschmerzen und Fieber. Es kann zu leichten und schweren Verläufen kommen, tendenziell sind die Influenza-Verläufe aber deutlich schwerer als die eines grippalen Infekts oder einer Erkältung.

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