Medizin

Apotheker warnen vor Tauschbörse

Apotheker Zafer Arslan stellt in der Apotheke an der Post in Wermelskirchen auch selber Arzneimittel her. Hier misst er im Labor den Wirkstoff für einen Fiebersaft ab.
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Apotheker Zafer Arslan stellt in der Apotheke an der Post in Wermelskirchen auch selber Arzneimittel her. Hier misst er im Labor den Wirkstoff für einen Fiebersaft ab.

Bundesärztekammer schlägt wegen Lieferengpässen „Flohmarkt für Medikamente“ im Freundeskreis vor.

Von Theresa Demski

Wermelskirchen. Hohes Fieber, Husten, Schnupfen, Heiserkeit: Mit der Erkältungswelle – vor allem bei Kindern – ist vor Weihnachten die Angst vor dem Medikamentenengpass angestiegen. Fiebersäfte etwa sind in den heimischen Apotheken nicht mehr jeder Zeit zu bekommen. Auch Hustensäfte für Kinder wurden knapp – infolge der steigenden Zahl paralleler Erkrankungen. Daneben gibt es auch bei Antibiotika und bestimmten Krebsmedikamenten bereits seit dem Sommer Lieferengpässe.

In dieser Situation brachte Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, „Flohmärkte für Medikamente in der Nachbarschaft“ ins Spiel – und löste damit eine große, bundesweite Diskussion aus. Für solche Medikamenten-Flohmärkte könnten auch Arzneimittel infrage kommen, deren Haltbarkeitsdatum gerade abgelaufen sei, sagt Reinhardt. Und er betonte: „Wer gesund ist, muss vorrätige Arznei an Kranke abgeben.“

Die Empörung war vielerorts groß. Ulla Buhlmann von der Bergischen Apotheke in Wermelskirchen empfiehlt unterdessen, sich nicht aufzuregen: „Das war eine unglückliche Wortwahl“, sagt sie, „das hat er sicher nicht so gemeint, wie es später ausgelegt wurde.“ Vielmehr habe Reinhardt wohl vor allem auf eine ohnehin gängige Praxis verwiesen: Habe ein Kind im Freundeskreis hohes Fieber und es sei kein Fiebersaft mehr zu bekommen, liege die Frage doch nahe: „Hast du noch etwas Fiebersaft übrig?“ Sie habe den Eindruck, dass sich viele Menschen in den vergangenen Monaten bevorratet hätten: Wann immer die inzwischen selten gewordenen Medikamente zu haben waren, griffen Kunden zu. Andere kauften auf Verdacht. „Aber nicht jeder ist ja gleichzeitig betroffen“, sagt die Apothekerin. So häufen sich in den Medikamentenschränken der einen die Mittel, während sie an anderer Stelle gebraucht würden.

Allerdings warnt auch Ulla Buhlmann davor, Medikamente leichtfertig weiterzugeben. „Antibiotika zum Beispiel können nicht einfach weitergegeben werden“, sagt sie. Wer welche übrig habe, habe die Mittel selbst nicht nach Vorgabe des Arztes genommen. „Dann ist es immer besser, mit uns ins Gespräch zu kommen“, sagt Ulla Buhlmann. Nach Rücksprache mit den Ärzten gebe es für viele Mittel einen Plan B. „Wir machen auch viel selbst“, sagt sie und erinnert an die Arbeit im Labor. Das gelte zum Beispiel auch für Ibu-Säfte. „Wir haben noch immer eine Lösung gefunden“, sagt Ulla Buhlmann, „jedes kranke Kind hat etwas bekommen, was ihm geholfen hat.“

Unterdessen warnt Zafer Arslan von der Apotheke an der Post vor „Flohmärkten für Medikamente“: Der Vorschlag sei gut gemeint, aber zu kurz gedacht gewesen. „Sicherlich wird jeder zustimmen, dass Arzneimittel in die Apotheken gehören“, sagt er. Ein Medikamententausch berge die große Gefahr, dass Menschen Selbstdiagnosen stellen und falsche, gefährliche Medikamente einnehmen würden. Auch juristisch gesehen sei es nicht erlaubt, als Laie Arzneimittel in den Verkehr zu bringen oder bei anderen anzuwenden. „Ein Flohmarkt wird also eher zu größeren Problemen führen, aber keine Lieferengpässe lösen“, ist sich der Apotheker sicher.

Gegen Lieferengpässe muss eine politische Lösung her

Sein Appell gilt in dieser Situation vor allem der Politik, weniger der Kunden: „Falsche Politik der vergangenen 20 Jahre führt uns jetzt zu so einer prekären Lage“, ist sich Zafer Arslan sicher. Im Gesundheitswesen sei zu lange gespart worden. Und die Lieferengpässe seien in den vergangenen Tagen sogar noch schlimmer geworden: „Zu den fehlenden Fieber- und Schmerzsäften kommen immer weitere Medikamente hinzu“, sagt Arslan. Eine Hiobsbotschaft aus China habe die Lage weiter verschärft: Wegen der dortigen Corona-Situation wolle China angeblich den Export von Ibuprofen und Paracetamol fürs Erste ganz stoppen, berichtet der Apotheker.

„Jetzt sind einzig und allein die Politiker gefragt, um schnelle Lösungen zu präsentieren“, fordert Zafer Arslan. Statt solche „Flohmärkte für Medikamente“ ins Spiel zu bringen, müssten nun politische Lösungen greifen. „Denkbar ist hier meiner Meinung nach, dass europäische Länder sich kurzfristig untereinander aufhelfen“, betont der Wermelskirchener Apotheker. Außerdem müssten Anreize geschaffen werden, damit die deutsche Pharmaindustrie in eine sehr schnelle Vor-Ort-Produktion der fehlenden, lebenswichtigen Medikamente einsteige.

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