Interview der Woche

„Wir Remscheider stehen zusammen“

„Es kommt darauf an, aus der derzeitigen Situation zu lernen und wahrzunehmen, was uns wichtig ist“, sagt Monsignore Kaster. Foto: Roland Keusch
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„Es kommt darauf an, aus der derzeitigen Situation zu lernen und wahrzunehmen, was uns wichtig ist“, sagt Monsignore Kaster.
  • Axel Richter
    VonAxel Richter
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Der katholische Stadtdechant Monsignore Thomas Kaster über das besondere Weihnachtsfest in der Corona-Krise.

Das Interview führte Axel Richter 

Herr Kaster, hadern Sie manchmal mit Gott?

Thomas Kaster: Hadern vielleicht nicht. Aber natürlich gibt es Situationen, in denen ich ihn nicht verstehe und ich mich frage, was er denn damit vorhat. Natürlich auch jetzt in der Corona-Krise. Aber es wäre falsch, sie dem lieben Gott in die Schuhe zu schieben. Wichtig ist jedenfalls: Gott straft nicht mit Krankheiten.

Er verhindert sie aber auch nicht.

Kaster: Nein. Sie gehören zum Leben dazu. Warum das so ist, können wir nicht sagen. Corona und andere Krankheiten fordern uns heraus. Diese Herausforderungen müssen wir annehmen, um das Leben zu gestalten. Dass heiß nicht, dass wir alles begreifen, was Gott mit uns vorhat.

Was können die Menschen in der Corona-Situation von Gott erwarten?

Kaster: Ich finde, die Situation hat deutlich werden lassen, wie wertvoll viele Dinge sind, die wir für selbstverständlich erachten. Dass wir uns begegnen, dass wir miteinander feiern dürfen. Mir ist in den Gottesdiensten aufgegangen, wie sehr mir die Menschen fehlen. Auf der anderen Seite ist bei vielen Menschen die Sensibilität gewachsen, einander nicht schaden zu wollen. Wir achten stärker aufeinander. Das ist etwas Positives in einer Situation, die als solche natürlich negativ ist.

Wir stehen vor einem besonderen Weihnachtsfest. Wie werden die katholischen Christen das Fest in Remscheid begehen?

Kaster: Wir bieten an Heiligabend drei Christmetten in St. Suitbertus an. In St. Marien, St. Engelbert und St. Josef sind Open-Air-Gottesdienste geplant, die aber sehr kurz ausfallen werden. Bei diesen Wort-Gottes-Feiern, wie wir sie nennen, steht die Weihnachtsgeschichte im Mittelpunkt. Natürlich möchten wir, dass dort auch gesungen werden kann. Weihnachten ohne Gesang wäre schon sehr traurig. Aber wir wissen natürlich auch noch nicht, welche Auflagen bis dahin gelten werden.

Was muss ich tun, um dabei zu sein?

Kaster: Sich unbedingt vorher anmelden. Die Zahl der Plätze ist begrenzt.

Wie viele vergeben Sie?

Kaster: Das hängt davon ab, wer sich anmeldet. Melden sich nur Menschen an, die nichts miteinander zu tun haben, bekämen wir gerade 50 von ihnen in der Suitbertuskirche unter. Das dürfte natürlich nicht der Fall sein. Es sind ja auch Familien, die kommen. Die können enger zusammensitzen. So können wir mehr in einem Gottesdienst unterbringen. Wichtig ist, dass niemand auf gut Glück vor der Kirchentür steht. Wir möchten niemanden abweisen müssen.

Gilt das auch für die Open-Air-Gottesdienste?

Kaster: Ja. Wir haben die Flächen ausgemessen und in Quadrate eingeteilt. Die werden wir mit Kreide markieren. So erhält jeder einen festen Platz.

Sie übertragen die Gottesdienste aber auch im Internet. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Kaster: Sehr gute. Mein Eindruck ist, wir erreichen über Livestream viele Menschen, die wir bislang nicht erreicht haben. Jüngst gab es zum Beispiel eine nette Nachricht aus Berlin, in der uns eine ehemalige Remscheiderin wissen ließ, dass sie jeden Sonntag die Gottesdienste aus der alten Heimat verfolge. Ich bin sicher, die digitalen Formate bleiben uns nach Corona erhalten.

Wissen Sie, welche Aspekte Sie in Ihrer Weihnachtspredigt hervorheben werden?

Kaster: Um ehrlich zu sein, nein. Das liegt daran, dass ich mir in der Regel nur Notizen mache und gern frei spreche.

Welchen Trost bietet die Weihnachtsgeschichte in der Pandemie?

Kaster: Dass es eine Perspektive für die Menschen gibt. Natürlich habe auch ich mich gefragt, was ich mache, wenn dieses Virus nicht mehr verschwindet. Da bin ich heute drüber weg. Es wird zwar nicht verschwinden, aber wir werden in der Lage sein, es zu beherrschten. Bis dahin gilt es, weiterhin solidarisch zu sein. Auch mit denen, die um ihr Auskommen fürchten müssen. Es kommt, glaube ich darauf an, aus der derzeitigen Situation zu lernen und wahrzunehmen, was uns wichtig ist und wie wir miteinander leben wollen - und das nach Corona nicht wieder zu vergessen.

Wie ist es um die Solidarität in Remscheid bestellt?

Kaster: Auch das ist etwas Positives in der Pandemie: Die Menschen in Remscheid stehen zusammen und lassen sich nicht gegeneinander aufhetzen. Das haben wir erlebt, als Menschen von außerhalb herkamen, die gegen die Corona-Schutzmaßnahmen protestierten, denen es am Ende aber nur darum ging, unsere Stadtgesellschaft aufzumischen. Da haben Remscheider gezeigt: Wenn es um unser Miteinander geht, stehen wir zusammen. Das ist etwas, was ich sehr schätze an unserer Stadt.

Blicken wir auf die Solidarität mit Ihrer Kirche. Wie hat sich in der Pandemie die Zahl der Kirchenein- und austritte entwickelt?

Kaster: Das kann ich Ihnen nicht genau sagen. Mehr als die Pandemie aber wirkt sich vermutlich das Desaster aus, das wir gerade im Umgang mit einer Missbrauchsstudie im Erzbistum Köln erleben. Ich fürchte, das wird erneut erhebliche Auswirkungen zeigen. Das und die Frage, welchen Weg wir als Kirche in Zukunft beschreiben wollen. Dieser Prozess läuft. Ich weiß aber, dass viele katholische Christen sich eine stärkere Beteiligung gewünscht hätten. Das sind die Gründe, weshalb viele Menschen der Katholischen Kirche den Rücken kehren. Auch in der Corona-Krise.

Zur Person

Thomas Kaster (58) ist Pfarrer und Stadtdechant der Katholischen Kirche in Remscheid. Der gebürtige Düsseldorfer baute sein Abitur in Heiligenhaus, studierte katholische Theologie in Bonn und München und kam nach einigen Jahren als Kaplan im Mai 2000 nach Remscheid. Sechs Jahre später wurde der Pfarrer Nachfolger von Stadtdechant Peter Schmedding. Papst Benedikt verlieh ihm den Ehrentitel „Kaplan Seiner Heiligkeit“ mit der Anrede „Monsignore“.

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