Welttag

Weltfrauentag: „Wir können die Welt lebenswerter machen“

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Sie sprechen heute für viele: Katharina Kresse, stellvertretende Leiterin der Feuerwehr...
  • Melissa Wienzek
    VonMelissa Wienzek
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Neue Rollenbilder, gerechte Löhne, mehr Schutz und mehr Mut: Das wünschen sich Remscheider Frauen zum Weltfrauentag.

Sie erhalten durchschnittlich 18 Prozent weniger Lohn, kümmern sich vorwiegend um die Pflege von Kindern oder Angehörigen, und versuchen, alles zusammenzuhalten: Frauen. Das Banner, das die Bewohner des Hauses Mollplatz 3 bereits am Freitag zum heutigen Internationalen Frauentag aufgehängt haben, sagt eigentlich alles: „Ohne uns Frauen läuft nichts.“ Anlässlich des Frauentags haben wir Remscheiderinnen gefragt: Was wünschen Sie sich? Das sind ihre Antworten:

Katharina Kresse (37), stellvertretende Feuerwehrchefin: „Ich wünsche mir neben gleicher Bezahlung von gleicher Leistung zudem die stärkere Berücksichtigung von unbezahlter Care Arbeit im familiären Umfeld, welche zum überwiegenden Teil durch Frauen geleistet wird.“ Dies habe zur Folge, dass Frauen überdurchschnittlich viel nur stundenreduziert arbeiten könnten und daher im Alter finanziell schlechter gestellt seien. „Die Selbstverständlichkeit zur gleichberechtigten Verteilung dieser Care Arbeit sollte vor allem auch gelebt und arbeitgeberseitig ermöglicht werden! Solange immer noch davon gesprochen wird, dass ,der Mann im Haushalt und bei den Kindern mithilft‘, nehmen wir diese Tätigkeiten immer weiter als Frauenaufgabe wahr und nicht als Aufgabe beider Geschlechter“, betont Kresse. „Zudem wünsche ich mir, dass bislang ,frauenuntypische‘ Berufe mehr für Frauen in die allgemeine Wahrnehmung gerückt werden. Nur, wenn wir zum Beispiel mehr Feuerwehrfrauen oder Handwerkerinnen in Medien, Bilderbüchern oder in der Werbung wahrnehmen, können Mädchen und Frauen einen solch tollen Beruf für sich entdecken.“

... Tanzschulinhaberin Sandra Stoppert ...

Sandra Stoppert (26), Inhaberin des Tanzraums: „Ich wünsche mir, dass wir Frauen als das gesehen werden, was wir sind: starke, wunderbare Wesen, die Leben schenken und mit unserer Perspektive diese Welt zu einem lebenswerteren Ort machen können. Wir sind wertvoll, wir sind stark und mutig, wir sind aber noch immer auf einem langen Weg hin zur Gleichberechtigung.“ In ihrer Lebenswirklichkeit bedeute dies, dass weibliche Gründerinnen, Führungspersönlichkeiten und Familienmanagerinnen die gleiche Anerkennung erhalten müssten wie das männliche Pendant. „Und auch, dass die Beurteilung unserer Körper und unserer Optik nicht mehr zu den wünschenswerten Werten einer modernen Gesellschaft passt. Dazu gehört aber auch, dass wir in unserer Weiblichkeit sein dürfen, alle Entscheidungen, die unsere Körper und unsere Optik betreffen, selber in der Hand haben.“ Für die globale Entwicklung wünsche sie sich, dass die Fortschritte der letzten Jahre nicht durch die aktuellen wirtschaftlichen und politischen Veränderungen zurückgenommen werden. „Keine Frau darf Opfer von Gewalt werden – und unser Geschlecht niemals einem Menschen als Kriegsinstrument dienen!“, betont sie.

... Juristin Tanja Kreimendahl ...

Tanja Kreimendahl (45), Juristin: „Weltfrauentag am 8. März – ist das allein ein Grund, mir an diesem Tag zu gratulieren? Ich habe keine Prüfung bestanden, ich habe keinen Geburtstag. Frauen werden mit Blumen bedacht – so zumindest stellt es sich die Werbung vor, allein aufgrund ihres Geschlechts“, sagt Tanja Kreimendahl. Seit Jahrhunderten wehrten sich Frauen gegen ein einengendes Korsett – sowohl im tatsächlichen als auch im übertragenen Sinn. Immer auf der berechtigten Suche nach Gleichberechtigung, Gleichbehandlung und Toleranz. „Und auf dieser verzweifelten Suche haben wir es geschafft, uns selbst in ein neues Korsett zu drängen: die geschlechterneutrale Sprache. Aber wenigstens haben wir es geschafft, die Männer mit in dieses Debakel hineinzuziehen. Wir sollten endlich die Kräfte bündeln, um echte Gleichbehandlung zu erreichen: im Job, in der Kinderbetreuung, in die gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, in gegenseitigen Respekt und Toleranz. Und wir Frauen sollten uns endlich so viel Stolz und Stärke erarbeiten, uns nicht mehr verletzt und diskriminiert zu fühlen, wenn die gewachsene deutsche Sprache Frauen in einen maskulinen Terminus mit einbezieht.“

... Frauenhaus-Leiterin Karin Heier ...   

Karin Heier (64), Leiterin des Frauenhauses: „Wir sind tatsächlich immer noch in vielen Bereichen unterrepräsentiert, besonders in den wichtigsten gesellschaftlichen Funktionen: in den Vorstandsetagen, in den Geschäftsführungen der Großkonzerne, in überragenden politischen Ämtern.“ Es gebe immer noch keine Gleichstellung bei den Löhnen, und sehr viele Frauen wählten nach wie vor die klassischen weiblichen Berufsrollen im sozialen oder Bildungsbereich und überließen den Männern die technischen und naturwissenschaftlichen Domänen. „Wir sehen gerade am Beispiel des Kämpfens der Ukraine um ihre Demokratie, wie fragil errungene Rechte sind, wenn sie dem Machtinteresse anderer Menschen entgegenstehen.“ In der Zeit der Pandemie habe die Gewalt an Schwächeren, an Frauen und Kindern, deutlich zugenommen. Der erzwungene Rückzug ins Private habe zum Anstieg von Gewalt geführt. „Wir erneuern unsere Forderung nach einer auskömmlichen rechtlich verankerten Finanzierung der Projekte des Gewaltschutzbereiches , wie der Frauenhäuser und der Frauenberatungsstellen“, sagt Heier. Es gebe noch viel zu tun, für jede Einzelne von uns, und für die Politik. „Ich wünsche mir dazu eine partei-, generations- und geschlechterübergreifende Solidarität, um weitere Ziele auf dem Weg zur Gleichstellung und gegen Gewalt zu erreichen.“

... und Erstklässlerin Lea Sophie.

Lea Sophie Jakobs (7), Erstklässlerin: „Ich wünsche mir zwei Sachen: dass Corona aufhört und dass man gemeinsam wieder ganz viel Spaß hat.“ Und was beschäftigt dich derzeit? „Mich beschäftigt Corona. Das ist blöd, weil man seit langem schon nicht so viel mit Freundinnen spielen kann. Auch sehe ich Omas und Opas seltener. Das ist schade. Zurzeit bastele ich viel zu Hause. Auch kuschle ich viel mit meinem Hund.“ Auf die Frage, ob es etwas gibt, das sie für Mädchen zurzeit irgendwie doof findet, antwortet Lea Sophie: „Ich finde es doof, dass Jungs manchmal nerven. Auf dem Schulhof zum Beispiel lassen sie uns Mädchen nie in Ruhe spielen. Auch möchte ich in Frieden leben. Ich möchte keinen Streit. Das wünsche ich allen.“

Svenja Ehlers steht als Geschäftsführerin an der Spitze der Sana Klinikum Remscheid GmbH.

Svenja Ehlers (49), Geschäftsführerin Sana Klinikum Remscheid: „Weltfrauentag - in diesen unruhigen und besorgniserregenden Zeiten müssen alle Menschen und so auch alle Frauen jeden Tag um ihre Rechte kämpfen. Insofern müssten wir jeden Tag über Frauenrechte und Menschenrechte sprechen. Und gerade jetzt würde ich mir wünschen, dass mehr Frauen die Geschicke der Welt beeinflussen würden, auch wenn dies wohl keine Garantie für Weltfrieden wäre. Was hält Frauen davon ab, Spitzenpositionen anzustreben und zu bekleiden? Der Anteil von Frauen in Führungspositionen beträgt knapp 24 Prozent, in meiner Branche, dem Gesundheitswesen immerhin knapp 37 Prozent. Die Gründe dafür sind vielfältig und liegen meines Erachtens zum einen in der kulturellen Prägung und zum anderen an Sozialisation und Rollenbild. Die Attitüde „Ich kann das“ ist bei vielen Frauen nicht sehr ausgeprägt, stattdessen fragen sie sich: Kann ich das? Junge Frauen haben nach Ausbildung und Studium die besten Chancen. Spätestens jedoch in der Phase der Familiengründung wird es schwierig. Hier sind Gesellschaft und Unternehmen gefragt! Tradiertes Management ist sicherlich weder Frauen- noch Familienfördernd, dieses zu durchbrechen ist jedoch selbst für Frauen in Managementpositionen schwierig, wenn sie nur in geringer Anzahl vertreten sind. Insofern brauchen wir einfach mehr sichtbare Frauen, die mutig Ihren Weg gehen und jeden Tag für sich einstehen und zeigen was sie können. Auch wenn, wie Simone de Beauvoire sagte, ‚die Tatsache des Menschseins unendlich viel wichtiger ist als alle Besonderheiten die das Menschenwesen auszeichnen (…)‘, so können wir in unserem Verhalten die richtigen Unterschiede machen. Ich hoffe, dass irgendwann eine Zeit kommt, in der dieses Thema gar keine Rolle mehr spielt, weil Vielfalt überall sichtbar und spürbar ist und jeder Mensch frei und gleich sein Leben gestalten kann.“

Filmabend

Anlässlich des Internationalen Frauentags zeigt die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen am Freitag, 11. März, 19.30 Uhr, in der Zentralbibliothek, Scharffstraße 4-6, den Film „Die Unbeugsamen“. Eintritt frei, es gilt 2G plus. Anmeldung: Tel. 4 60 06 22 oder per Mail: UB.remscheid.nrw@spd.de

Wir dürfen mutig und stolz sein

Frauensache

Dürfen wir den heutigen Internationalen Frauentag angesichts des Ukraine-Kriegs – ja, ich nenne ihn beim Namen! – überhaupt in den Mittelpunkt rücken? Ich persönlich fühle mich seit Ausbruch dieses persönlichen Feldzuges eines einzigen Despoten schuldig. Schuldig, wenn ich lache, wenn ich im Auto zu „Jenny from the Block“ mitsinge oder wenn ich am Herd stehe und koche. Dann rüge ich mich in Gedanken selbst. Denn so viele andere Menschen, so viele Frauen, Männer und Kinder, die nur zwei Flugstunden entfernt sind, haben alles verloren. Ich fühle mich hilflos, machtlos. Das Damoklesschwert hängt über dem Alltag. Der Krieg begleitet beim Aufstehen und beim Einschlafen. Und oft auch im Traum. Daher noch mal die Frage: Darf der Internationale Frauentag heute in den Fokus? Ich finde: Er muss. Denn niemand, und erst recht kein Gewaltherrscher, darf unser Geschlecht instrumentalisieren, darf uns zum Schweigen bringen. Dafür müssen wir jeden Tag einstehen – und den Mund aufmachen. Und müssen uns auch nicht auf den Schlips getreten fühlen (ja, Schlips, auch Frauen dürfen den tragen, wenn sie wollen, genauso wie Jungs Rosa tragen dürfen), wenn kein * oder: bei einer Aufzählung vorkommt. Da stehen wir drüber. Auch über Klischees („Können Sie denn überhaupt rückwärts einparken, junges Fräulein?“) oder die Reduzierung aufs Äußere. Neues Selbstbewusstsein, neuer Mut – und ja, wir dürfen auch stolz sein. Und das auch sagen. Oder wie seht ihr das? Schreibt mir gern.

melissa.wienzek@rga.de

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