Medikamente

Apotheken: Gründe für Engpässe komplex

Das Team der Montanus-Apotheke - hier in Hilgen- müht sich darum, trotz der Engpässe die Kunden in der Apotheke bestmöglich zu versorgen.
+
Das Team der Montanus-Apotheke - hier in Hilgen- müht sich darum, trotz der Engpässe die Kunden in der Apotheke bestmöglich zu versorgen.
  • Anja Carolina Siebel
    VonAnja Carolina Siebel
    schließen

Pharmazeuten erklären, warum manche Medikamente nicht lieferbar sind.

Wermelskirchen. Der Kopf brummt, die Nase läuft – und der Rachen fühlt sich auch an wie ein Reibeisen. Viele führt der Weg in diesen Tagen zur Apotheke. Um ein oder mehrere rezeptfreie Arzneimittel zu bekommen, die die Erkältungssymptome möglicherweise lindern. Inzwischen können sich aber auch die von Viren Geplagten nicht mehr sicher sein, dass diese nicht verschreibungspflichtigen Präparate auch gleich zu bekommen sind. Kindersäfte gegen Husten oder Fieber waren zuletzt wie berichtet knapp; Probleme gibt es auch bei Antibiotika, Blutdrucksenkern, Cholesterinsenkern und Säureblockern für den Magen.

Auch im Krankenhaus Wermelskirchen hat man die Lücken in der Medikamentenversorgung bereits bemerkt. „Aber bisher nicht so, dass wir Probleme bekommen würden“, betont Dr. Volker Launhardt, Ärztlicher Direktor und Chefarzt an der Königstraße. „Wir behelfen uns dann mit anderen Präparaten oder anderen Marken mit denselben Wirkstoffen.“ Aber auch die niedergelassenen Ärzte würden die Engpässe bereits spüren, berichtet Launhardt.

Was diesen Engpässen zugrunde liegt, sei komplex, sagen Wermelskirchener Apotheker. „Das hat nicht nur einen Grund“, erklärt Ulla Buhlmann (Bergische Apotheke). „Zum einen kommt zu den Engpässen gerade natürlich ein sehr hoher Krankenstand“, sagt die Apothekerin. Dadurch seien die Engpässe deutlicher spürbar.

Auch die Personalknappheit, die sich durch sämtliche Branchen ziehe, sei ein relevantes Thema. „Dann haben wir natürlich viele unterbrochene Lieferketten; das hat zum Teil logistische und auch politische Gründe. Viele Präparate kommen beispielsweise aus China. Aufgrund der Null-Covid-Strategie dort waren viele Betrieb lange geschlossen. Das hat dann eben Konsequenzen“, erklärt Ulla Buhlmann.

Ein Problem sei zudem, dass die Krankenkassen vorwiegend Billig-Marken präferieren, bei denen sie zuzahlen. Das heißt: Wenn der Arzt ein Medikament verschreibt, entscheidet die jeweilige Kasse des Patienten, welches Produkt, das die entsprechenden Wirkstoffe enthält, das sein soll. Meist handelt es sich dabei um so genannte Generika. Das sind Nachahmerprodukte, die nach Ablauf des Patentschutzes für ein Originalpräparat auf den Markt gebracht werden. Ein Generikum muss dem Original in Darreichungsform, Wirkstoff und Wirkstärke gleichen. Die Bioverfügbarkeit von Generikum und Originalpräparat darf nur minimal voneinander abweichen.

Und: Firmen könnten nicht liefern, weil Verpackungsmaterialien knapp seien. Buhlmann: „Es gibt Hersteller, die haben keine Glasflaschen mehr. Deshalb fehlt es an Hustensaft oder Nasentropfen. Andere klagen über fehlende Kartonagen.“

Dr. Andreas Winterfeld (Montanus-Apotheken) sagt, dass das Problem nicht unbedingt ein neues ist. „Es fiel nur jetzt besonders stark auf, weil in der Erkältungszeit sehr stark genutzte Präparate wie Husten- und Fiebersäfte für Kinder, nicht verfügbar waren.“ Winterfeld erinnert aber daran, dass es vor einigen Jahren schon einmal Engpässe bei Blutdruckmedikamenten aus China gab, weil damals Chargen verunreinigt waren.

Ärzte würden zu 76 Prozent Generika verschreiben, „weil die Kassen praktisch gezwungen sind, Präparate der billigsten Hersteller zu bezahlen.“ Und: „Die Hersteller sind nicht immer transparent uns gegenüber, wenn ein Medikament nicht verfügbar ist. Wären sie das, würden sie von den Kassen Konventionalstrafen riskieren, weil sie eigentlich eine Lieferpflicht haben.“

Die Apotheker könnten nur auf das Verständnis der Kunden hoffen. Und sie versuchen sich häufig selbst zu helfen: „Manche Medikamente, wie Säfte oder Zäpfchen, können wir selbst herstellen“, sagt Dr. Thomas Winterfeld. „Und das machen wir auch. Denn wenn ein Kind hohes Fieber hat, braucht es sofort ein Medikament.“

Apotheker

Vor wenigen Jahrzehnten seien die aktuellen Lieferengpässe undenkbar gewesen, kritisiert Thomas Preis vom Apothekerverband. „Heute sind China und Indien die Apotheke der Welt.“ Aus seiner Sicht wäre es wichtig, möglichst viel Produktion nach Deutschland zurückzubringen.

Standpunkt von Anja Carolina Siebel: Veränderung muss her

anja.siebel@rga.de

Es kommen sicher viele Faktoren zusammen, wenn es um die Engpässe bei den Medikamenten geht. Der simpelste ist vielleicht der, dass das jetzt in Zeiten hoher Erkältungs- und Grippewellen besonders auffällt. Denn das Problem ist nicht neu.

Und umso drängender wird es aber Zeit für Veränderungen. Vor allem auch in der Einstellung der Krankenkassen, vorwiegend auf Billigpräparate zurückzugreifen, die meist nicht aus Deutschland, sondern aus anderen Ländern oder sogar Kontinenten angeliefert werden müssen.

An vielen Beispielen sieht man ja derzeit, dass diese Abhängigkeit nicht mehr ohne Weiteres und vor allem nicht ohne Probleme funktioniert. Es wird also möglicherweise Zeit, sich umzuorientieren. Auch auf dem Medikamentensektor. Und: Sicher kommt es auch auf die Kunden an, die vielleicht mehr Verständnis aufbringen sollten, dass der Apotheker nicht der Schuldige ist, weil das so benötigte Medikament gerade nicht da ist.

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Auf die Samenmischung kommt es an
Auf die Samenmischung kommt es an
Auf die Samenmischung kommt es an
Dr. Schliermann: Gewalt hat lebenslange Folgen
Dr. Schliermann: Gewalt hat lebenslange Folgen
Dr. Schliermann: Gewalt hat lebenslange Folgen
Hautarzt Harke geht nach 33 Jahren
Hautarzt Harke geht nach 33 Jahren
Hautarzt Harke geht nach 33 Jahren
Krankenhaus fährt Betrieb langsam hoch
Krankenhaus fährt Betrieb langsam hoch
Krankenhaus fährt Betrieb langsam hoch

Kommentare