Achtsamkeit hilft durch viele Krisen

Armin Druschke gibt Tipps, wie man mit diffusen Ängsten umzugehen lernt. Foto: Armin Druschke
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Armin Druschke gibt Tipps, wie man mit diffusen Ängsten umzugehen lernt.

Der Meditations- und Achtsamkeitslehrer Armin Druschke spricht über persönliche Entwicklung in unsicherer Zeit

Von Anja Carolina Siebel

Herr Druschke, wir leben in unsicheren Zeiten. Die Corona-Pandemie und aktuell der Krieg in der Ukraine bereiten vielen Menschen schlaflose Nächte und wecken bei vielen Ängste. Begegnen Ihnen bei Ihrer Arbeit als Achtsamkeits- und Meditationslehrer solche Ängste bei Menschen auch?

Armin Durschke: Auf jeden Fall. Ich bekomme es im persönlichen Umfeld, aber auch bei meinen Schülern mit. Da sind diffuse Ängste, die sie zum Teil gar nicht richtig benennen können. Neulich hatten wir zum Beispiel ein Meditationsseminar, was wirklich gut lief. Alle schienen zum Schluss entspannt und gelöst. Eine Schülerin berichtete mir aber später, dass sie auf dem Heimweg trotz des Seminars, das sie als entspannend empfunden hatte, irgendwie bedrückt war. Als sie genauer in sich hineinhörte, stellte sie fest, dass es der Krieg war, der ihr im tiefsten Innern Sorgen bereitete. So ähnlich wird es zurzeit sicher vielen schonmal gehen.

Menschen, die bisher noch nicht viel mit Meditation und Achtsamkeit zu tun hatten, werden sich sicher fragen, wie man sich denn damit vor solchen Ängsten schützen kann . . .

Druschke: Schützen kann man sich vielleicht nicht, aber man lernt, besser und konstruktiver damit umzugehen.

Und wie kann das funktionieren?

Druschke: Achtsamkeit, wie sie im traditionellen Buddhismus verstanden wird, ist ja erst einmal auch ein Training der Selbstbeobachtung. Das heißt, ich sehe klarer, was da eigentlich ist, was mich gerade beschäftigt. Es hilft mir, genauer hinzuschauen. Spontan denkt man ja bei unangenehmen Empfindungen wie Angst, Wut oder Scham: ‘Ich möchte das nicht empfinden. Es soll weg.’ Es geht beim Training der Achtsamkeit aber darum, das Gefühl zu halten. Es hört sich vielleicht ein bisschen komisch an, aber man kann das durchaus mit dem Bild vergleichen, wie eine Mutter ihr Baby in den Armen hält und beruhigt. Dann kann man es leichter schaffen, etwas unbeeindruckter damit umzugehen. Nicht mehr gefangen in dem Gefühl zu sein.

Und was ist das Ziel?

Druschke: Das Ziel kann zum Beispiel sein, der Angst etwas Positives zur Seite zu stellen. Etwa zu erkennen, dass man nicht der oder die Einzige ist, die das gerade empfindet. Die Erkenntnis zu haben, dass es ganz vielen Menschen derzeit so ergeht, kann sich schon hilfreich für den Einzelnen auswirken. Möglich in der aktuellen Situation ist zum Beispiel auch, aktiv zu werden und beispielsweise Geflüchteten zu helfen, zu spenden oder sonst irgendetwas Konstruktives zu tun.

Was kann man noch tun, wenn man sich hilflos fühlt?

Druschke: Wichtig ist es, Kraftquellen zu finden, die einem selbst Freude bereiten. Das kann ein kurzer Spaziergang sein, eine Tasse Tee in der Sonne oder ein gutes Buch am Abend. Selbstmitgefühl ist ein Stichwort, das man sich diesbezüglich gern merken darf. Denn wenn ich nicht gut und achtsam mit mir selbst umgehe, kann ich auch nicht für andere da sein. Mit Egoismus hat diese Art von Selbstmitgefühl also eher nichts zu tun.

Und was kann Meditation ausrichten?

Druschke: Als Meditation wird eine ganze Reihe von Achtsamkeits- und Konzentrationsübungen bezeichnet. Der Geist ist dabei wach und nimmt bewusst wahr, ist allerdings ins Innere gerichtet. So fokussieren wir uns bei den Übungen beispielsweise ausschließlich auf den Atem und seine Facetten oder aufs Hören. Es gibt aber auch viele andere Arten der Meditation. Die alle aufzuzählen, würde hier zu weit führen. Meditation ist im Grunde ein Geistestraining. Und den Begriff „Training“ kann man da ruhig wörtlich nehmen. Denn bei Mediation geht es nicht darum, sich aufs Kissen zu setzen, durchzuatmen und sogleich völlig entspannt und gelöst zu sein. Das kann durchaus passieren und ist dann erfreulich. Aber eigentlich ist die Meditation ein Weg. Man muss üben, den richtigen Sitz, die richtige Haltung, auch zu sich selbst zu finden. Und auch, zu fokussieren und wirklich eine Zeit lang bei dem Meditationsobjekt, wie beispielsweise dem Atem, zu bleiben. Und sich nicht zu verurteilen, wenn man das nicht auf Anhieb schafft. Wie man sieht: Das braucht Zeit. Aber man kann schon nach kurzer Zeit positive Effekte beobachten. Das ist das Angenehme.

Einige denken ja bei dem Stichwort Meditation an Langhaar-Hippies oder esoterisch angehauchte Yogis, die vielleicht ein bisschen weltfern sind. Wie räumen Sie mit diesem Klischee auf?

Druschke: Ich denke, dass dieses Klischee nur noch bei einer Minderheit der Menschen existiert. Für jene, die Meditation und Achtsamkeitstraining als „Hokuspokus“ abstempeln, hat diese Sichtweise meiner Ansicht nach eine Schutzfunktion. Sie wollen sich einfach nicht damit beschäftigen. Und vielleicht auch nicht mit sich selbst. Aber es stimmt schon: Obwohl Praktizierende die positive Wirkung der Achtsamkeitspraxis oft betonten, war sie unter Wissenschaftlern lange nicht anerkannt. Es gibt aber inzwischen viele Studien, die die positive Wirkung der Übungen belegen. So liefern zum Beispiel bildgebende Verfahren, wie die Magnetresonanztomografie (MRT), seit einigen Jahren hochaufgelöste Bilder der Hirnstruktur und machen sichtbar und belegbar, was im Hirn durch Achtsamkeitsmeditation geschieht. Das Achtsamkeitstraining „Mindfulness-Based Stress Reduction“ (MBSR) zum Beispiel, das vom Molekularbiologen Jon Kabat-Zinn stammt. Die Wirksamkeit der Achtsamkeitspraxis wurde auch in vielen anderen medizinischen Studien untersucht.

Also müssten eigentlich alle meditieren und die Welt würde eine bessere?

Druschke (lacht): Im Grunde ist das so. Aber so einfach dann doch wieder nicht. Der entscheidende Satz bei Meditation und Achtsamkeitstraining lautet: ‘Ich will’. Nur, wer sich wirklich ernsthaft dafür interessiert und praktizieren will, wird auch dauerhaft dabei bleiben. Es bringt überhaupt nichts, jemanden zum Meditieren zu überreden.

Und wenn man es eine lange Zeit konsequent durchzieht?

Druschke: Dann wird man bemerken, dass man eine andere Sicht auf sich, seine Mitmenschen und die Welt bekommt. Andere Ideen; der Blick weitet sich. Und der Umgang mit sich selbst wird auf jeden Fall ein gesünderer.

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