Interview der Woche

Zwei Remscheider wollen Cannabis legalisieren

Georg Wurth, Vorsitzender des Deutschen Hanf-Verbands (l.) und der Grünen-Politiker Frank vom Scheid setzen sich für die Legalisierung von Cannabis ein – auch in Remscheid. Foto: Roland Keusch
+
Georg Wurth, Vorsitzender des Deutschen Hanf-Verbands (l.) und der Grünen-Politiker Frank vom Scheid setzen sich für die Legalisierung von Cannabis ein – auch in Remscheid.
  • Axel Richter
    VonAxel Richter
    schließen

GESPRÄCH Georg Wurth und Frank vom Scheidt erhoffen sich von einer Freigabe große Vorteile.

Von Axel Richter

Herr Wurth, Herr vom Scheidt, warum ist Cannabis Ihnen eigentlich so wichtig?

Georg Wurth: Mir ist nicht Cannabis wichtig, sondern der politische Umgang damit. Je mehr man sich mit dem Thema beschäftigt, desto weniger Argumente bleiben für ein Verbot. Im Gegenteil: Alle sachlichen Argumente sprechen für eine Legalisierung. Auf Seiten der Gegner stehen dagegen Ängste und Emotionen.

Ist das Thema bei Ihnen nicht emotional besetzt? Schließlich haben Sie sich 1996 selbst angezeigt, im Besitz geringer Mengen von Marihuana zu sein.

Wurth: Ja, Sie haben recht. Das hat auch bei mir eine persönliche Komponente. Ich habe Cannabis konsumiert wie Millionen andere Menschen. Und nur weil ich das getan habe, anstatt wie andere literweise Alkohol in mich hineinzuschütten, sollte ich ein Straftäter sein. Das konnte doch nicht sein. Darüber wollte ich eine Diskussion anstoßen.

Frank vom Scheidt: Genau darum geht es auch heute: Die millionenfache Diskriminierung von Menschen, die sich nichts zuschulden kommen lassen und sich wie jeder Raucher und Alkoholkonsument allenfalls selbst schaden, muss aufhören. Denn Tatsache ist: Seitdem die Ehe auch für Homosexuellen möglich ist, gibt es in Deutschland keine gesellschaftliche Gruppe mehr, die in ähnlicher Form diskriminiert wird.

Ein gewagter Vergleich, finden Sie nicht?

Wurth: Die Polizei hat im vergangenen Jahr 166 000 Strafverfahren gegen Konsumenten geführt. Nur gegen Konsumenten, da waren die Dealer nicht mit dabei. Diese Leute haben nichts anderes getan als ihr Bedürfnis nach Rausch zu erfüllen.

Als Lobbyisten des Deutschen Hanfverbandes fordern Sie beide seit Jahren eine Legalisierung der verbotenen Droge. Wie lauten Ihre Argumente?

Wurth: Ich finde, nicht wir, sondern das Verbot muss sich rechtfertigen. Nochmal: Der Mensch hat ein natürliches Bedürfnis nach Rausch. Kiffen gehört zum Menschsein dazu und schon Hildegard von Bingen wusste um die medizinische Wirkung von Cannabis. Menschheitsgeschichtlich ist also das Verbot ein Experiment. Und das verläuft nicht sonderlich erfolgreich. Der Konsum von Cannabis ist trotz Strafverfolgung durch die Polizei nicht gesunken, sondern extrem angestiegen.

ZU DEN PERSONEN

GEORG WURTH Unter seinem Namen finden sich im elektronischen RGA-Archiv mehr als 100 Einträge. „Power-George“ gründete die Grüne Jugend Remscheid und sah bereits bei der Kommunalwahl 1994 voraus, dass er Berufspolitiker werden würde. Bundesweit in die Schlagzeilen geriet er 1996 mit einer Selbstanzeige wegen des Besitzes einer geringen Menge Marihuana. Er wollte damit die Rauschmittel-Diskussion neu anstoßen. Heute ist der gelernte Finanzbeamte (46) Geschäftsführer des Deutschen Hanfverbandes.

FRANK VOM SCHEIDT Der studierte Volkswirt war von 1989 bis 1996 Fraktionsvorsitzender der Grünen im Remscheider Rat. 2004 trat er als Kandidat zum Oberbürgermeister an. Von 2004 bis 2008 war er Leiter des städtischen Personalamtes, wurde dann zum Personal-Dezernenten beim Landschaftsverband Rheinland gewählt. Mit dem jüngsten Regierungswechsel wurde der grüne Landesrat pensioniert. Mit 55 Jahren engagiert er sich ehrenamtlich, baut derzeit einen bergischen Ortsverein des Deutschen Hanfverbandes auf.

vom Scheidt: Das zeigt, die Prohibition ist gescheitert. Wenn das gesellschaftliche Ziel darin besteht, dass weniger Menschen Drogen konsumieren, dann müssen wir etwas anders machen.

Was schlagen Sie vor, um junge Menschen zu schützen?

vom Scheidt: Auf dem Schwarzmarkt gibt es keinen Jugendschutz. Wir fordern deshalb die Legalisierung von Cannabis und den Handel zugleich staatlich zu kontrollieren. Der US-Staat Colorado macht es uns vor. Statt die Milliarden-Umsätze, die auf dem Schwarzmarkt mit Cannabis erzielt werden, dem organisierten Verbrechen zu überlassen, nimmt der Staat Steuern ein und saniert damit seine Schulen. Zudem kommt kein irgendwie gestrecktes Zeug mehr auf den Markt, das heißt auch die Gesundheitsrisiken für den Konsumenten gehen zurück. Kanada wird demnächst genauso verfahren.

Die liberale Drogenpolitik in den Niederlanden hat nicht zu weniger Konsum geführt.

Wurth: Das stimmt, aber auch nicht zu mehr. Wir sagen auch nicht, dass sich mit der Legalisierung sämtliche Drogenprobleme lösen lassen. Mit dem Verbot von Substanzen macht es sich die Politik jedoch zu einfach. 

Remscheider Jugendrichter warnen vor den Folgen einer Freigabe. Sie berichten von psychischer Verwahrlosung, gescheiterten Lebensentwürfe, zerstörten Familiensystemen. Wirkt eine Freigabe da nicht wie eine Verharmlosung?

vom Scheidt: Nein. All das, was Sie anführen, gibt es unter den Bedingungen der Prohibition. Wenn der Staat den Markt kontrolliert, kann er Steuereinnahmen realisieren und dann Präventionsmaßnahmen deutlich ausweiten. Sehen Sie es doch mal so: Eine Freigabe ist vielleicht das richtige Signal, weil der Eindruck entsteht, dass Kiffen doch nicht so aufregend ist.

Lesen Sie auch: Lobbyisten fordern Freigabe von Cannabis

Dann dürfte Komasaufen eigentlich nie Mode gewesen sein. Ein anderes Argument: Nikotin und Alkohol fordern als Suchtmittel in jedem Jahr zahlreiche Todesopfer. Warum sollte man ein drittes Suchtmittel erlauben?

Wurth: Die Droge ist da. Und sie wird konsumiert durch alle gesellschaftlichen Schichten. Wir schätzen die Zahl der Cannabis-Konsumenten in Deutschland auf annähernd vier Millionen. Sie werden kriminalisiert. Die Killerdrogen Alkohol und Tabak aber nicht.

Kokain ist auch da. Gesetzt den Fall, der Gesetzgeber würde Ihrer Forderung irgendwann entsprechen, wäre die Forderung nach einer Freigabe von Kokain dann Ihr nächster Schritt?

Wurth: Wenn sich unsere Vermutung bestätigt, dass die Legalisierung von Cannabis zu weniger Konsum, zu gesünderem Konsum, zu mehr Aufklärung und zu geringeren gesellschaftlichen Kosten führt, dann grundsätzlich ja. Schließlich gab es solche Modellversuche schon mit Heroin und sie waren erfolgreich.

Auf einer Fachtagung, zu der die Beratungsstelle für Drogenprobleme Wuppertal in der vergangenen Woche eingeladen hatte, haben Sie sich für wissenschaftlich begleitete Modellprojekte ausgesprochen. Damit sollen die Folgen einer Legalisierung geprüft werden. Herr vom Scheidt, wäre das auch etwas für Remscheid?

vom Scheidt: Ein klares Ja. Wobei ich da eher an das gesamte Bergische Land denke. Aber dafür müssten wir entsprechende Mehrheiten gewinnen. Wir sind da zugegebenermaßen noch ganz am Anfang.

Herr Wurth, Sie sind jetzt 45 Jahre alt. Werden Sie Ihr Ziel, die Legalisierung, noch erleben?

Wurth: Es ist zumindest einiges in Bewegung gekommen. Grüne und Linke sind dafür und mittlerweile auch die FDP. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter fordert Änderungen, auch Suchtberater zeigen sich dafür offen. Der Deutsche Hanfverband hat mittlerweile 170 000 Fans bei Facebook. Ich habe immer gesagt, ich erlebe das noch. Dabei bleibe ich. Die Legalisierung wird kommen.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Unfall: Flüchtiger wird nach Zeugenhinweisen angehalten
Unfall: Flüchtiger wird nach Zeugenhinweisen angehalten
Unfall: Flüchtiger wird nach Zeugenhinweisen angehalten
Biker-Mode wird in Remscheid in Handarbeit hergestellt
Biker-Mode wird in Remscheid in Handarbeit hergestellt
Biker-Mode wird in Remscheid in Handarbeit hergestellt
August-Erbschloe-Straße nach Unfall wieder frei - Zwei Personen verletzt
August-Erbschloe-Straße nach Unfall wieder frei - Zwei Personen verletzt
August-Erbschloe-Straße nach Unfall wieder frei - Zwei Personen verletzt
Jakobsstollen: Eindringlinge riskieren ihr Leben
Jakobsstollen: Eindringlinge riskieren ihr Leben
Jakobsstollen: Eindringlinge riskieren ihr Leben

Kommentare