Interview der Woche

Prof. Davids, was machen die ganzen Krisen mit uns?

Prof. Dr. Eugen Davids ist Ärztlicher Direktor der Stiftung Tannenhof. Zu seinem Team zählen 600 medizinische Mitarbeiter.
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Prof. Dr. Eugen Davids ist Ärztlicher Direktor der Stiftung Tannenhof. Zu seinem Team zählen 600 medizinische Mitarbeiter.

Psychiater Eugen Davids sieht die Menschen in einem Dauerkrisenmodus gefangen – mit Folgen für die Psyche. Gehen alte Menschen anders mit der Krise um? Wie erkennen wir selbst, ob Sorgen normal oder behandlungsbedürftig sind? Und was rät der Psychiater?

Von Axel Richter

Herr Prof. Davids, erst Covid, dann Krieg und Energiekrise. Was macht das mit den Menschen?

Prof. Dr. Eugen Davids: Die Menschen werden dünnhäutiger und reizbarer. Denn, wie Sie richtig sagen: Die Menschen befinden sich seit zweieinhalb Jahren in einem Dauerkrisenmodus. Was der Krieg und was die Energie- und Wirtschaftskrise für den Einzelnen bedeutet, ist zudem für niemanden absehbar und nicht kalkulierbar. Klar ist nur: Es trifft nicht mehr nur die unteren Einkommensschichten, sondern auch die Mittelschicht.

Das heißt, auch Menschen, die bisher fest im Leben standen, sind verunsichert?

Davids: Ja. Menschen, die bislang in stabilen Verhältnissen gelebt haben, stehen unter einem erheblichen psychischen Druck. Denken Sie an Unternehmer und Selbstständige, die angesichts der Energiepreise um ihre Existenz fürchten müssen. Schlafstörungen und Gereiztheit stellen sich ein. Erst infolge der Pandemie, jetzt infolge des Krieges. Es gab dazwischen keine Ruhephase. Es reiht sich eine Krise an die andere.


Steigen deshalb die Patientenzahlen in der Psychiatrie?

Davids: Nein, die Patientenzahlen sind weiterhin konstant hoch. Wir beobachten aber einen steigenden Beratungsbedarf und eine vermehrte Nachfrage nach Beruhigungsmitteln.

Gehen alte Menschen eigentlich anders mit der aktuellen Weltlage um?

Davids: Diejenigen, die selbst noch Kriegserinnerungen haben, sind in der Tat oft robuster. Ganz einfach, weil sie selbst schon viele Krisen durchlaufen haben.
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Diese Menschen kannten keine Entlastungs- sondern bestenfalls Carepakete. Sind die nachfolgenden Generationen zu verwöhnt und zu dünnhäutig geworden?

Davids: Wir sind es jedenfalls nicht mehr gewohnt, in unserer Existenz bedroht zu sein. Wir haben seit mehr als 70 Jahren keinen großen Krieg erlebt, der uns unmittelbar bedroht hätte. Das ist ein Szenario, das für die meisten von uns gar nicht mehr vorstellbar war. Damit waren wir übrigens privilegiert im Vergleich zum weitaus größten Teil der Weltbevölkerung.

Können wir Krise lernen?

Davids: Ja. Wir sind durchaus in der Lage, uns der neuen Situation anzupassen. Das werden wir auch müssen, denn der Konflikt ist ja nicht in den nächsten zwei Jahren vorbei.

„Die Bedrohungslage war für die Menschen klar kalkulierbar.“

Prof. Davids zur Unterscheidung zum Kalten Krieg


Wer die Zeit des Kalten Krieges erlebt hat, kannte die Bedrohung. Da war die Lage aber irgendwie kalkulierbarer. Jeder hoffte darauf, dass die andere Seite schon nicht so verrückt sein würde, auf den roten Knopf zu drücken.

Davids: Genau. Damals gab es einen klar definierbaren Konflikt. Die Bedrohungslage war für die Menschen klar kalkulierbar. Heute gibt es mehrere Schauplätze des Konflikts: Die Menschen sehen sich bedroht vom Krieg, aber auch von Insolvenzen, Jobverlust und dem Verlust ihrer wirtschaftlichen Existenz.


Woran erkenne ich, dass meine Sorgen sich zu einer psychischen Erkrankung auswachsen?

Davids: Daran, dass sich Ihr Verhalten ändert. Dass Sie nervöser werden. Kurz angebunden in Ihren Antworten. Dass Sie schlecht schlafen. Und auch, dass gute Nachrichten nicht mehr zu Ihnen vordringen, sondern im Dickicht der schlechten Nachrichten untergehen.

„Die Menschen dürfen sich nicht ständig mit dem Weltgeschehen befassen.“

Prof. Davids


Was raten Sie?

Davids: Die Menschen brauchen Auszeiten und dürfen sich nicht ständig mit dem Weltgeschehen befassen. Baldrian hilft, zur Ruhe zu kommen. Wenn Sie feststellen, dass Sie allen Versuchen zum Trotz nicht mehr der Alte sind, dann hilft die fachliche Beratung in der Psychiatrie oder durch den Psychologen.

Zur Person: Prof. Dr. Eugen Davids

Prof. Dr. Eugen Davids (55) ist der Ärztliche Direktor der Stiftung Tannenhof. Der Chef von annähernd 600 medizinischen Mitarbeitern zeichnet verantwortlich für die psychiatrische Versorgung von annähernd 500 000 Menschen im Bergischen Land. Der Psychiater studierte in Kiel und Erlangen, arbeitete an verschiedenen Unikliniken, darunter zwei Jahre an der US-Elite-Hochschule Harvard. Zuletzt war er Chefarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Katholischen Klinikum Oberhausen.

Davids ist Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Organisationen und gibt an der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen Vorlesungen und Seminare in den Fächern Psychiatrie und Psychotherapie. Die Stiftung Tannenhof wiederum wurde im Jahr 2022 zum Akademischen Lehrkrankenhaus der Ruhr-Universität Bochum ernannt.

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