Interview

„Die Willenskraft kann man trainieren wie einen Muskel“

Marc Gassert (44) ist Vortragsredner und Buchautor. Der gebürtige Augsburger erklärt den Zuhörern am 10. November im Livestream, wie jeder Einzelne seine Ziele durch Disziplin erreichen kann. „Disziplin kann man nicht kaufen – aber sie zahlt sich aus“, sagt er. Foto: Rainer Spitzenberger
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Marc Gassert (44) ist Vortragsredner und Buchautor. Der gebürtige Augsburger erklärt den Zuhörern am 10. November im Livestream, wie jeder Einzelne seine Ziele durch Disziplin erreichen kann. „Disziplin kann man nicht kaufen – aber sie zahlt sich aus“, sagt er.
  • Melissa Wienzek
    VonMelissa Wienzek
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Marc Gassert ist der Sprecher beim nächsten Bergischen Wissensforum am 10. November.

Das Gespräch führte Melissa Wienzek 

Herr Gassert, Sie sagen: „Nicht das Anfangen wird belohnt, sondern das Durchhalten.“ Aber wie schafft man das bloß?

Marc Gassert: Das ist genau die zentrale Frage. Landläufig verwenden wir das Wort Motivation, wenn wir beschreiben wollen, dass wir einen Antrieb brauchen. Ich habe mal den Satz gehört: „Motivation ist wie eine Diva – man sollte nicht darauf warten, dass sie kommt.“ Mir hat der Vergleich gut gefallen. Denn es gibt zwei Arten von Menschen: Die einen wissen, was sie machen wollen, warten aber auf die Motivation. Zum Beispiel: Winterreifen aufziehen. Diese Menschen sagen sich: Ich mache es dann, wenn Wochenende ist, wenn die Sonne scheint – sie warten also auf die Motivation. Aber die kommt nicht. Der andere Typ Mensch beginnt ganz beseelt mit einer Aufgabe, sagt sich zum Beispiel: Ich habe in den Spiegel geschaut, ich will nun abnehmen. Zunächst fühlt er diese Energie, aber dann ist sie plötzlich weg, der Mensch bricht ab. Deswegen komme ich zu dem Schluss, dass dann, wenn die Motivation weg ist, der Moment gekommen ist, in dem wir Disziplin brauchen. Dafür brauchen wir einen Kraftquell – das ist unsere Willenskraft. Diese kann man trainieren wie einen Muskel.

Es hängt also viel mit der Selbstdisziplin zusammen, die auch gerade in Coronazeiten immer wieder gefordert ist. Warum ist dieses Wort für viele negativ besetzt?

Gassert: Ich denke, dass diese negative Konnotation an alte Zeiten erinnert, an das Preußentum. Viele assoziieren mit Disziplin Drill, Zwang und Gehorsam, weil dies alles in einer schauerlichen Zeit gefordert wurde. Aber ich denke, Selbstdisziplin ist eine der tollsten Tugenden, die man sich aneignen kann. Denn sie schafft Freiheit und bringt uns unseren Zielen näher. Es ist eine Tugend, die man erlernen und steigern kann. Gerade die junge Generation könnte das derzeit gut gebrauchen, weil sie in diesem Punkt orientierungslos ist, denke ich. Disziplin ist unfassbar hilfreich.

„Unsere eigenen Werte sind uns um die Ohren geflogen.“

Marc Gassert über die Coronakrise

Sie nennen sich „der blonde Shaolin“. Warum?

Gassert: Ich bin selbst erstaunt, wie oft das in der Presse aufgenommen wird, ich nenne mich eigentlich gar nicht so. Den Beinamen habe ich bekommen, weil ich oft in China und Japan war. Als Kind war ich immer in der Fremde, mein blondes Haar war, egal wo, immer das erste Erkennungsmerkmal. Und die Leute haben mir dann Namen wie Biondino (blonder Junge) gegeben (lacht). Ich habe mir zwar die chinesischen Kampfkünste an der Quelle in China aneignen können, bin aber kein Mönch.

Aber dennoch können wir wahrscheinlich in puncto Disziplin viel von den asiatischen Ländern lernen, oder?

Gassert: Ich glaube nicht, dass wir das Licht im Osten suchen sollten oder finden, aber ich glaube, dass Selbstdisziplin ganz viel mit unseren Werten zu tun hat. In unserer Gesellschaft, wie wir jetzt auch in Coronazeiten merken, werden viele Werte auf den Prüfstand gestellt. Das erzeugt Verunsicherung. Während des Lockdowns haben es alle als Ehre empfunden, zu Hause zu bleiben, nach dem Motto: „Alle für einen, einer für alle“. Wir waren durch unsere Werte angetrieben, daher war es für uns kein Problem. Doch dann in der Öffnungsphase haben sich die Leute ungerecht behandelt gefühlt, weil es einen Missstand gab. Das eine Unternehmen erhält eine Förderung, das andere nicht, einer ist systemrelevant, ein anderer nicht. Unsere eigenen Werte sind uns um die Ohren geflogen, es gab Meuterei und eine Spaltung der Gesellschaft. Je wertekongruenter wir sind, desto leichter fällt uns Disziplin. Die Asiaten haben da wunderbare Bilder. Vielleicht können uns diese helfen, uns auf unsere eigenen Werte zu besinnen.

Sie sind am 10. November beim Bergischen Wissensforum zu Gast – allerdings nicht physisch vor Ort, sondern im Livestream. Was erwartet das Publikum?

Gassert: Es geht um drei spannende Fragen: Was treibt uns Menschen an? Was hält uns am Ball? Und wie laden wir unsere Akkus wieder auf? Und zwar möglichst so, dass sie in der völlig verrückten Hochgeschwindigkeitswelt wie ein Schnelllader nutzbar gemacht werden. Denn meist bleibt keine Zeit, mal eben in den Urlaub zu fahren oder ins Kino zu gehen, weil sich die Welt so schnell dreht. Es geht also um die drei Dinge: biologische Antriebe, Werte und unsere Willenskraft, und wie wir diese drei Antriebe nutzbar machen. Wie wir dadurch Disziplin erlangen und unsere Ziele erreichen. Die Zuhörer kriegen nicht nur Tipps, Tricks und Tools mit, wie sie selbstdisziplinierter werden, sondern sie werden während des Vortrags auch live ins Erleben gebracht.

Wie ist das eigentlich, bei einem Livestream allein auf der Bühne zu stehen und in eine Kamera zu sprechen, statt dem Publikum in die Augen zu sehen?

Gassert: Ja, das ist sehr skurril. Bei Liveauftritten baut man eine Beziehung zum Publikum auf. Live geht es auch darum, dass man als Redner versucht, durch seine Persönlichkeit zu wirken, während bei einem Stream die Personen eher in den Hintergrund treten – und die Inhalte mehr in den Vordergrund. Das Online-Streaming ist für alle Redner eine sehr gute Lektion, um den Inhalt des Fachvortrags mehr in den Vordergrund zu stellen – und das Ego mehr zurückzunehmen. Was es besonders spannend macht. Da trennt sich dann auch die Spreu vom Weizen.

Zur Person / Tickets für den Livestream

Zur Person: Marc Gassert (44) wurde in Augsburg geboren, wuchs in Italien auf und reiste mit seinen Eltern um die Welt. Er lebte auf allen Kontinenten und spricht mehrere Sprachen. Gassert hat Kommunikationswissenschaften studiert, ist Vortragsredner und Buchautor.

Buchtipp: Marc Gassert, „Alles ist schwer, bevor es leicht wird: Mit dem Wissen der Shaolin zu mehr Disziplin und Willenskraft“, Ariston, ISBN: 9783424200935; 14,99 Euro.

Vortragsabend: Marc Gassert ist der Gastredner beim Bergischen Wissensforum von RGA und Solinger Tageblatt am Dienstag, 10. November, ab 19.30 Uhr.

Tickets: 49 Euro, RGA-Karten-Inhaber zahlen 39 Euro; Tel. (0 25 61) 9 79 28 88, info@sprecherhaus.de (E-Mail) oder online.

Aufzeichnung: Das Video steht nach dem Livestream vier Wochen lang als Aufzeichnung bereit.

Veranstalter: Remscheider General-Anzeiger und Solinger Tageblatt gemeinsam mit der Volksbank im Bergischen Land, Walbusch und der Veranstaltungsagentur Sprecherhaus.

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