Interview

Frau Menn, wie sieht die Zukunft der Kirche aus?

Antje Menn, seit 2020 Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Lennep, will trotzig und mutig nach vorne schauen. Foto: Michael Schütz
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Antje Menn, seit 2020 Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Lennep, will trotzig und mutig nach vorne schauen.
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Die Superintendentinnen aus Solingen und Remscheid sprechen über den Kirchenmorgen an Pfingsten, die Lage der evangelischen Kirche und ihre Zukunft.

Von Björn Boch

Frau Menn, Frau Dr. Werner, beim ersten Pfingstfest kam der Heilige Geist über Jünger und Apostel. Welche Erleuchtung erhoffen Sie sich vom Kirchenmorgen an Pfingsten?

Antje Menn: Beim ersten Pfingsten in Jerusalem kamen die verstummten Jünger wieder ins Gespräch, die Sache Jesu ging weiter. So wurde Pfingsten zum Geburtstag der Kirche. Menschen haben sich verstanden über Grenzen hinweg. Das wollen wir auch tun: Mit Leuten aus dem Gebiet der ganzen Landeskirche ins Gespräch kommen und schauen, was Gott mit uns vorhat.

Dr. Ilka Werner: Und zwar mit Kirchenmenschen, aber auch mit Stadtmenschen, ausdrücklich auch mit Zweiflern und Kritikern. Wir möchten möglichst verschiedene Leute einladen und zusammenbringen, miteinander reden, zuhören und uns begegnen. Und falls der Heilige Geist vorbeikommt und es begeisternd wird, ist das durchaus erwünscht (lacht).
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Dr. Ilka Werner ist seit 2013 Superintendentin in Solingen. Kirche könne verlässliche Lebensbegleitung bieten, sagt sie.

Was erhoffen Sie sich von der Teilnahme der Kritiker?

Werner: Klare Ansagen. Zu unserer Arbeit gehört es, hinzuhören. Es geht uns um Menschen, die gerade noch in der Kirche sind – oder gerade nicht mehr – und denken: Warum seid ihr so? Wir wollen wissen, warum es uns gelingt, Menschen zu begeistern, während wir bei anderen für Kopfschütteln sorgen. Kirche braucht Dialog mit Gott, aber auch das Gespräch mit dem Zeitgeist und den Kontakt mit den Menschen.

Menn: Manchmal fällt es uns zugegeben schwer, im kirchlichen Alltag ein Feedback zu erhalten. Wir möchten auch einen Spiegel vorgehalten bekommen. Kritische Stimmen sind Teil der Gesellschaft – sie werden mehr und sind uns wichtig. Werner: Der Kirchenmorgen ist eine doppelte Chance. Was will die Welt von uns? Und: Wir können erzählen, was die Welt von uns haben kann.

„Es gäbe genug zu tun für doppelt so viele Mitarbeitende.“

Dr. Ilka Werner

Was kann die Welt denn von Ihnen als Kirche haben?

Werner: Ich halte uns für ausgesprochen nützlich für eine Gesellschaft, die nicht auseinanderbrechen will. Die Menschen erhalten von uns verlässliche Lebensbegleitung, auch in unsicheren Zeiten. Eine offene Gesellschaft braucht Menschen, die vom offenen Himmel über dieser Gesellschaft erzählen. Unsere Aufgabe ist, die Hoffnung am Leben zu halten, dass nach diesem Leben noch etwas ist. Das kann man von uns haben, auch wenn wir es nie beweisen können. Wir sind die Patentanten der Hoffnung (lacht).

Menn: Als Hoffnungsgemeinschaft können wir ja auch noch andere Akzente setzen, zum Beispiel in der Friedensfrage. Generell sind wir im Bergischen Land mit vielen Akteuren der Gesellschaft vernetzt und bringen unterschiedliche Projekte gemeinsam auf den Weg. Das erlebe ich als bereichernd.

Und wie sieht es mit konkreten Leistungen aus? Viele beklagen, dass Kirche auf dem Rückzug ist, in der Gemeindearbeit selbst, aber auch etwa als Trägerin von Kitas oder Krankenhäusern.

Werner: Seit ich hier bin, beträgt die Kirchensteuer für den Evangelischen Kirchenkreis Solingen rund 13 Millionen Euro im Jahr. Das ist viel. Aber: Es hat sich seit 2013 nicht erhöht. Wir bräuchten allein wegen der Gehaltssteigerungen mindestens 3 Prozent mehr im Jahr. Also können wir nicht mehr dieselbe Arbeit leisten. Wir wollen die Debatte darüber, was Kirche tun soll. Das passt super zum Kirchenmorgen.

Menn: Ich hatte ein Gespräch mit einem jungen Juristen, der mich fragte, was er davon habe, Mitglied zu sein. Das ist nicht immer unmittelbar zu spüren. Kirchenmitgliedschaft hat auch immer einen Solidaritätsaspekt, etwas mitzufinanzieren, das anderen zugutekommt. Wir stehen für das, was der Seele, dem ganzen Menschen guttut – es tut uns weh, dass das nicht in jeder Altersgruppe gleichermaßen gelingt. Wir wollen mit dem Kirchenmorgen etwas für die Seele und für den Kopf tun – und es dann umsetzen.

Ein zentraler Baustein sind die Werkstätten. Da werden solche Spannungsfelder dann diskutiert?

Werner: Genau. Etwa wenn die Werkstatt „Imbiss“ fragt: „Was macht mich satt und nicht nur voll?“ Das zeigt gut: Kirche ist eben nicht ein Verein, wo ich gegen einen Mitgliedsbeitrag einen Kitaplatz, eine Trauung und eine Beerdigung erhalte. Wir sind auch für die Nichtmitglieder da. Die Botschaft von Gott, seiner Gnade und seiner Liebe können wir nicht an die Mitgliedschaft binden. Sie gilt der ganzen Welt.

Wie sieht die Zukunft der Kirche aus? Und wie kann sie relevant bleiben?

Menn: Sie muss hoch partizipativ sein. Und sich dabei fragen: Kann das weg oder muss das bleiben? Das ist eine Grundfrage, der wir uns aktiv stellen müssen. Wir müssen Abschied nehmen von Dingen, die nicht mehr zeitgemäß sind und Ressourcen schaffen für das, was möglich werden kann. Deshalb gefällt mir der Untertitel vom Kirchenmorgen so gut: „Damit es aufgeht.“ Wir wollen sehen, was wir tun können mit unseren Köpfen und Händen – und dann dabei mit dem Unverfügbaren, mit Gott rechnen, damit es aufgeht.

Werner: Alle Mitgliedschaftsstudien sagen, dass Menschen seltener austreten, wenn sie die Pfarrerinnen und Pfarrer kennen. Dann springt offensichtlich etwas über. Es muss darum gehen, in Kontakt zu bleiben – ohne immer an einem Tischtuch zu zerren, das auf allen Seiten zu kurz ist. Das kann auch bedeuten: Vielleicht machen wir lieber ein Leuchtturmprojekt in einem Stadtteil – und in einem anderen übernimmt es ein anderer Akteur.

Also Ressourcen sparsam einsetzen: Woran liegt das mit dem zu kurzen Tischtuch – abgesehen vom Geld?

Werner: Weil wir bei weniger Geld und damit weniger Mitarbeitenden deutlich mehr Aufgaben haben. Das ist bedingt durch eine hoch individualisierte Gesellschaft. Menn: Weil Bedürfnisse sich verändern, werden Hochzeiten zum Beispiel für uns in der Vorbereitung immer aufwendiger, aber auch intensiver.

Werner: Noch ein Beispiel: Unsere Notfallseelsorger und Notfallseelsorgerinnen, die zu jeder Tages- und Nachtzeit alarmiert werden. Abgesehen von Sonderfällen tun wir häufig das, was früher Nachbarn oder Familien getan haben. Wenn heute ein Mensch stirbt, ist es oft so, dass Hinterbliebene Hunderte Kilometer weit weg wohnen. Wir stehen dann zur Seite. Das ist sehr nah dran am christlichen Auftrag. Selbst in einer Gesellschaft, die nicht mehr so kirchlich geprägt ist, gäbe es genug zu tun für doppelt so viele Mitarbeitende.

„Wir haben eine Zukunft und wollen sie mitgestalten.“

Antje Menn

Noch einmal zurück zum Kirchenmorgen: Was erwartet die Teilnehmerinnen und Teilnehmer?

Menn: Wir feiern unseren Glauben, spüren uns als Kirche und wollen uns beflügeln lassen. Und arbeiten an der Kirche. Der Kirchenkreis Solingen lädt in Kooperation mit den Kirchenkreisen Lennep und Wuppertal ein. Wir wollen Wege jenseits der ausgetretenen Pfade gehen. Wir machen das ergebnisoffen, was auch ein Wagnis ist. Wir sind gespannt, was dabei rauskommt.

Werner: Es geht darum, miteinander ein Stück Weg zu gehen. Die Vorbereitenden haben sich um Stichworte geschart, die bewusst von der klassischen Vorstellung von Kirche wegführen. In den offenen Werkstätten sollen sich die Leute aktiv austauschen, nur zum Gucken sind die nichts. Dafür gibt es dann die Abende mit Tischgemeinschaft und Musik – und den großen Gottesdienst im Walder Stadion am Pfingstsonntag.

Und was sind Ihre persönlichen Ziele?

Menn: Wir wollen uns bewusst dem entgegenstellen, dass Kirche ein Abgesang ist. Wir wollen trotzig und mutig nach vorne schauen, zeigen: Wir sind wach und ausgeschlafen – es ist noch lange nicht der Abend der Kirche, es ist der Kirchenmorgen, wir haben eine Zukunft und wollen sie mitgestalten.

Werner: In Zeiten, in denen Corona nicht aufhört und ein Krieg tobt, der unverständlich und grauenhaft ist, stoßen wir immer wieder auf Dinge, die nicht aufgehen. Man kann sich nicht immer einen Reim auf die Welt machen. Wir wollen Momente ermöglichen, in denen es eben doch zusammenpasst – im Licht von Gottes lebenschaffender Liebe. Und wir wünschen uns, dass der Kirchenmorgen weitergeht und in ein, zwei Jahren etwas Ähnliches angeboten wird in einer anderen Stadt.

Solinger Tageblatt und Remscheider General-Anzeiger sind Medienpartner des Kirchenmorgens.

Persönlich: Dr. Ilka Werner und Antje Menn

Antje Menn: Die 48-Jährige, ebenfalls gebürtige Raderin, ist verheiratet und hat drei Kinder. Seit Oktober 2020 ist sie Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Lennep – zuvor war sie Gemeindepfarrerin.

Dr. Ilka Werner: Die 57-Jährige wurde in Radevormwald geboren und ist seit 2013 Superintendentin in Solingen. Sie ist verheiratet. Über das Kirchliche hinaus engagiert sie sich unter anderem in der Initiative „Bunt statt Braun“, dem Bündnis für Toleranz und Zivilcourage und der Gedenkstätte Max-Leven-Zentrum.

Kirchenkreise: Der Evangelische Kirchenkreis Solingen hat rund 40 000 Gemeindeglieder, im Evangelischen Kirchenkreis Lennep sind es knapp 60 000. Dazu kommen noch einmal etwa 90 000 Gläubige im Evangelischen Kirchenkreis Wuppertal. Die drei Kirchenkreise laden gemeinsam für Pfingsten zum Kirchenmorgen ein.

Kirchenmorgen - was ist das?

Programm: Der Kirchenmorgen (Eigenschreibweise: KIRCHEnMORGEN) startet am Freitag, 3. Juni, 18 Uhr, mit dem Begegnungsabend „Nimm Platz“ rund um Fronhof und Stadtkirche. Der Samstag steht im Zeichen der Werkstätten, bevor um 17.30 Uhr „Begegnung, Konzert, Theater, Musik, Zeit mit Gott“ rund um die Stadtkirche startet. Am Pfingstsonntag gehen die Werkstätten weiter. Der Kirchenmorgen endet am Sonntag um 19 Uhr mit einem Festgottesdienst im Walder Stadion und einem Konzert von Jan und Jascha.

Werkstätten: Eine Übersicht über die Werkstätten findet sich auf der Kirchenmorgen-Homepage. Um Anmeldung wird gebeten, diese ist online und telefonisch möglich: vormittags unter Tel. (02 12) 28 71 01. Auf der Homepage finden sich weitere Informationen und der Song zum Kirchenmorgen.

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