Interview der Woche

Gleichstellungsbeauftragte: „Wir brauchen mehr Hilfe für Täter“

Christel Steylaers ist Gleichstellungsbeauftragte.
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Christel Steylaers ist Gleichstellungsbeauftragte.

Die Gleichstellungsbeauftragte Christel Steylaers über Gewalt - und was die Gesellschaft tun muss.

Das Gespräch führte Melissa Wienzek

Frau Steylaers, wie wichtig ist ein Frauenhaus für eine Stadt wie Remscheid?

Christel Steylaers: Es ist enorm wichtig, dass wir eine solche Einrichtung vorhalten. Denn wir haben nun mal das Problem von häuslicher Gewalt und Übergriffen gegenüber Frauen. Sie müssen wissen, dass sie Schutz und Hilfe bekommen können. Wir wissen, dass viele Frauen auch außerorts flüchten und Hilfe finden, aber allein die Tatsache, dass wir ein Frauenhaus haben, ist für viele Frauen schon ein wichtiger Punkt.

Im Frauenhaus finden Frauen und Kinder Platz, die Schutz vor Gewalt suchen. Laut den Verantwortlichen sind es immer noch die Männer, die vornehmlich häusliche Gewalt ausüben. Teilen Sie diese Einschätzung, gibt es aktuelle Zahlen?

Steylaers: Ja, ich teile diese Einschätzung. Aktuelle Zahlen, die kürzlich von der Bundesfrauenministerin in Zusammenarbeit mit dem Bundesinnenministerium vorgestellt wurden, belegen das. Demnach sind etwa 80 Prozent Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt werden.

Aber es gibt doch sicher auch Frauen, die gegenüber ihren Männern handgreiflich werden. Warum spricht man darüber so selten in der Öffentlichkeit?

Steylaers: Erst einmal ist das Phänomen seltener vorhanden. Zudem ist es so, dass das Netz von Beratungsstellen für Männer, die Opfer von Gewalt werden, nicht so ausgeprägt vorhanden ist. Denn: Je mehr Menschen da sind, die Öffentlichkeitsarbeit machen, desto mehr wird in der Öffentlichkeit auch berichtet. Sicher sind das genau die Fragen, die noch stärker angesprochen werden müssten. Wir bräuchten mehr Beratungsstellen auch für Männer.

Warum sind Frauen eher in der Opferrolle?

Steylaers: Es geht im Bereich der häuslichen Gewalt oft nicht nur um die Frage des Schlagens und um wer schlägt wen, sondern um die Frage: Wer hat die Macht in der Familie? Für viele Männer, die ihre Frau schlagen, ist es eine Art Machtdemonstration. Das geht durch alle gesellschaftlichen Schichten - und hat nichts mit Alkohol oder Migration zu tun, sondern mit Macht. Es begründet sich auch oft dadurch, dass Männer länger und häufiger erwerbstätig sind. Sie sitzen am längeren Hebel und können daher ihre Macht ausspielen. Meistens sind es eher schwache Menschen, die ihre Stärke auf ihre Art und Weise so ausspielen, manchmal ist es gar ein Ausdruck von Hilflosigkeit. Letztlich ist aber jeder Schlag ein Schlag zu viel.

Was also tun?

Steylaers: Wir müssen den Männern Angebote machen, damit sie aus dieser Situation herauskommen und Macht und Stärke auf eine andere Weise empfinden.

„Ich finde es fatal, dass Werbung alte Rollenmodelle transportiert.“

Christel Steylaers

Wie könnte so ein Angebot für Männer aussehen?

Steylaers: Wir brauchen sehr viel mehr Beratung und Hilfe für Männer, die Täter geworden sind oder befürchten, dass sie Täter werden könnten, die ihre Aggressionen nicht unter Kontrolle haben. Wir haben im Städtedreieck keine Beratungsstelle zur Täterarbeit. Diese Einrichtung ist dringend überfällig. Es gibt Einrichtungen in Mettmann, die sehr erfolgreich arbeiten. Es wäre ein sehr großer Vorteil, wenn wir da im Städtedreieck weiterkämen.

Sollte man auch bei besseren Bildungs- und Erwerbschancen für Frauen ansetzen?

Steylaers: Alles, was Frauen stärker macht, hilft. Dazu gehört Kinderbetreuung, dazu gehören Hilfestrukturen, bessere Jobaussichten. Bei Migrantinnen ist es ganz wichtig, dass sie mehr Wissen über ihr Aufenthaltsrecht erlangen.

In diesem Zusammenhang ist ja auch die Frauenberatungsstelle, die sich zuletzt neu aufgestellt hat, wichtig.

Steylaers: Ja, ungemein. Die Frauenberatungsstelle macht Präventions- und Interventionsarbeit. Frauen in allen Lebenslagen und mit allen Themen erhalten hier Hilfe - nicht nur bei häuslicher Gewalt, aber auch dabei.

Was kann man präventiv tun, wo muss man Ihrer Meinung nach ansetzen?

Steylaers: Stark machen ist wichtig. Täterarbeit durchzuführen, auch präventiv. Anti-Aggressionstrainings an Schulen und überhaupt die jungen Männer an Schulen starkmachen, das wäre wichtig. Ich sehe ein großes Defizit darin, dass man immer noch in tradierten Rollenbildern lebt. Die Frau macht den Haushalt und kümmert sich um die Kinder, der Mann ist der Ernährer. Überall da, wo dieses Rollenbild aber nicht funktioniert, erleben Frauen und Männer einen Bruch. Es ist an der Zeit, neue Rollenmodelle zu schaffen. Die Frage ,Wie wollen Männer und Frauen auch in Zukunft zusammenleben?’ muss gesamtgesellschaftlich diskutiert werden. Ich finde es fatal, dass die Werbung und viele Privatsender weiterhin diese alten tradierten Rollenmodelle transportieren, obwohl sie von den Menschen nicht mehr gelebt werden. Vor allem junge Menschen erleben hier einen Bruch. Ihnen wird etwas vorgegaukelt. Das Thema muss auf den Tisch, auch im privaten Fernsehen.

Was wünschen Sie sich als Gleichstellungsbeauftragte in diesem Hinblick für die Zukunft?

Steylaers: Ich würde am liebsten Gewalt abschaffen. Das klappt natürlich nicht. Ich hoffe, dass die Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit für diese Themen weiter so groß ist, dass klar ist, dass Gewalt niemals privat ist. Dass sich die Gesellschaft um die Opfer kümmert, dass man Täter so beeinflusst, dass sie keine Täter mehr sein wollen. Die Bundesrepublik Deutschland hat sich im Rahmen der Istanbul-Konvention auch dazu verpflichtet. Daran muss man weiter arbeiten. Wir können als Gesellschaft viel dafür tun, das Thema in der Öffentlichkeit zu halten. Ich bin sehr dankbar, dass der RGA dieses Thema im Rahmen von Helft uns helfen über einen längeren Zeitraum differenziert betrachtet.

RGA: „Helft uns helfen“ Remscheid

Diese Leserinnen und Leserin haben bereits gespendet, wofür wir sehr dankbar sind: Petra Wolf-Eichbaum, Jutta Klein, Manfred Paul Josef von Fritschen, Christiane Hermes-von der Mühlen, Peter Boucke, Helma Pilz, Eckehard und Doris Katerndahl, Ulrike Kölker, Erhard und Ingeborg Joch, Werner Wolfgang Großmann, Dietmar Tänzer, Irmgard und Jochen Kohl-Esterle, Elke Martha Margarete Endres, Manfred Kruger und Brigitte Havertz-Kruger, Ursula Zingler, Rosemarie Beifus, Iris Galli, Marianne Pankauke, Prof. Dr. Norbert Koubek und Inge Koubek-Holz, Erwin und Marianne Graumann, Horst Herbert Putsch und Beate Putsch, Ursel Wolff, Ingelore Kirsten-Polnik, Gabriele Humpert-Wachsmann und Waldemar Wachsmann, Erika Lange, Horst und Ingrid Thomas, Erika Hein, Artur Schlage, Susanne Follmann, all diejenigen, die die Weihnachtscircus-Gutscheine gekauft haben und all diejenigen Spenderinnen und Spender, die anonym bleiben möchten. Wir danken Ihnen allen ganz herzlich!

Spenden: Spenden ist auch weiterhin möglich. Die Kontonummer steht im Logo oben. Der RGA veröffentlicht die Spendernamen in seinen Medien, wenn im Überweisungszweck nicht „Keine Veröffentlichung“ angegeben wurde.

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