Interview der Woche

Dirostahl, was würde ein Ende der Lieferungen aus Russland bedeuten?

Dr. Roman Diederichs (l.) und Markus Lüke stehen an der Spitze der Firma Dirostahl. Sie beschäftigen 450 Mitarbeiter. Foto: Roland Keusch
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Dr. Roman Diederichs (l.) und Markus Lüke stehen an der Spitze der Firma Dirostahl. Sie beschäftigen 450 Mitarbeiter.

Die Schmiede Dirostahl verbraucht große Mengen Gas. Ein Interview vor dem Hintergrund der aktuellen Weltlage.

Das Gespräch führte Axel Richter

Ein energieintensiver Betrieb wie die Schmiede Dirostahl verbraucht erhebliche Mengen Gas und Strom im Jahr. Das sind eine Vielzahl von Kilowattstunden, die das Unternehmen zu einem wesentlichen Energieabnehmer der Stadtwerke Remscheid machen. Was würde ein Ende der Gaslieferungen aus Russland für das Unternehmen mit 450 Mitarbeitern bedeuten? Der RGA sprach mit den beiden Geschäftsführern Dr. Roman Diederichs und Markus Lüke.

Herr Dr. Diederichs, das Unternehmen Dirostahl ist einer der größten Gasverbraucher in Remscheid. Wie groß ist Ihre Sorge vor einem Ende der Lieferungen aus Russland?

Dr. Roman Diederichs: Bei allen schrecklichen Ereignissen in der Ukraine müssen wir als Unternehmen die wirtschaftlichen Auswirkungen im Blick haben. Derzeit gehen die Aussagen der deutschen Politiker in die Richtung, dass sie verstanden haben, dass ein Energie- und Gasembargo Deutschland mehr schaden würde als Russland. Wir hoffen, dass diese realistische Einschätzung so bleibt, auch bei externem Druck. Wir haben volles Vertrauen in unsere Politik und darauf, dass diese besonnen reagieren wird.
Auch interessant: Kommt Remscheid ohne Gas aus Russland aus?

Andere fordern, den Gashahn sofort zuzudrehen, um den Krieg nicht weiter zu finanzieren.

Diederichs: Ein solcher Schritt hätte unkalkulierbare Ausmaße. Bei einem Lieferstopp würde das Gas rationiert und die Industrie vom Netz genommen. Damit wären bundesweit sämtliche Wertschöpfungsketten betroffen. Die gesamte Volkswirtschaft und damit die gesamte Gesellschaft würde massiven Schaden nehmen.

Davon wäre der Ukraine vermutlich auch nicht geholfen. Herr Lüke, was würde das für Dirostahl bedeuten?

Markus Lüke: Zunächst einmal möchte ich darstellen, dass wir neben Gas auch Strom verbrauchen. Wir beziehen heute bereits einen Energiemix aus erneuerbaren Energien, Gas und Strom. Wir beziehen beispielsweise unser Gas aus Holland. Was im Falle eines Stopps der russischen Gaslieferungen passiert, liegt in der Hand der Politik und der Regulierungsbehörden. Bei einer temporären Verringerung der Gasversorgung wäre sicherlich der Warmbetrieb, wie bei vielen anderen Unternehmen, zum Beispiel der Chemie- oder Stahlindustrie, betroffen. Aber, um das deutlich zu sagen: Wir gehen von einem solchen Szenario nicht aus. Sondern wir gehen fest davon aus, dass Russland weiterhin verlässlich Gas liefert und dass wir weiter an unserem Standort in Remscheid produzieren können.

Wäre die Energie, die Sie brauchen, durch andere Quellen ersetzbar?

Lüke: Ja und nein. Bei der Stromversorgung für unsere Pressenstraßen und die Mechanische Bearbeitung sehen wir derzeit keine Risiken. Beim Erdgas verweisen wir unter anderem auf das „Osterpaket“ unseres Wirtschaftsministers, das wir ja durch Lieferungen in den Bereich regenerative Energieerzeugung mit unserem Unternehmen nachhaltig fördern und unterstützen.

Ohne die Lieferung von Schmiedestücken, die zur Herstellung auch Gas benötigen, wird die Energiewende in Deutschland und Europa nicht gelingen. Wir prüfen natürlich auch Alternativen, wie eine Erwärmung durch Induktion oder Konduktion und Wasserstoff. Bis zum Einsatz unter Produktionsbedingungen, der Herstellung der Infrastruktur und flächendeckender Versorgung mit Wasserstoff wird allerdings nach unserer Einschätzung noch eine Dekade vergehen.

Warum ist Wasserstoff noch keine Alternative?

Diederichs: Für Wasserstoff gibt es noch keine serienreife Brennertechnik und auch die Infrastruktur ist noch nicht verfügbar. Die Leitungsinfrastruktur nach Remscheid ist uns für frühestens 2035 in Aussicht gestellt worden. Zudem sind die Mengen an grünem Wasserstoff so gering, dass uns ein großer Hersteller sagte, dass wir seine gesamte Produktion allein verbrauchen würden. Und dann sind die Preise für Wasserstoff noch bei einem Vielfachen der Gaspreise, was die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber internationalen Marktbegleitern verschlechtern würde, wenn diese weiter günstiges Erdgas einsetzen können.

Sie meinen die Konkurrenz in China.

Lüke: Man muss sehen, wie sich Russland aufstellt. Es wird immer Abnehmer für russisches Gas geben. Und hier muss die Politik eben Maßnahmen ergreifen, dass der Industriestandort und die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen, etwa durch asiatische Unternehmen, die weiter fossile Brennstoffe einsetzen und andere Emissionsvorschriften haben, erhalten bleibt.

Was unternehmen Sie als Unternehmen selbst, um unabhängiger von Energielieferungen zu werden?

Diederichs: Wir betreiben seit rund zehn Jahren ein zertifiziertes Energiemanagementsystem mit entsprechenden Energiemaßnahmen. Darüber hinaus forcieren wir die Entwicklung unserer Produkte und die Aufstellung unseres Unternehmens in Richtung erneuerbare Energie und Energiewende. Für die Herstellung dieser Produkte werden Gas und Strom benötigt.

Wir, die „Industrie Deutschland /Europa“ benötigen unter anderem Gas, um den Schritt in Richtung Klimaneutralität zu gehen. Diese Komponenten können nur mit einer gesicherten Energieverfügbarkeit produziert werden. Dirostahl ist in dieser Hinsicht gut und zukunftssicher aufgestellt, gut beschäftigt und im Betrieb und unter den Mitarbeitern ist daher die derzeitige Situation kein Thema.

Wird Flüssiggas die Lieferungen aus Russland ersetzen können?

Lüke: Nicht von heute auf morgen. Wollte Deutschland das Erdgas aus Russland ersetzen, müssten nach Berechnungen des Bundesverbandes Mittelständische Wirtschaft täglich 1 000 Tanker in deutschen Häfen anlanden. So viele Entladeterminals haben wir nicht und es fehlt auch die Infrastruktur, wie Häfen, Leitungen und Schiffe.
Alle „Interviews der Woche“ finden sie hier.

Hintergrund: Die Karl Diederichs GmbH & Co. KG

Das Unternehmen: Die 1912 als Schmiede gegründete Karl Diederichs GmbH & Co. KG ist ein Stahl-, Walz- und Hammerwerk. Die 450 Mitarbeiter produzieren Schmiedestücke für den Maschinen- und Anlagenbau, unter anderem für Windkraftanlagen. Dirostahl steht damit für Produkte, die die Energiewende in Deutschland und weltweit unterstützen und fördern. Das Unternehmen stellt außerdem Teile für Flüssiggaskompressoren (LNG), für die Schiffsindustrie (LNG-Tanker), für Anlagen für die Wasserstofferzeugung und für die Infrastruktur (Bahn) her.

Dr. Roman Diederichs: Dr. Roman Diederichs (48) ist Geschäftsführer der Firma Dirostahl. Nach dem Abitur am Röntgen-Gymnasium studierte er Metallurgie und Werkstofftechnik an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen. Nach Lehr- und Wanderjahren in der Stahlindustrie ist er in den Betrieb eingestiegen und hat seit 2019 gemeinsam mit Markus Lüke die Geschäftsführung übernommen. Roman Diederichs ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.

Markus Lüke: Markus Lüke (58) ist Geschäftsführer der Firma Dirostahl. Der Diplom-Betriebswirt / MBA arbeitet seit über 30 Jahren in der produzierenden Industrie und im maritimen Bereich, davon 20 Jahre in der Remscheider Industrie, unter anderem bei einem großen deutschen Stahlkonzern. Lüke ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.

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