Anwohner sind besorgt

Wildschweine und Co. erobern Remscheid

Immer wieder sorgt ungebetener Wildschwein-Besuch in Gärten für Schäden, weiß Forstamtsleiter Markus Wolff. Fotos: Roland Keusch/Michael Schütz (Archiv)
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Immer wieder sorgt ungebetener Wildschwein-Besuch in Gärten für Schäden, weiß Forstamtsleiter Markus Wolff.

Rosenhügel und Klausen gehören nicht zu den klassischen Orten, an denen man Wildschweine vermuten würde.

Von Manuel Böhnke

Remscheid. Doch Anrufe dortiger Anwohner erreichen Markus Wolff in den vergangenen Wochen immer wieder. Sie sind besorgt, weil die Tiere sich zunehmend näher an Häuser herantrauen. „Aber was sollen wir machen? Verbotenerweise in Wohngebieten auf die Jagd gehen?“, fragt der Leiter des Forstamtes. Seiner Beobachtung nach haben Wildschweine inzwischen „fast alle Innenstadtbereiche in Remscheid erobert“.

Und damit sind sie nicht alleine. Begegnungen mit Mardern und Füchsen sind längst keine Seltenheit mehr. Auch Waschbären sorgen Wolff zufolge auf Remscheider Dachböden mittlerweile regelmäßig für Ärger. „Wir müssen uns darauf einstellen und ein anderes Bewusstsein entwickeln“, ist er überzeugt. Bei einem Vorfall nach den Ordnungsbehörden zu rufen, greife zu kurz.

„Sollen wir in Wohngebieten auf die Jagd gehen?“ 

Markus Wolff, Forstamtsleiter

Dass die anpassungsfähigen Wildschweine und teils auch Rehe ihre Scheu abzulegen scheinen, führt der Fachmann zum einen auf das gute Futterangebot in städtisch geprägten Gebieten zurück. Auch der Remscheider Jagdberater Wolf Hasenclever sagt:

Forstamtsleiter Markus Wolff

„Im Wald wird es mit der Nahrung manchmal schwierig, während Komposthaufen im Garten die perfekte Quelle sind.“ Wolff hat noch einen anderen Erklärungsansatz für die verstärkte Präsenz der Wildtiere: „Das könnte ein Signal sein, dass der Wald für sie fast genauso voll und unbequem ist wie die Stadt.“

Denn die Schwarz- und Rehwildpopulationen befinden sich seinen Erkenntnissen nach auf einem hohen Stand. Bereits seit einiger Zeit fordert Wolff deshalb, die Bejagung zu intensivieren. Immer wieder verweist er in diesem Zusammenhang auf die Bemühungen des Forstamtes, den Remscheider Wald an die veränderten Klimabedingungen anzupassen. Von Rehen angefressene junge Bäume seien dabei wenig förderlich.

In den Reihen der Jägerschaft stößt dieser Vorschlag bislang nur bedingt auf Gegenliebe. Wolf Hasenclever kennt beide Seiten. Zum einen berät er die Stadt bei Jagdangelegenheiten. Zum anderen sieht er in seinem Forstgut Ehringhausen, welchen Schaden der Wald in den vergangenen Jahren genommen hat. „Im Grunde ist es nicht mehr fünf vor 12, sondern schon 12 Uhr“, sagt er über den Zustand. Um Wald und Wild in Einklang zu bringen, sei es nötig, „den Rehwildabschuss deutlich zu erhöhen“.

Grundsätzlich wehrt sich Stephan Hertel dagegen nicht. Die Remscheider Jäger seien nach wie vor bereit, dort verstärkt zu jagen, wo es nach Borkenkäfer- oder Sturmschäden besonderen Bedarf gibt. „Da reden wir aber nur über diese Bereiche, nicht gesamte Reviere“, sagt der Vorsitzende der hiesigen Kreisjägerschaft.

Er sieht sich und seine Mitstreiter als „Anwälte des Wildes“, deren Aufgabe es per Definition ist, für einen „den landschaftlichen und landeskulturellen Verhältnissen angepassten, artenreichen, gesunden Wildbestand“ zu sorgen. Die Rehwild-Population flächendeckend auf ein Minimum zu reduzieren, könne nicht das Ziel sein. „Wir lassen uns nicht vor den Karren spannen wegen des Klimawandels und forstwirtschaftlichen Fehlern, die vor etlichen Jahren beispielsweise mit dem Anbau von Monokulturen gemacht wurden.“

Noch scheint in diesem Konflikt keine einvernehmliche Lösung in Sicht. „Wir sind im Gespräch“, betont Markus Wolff allerdings. Er ist auf die Unterstützung der Jägerschaft angewiesen. Die will er sich zur Not auch auf dem juristischen Weg holen, indem Verbissschäden angezeigt werden. Dadurch stellen sich „dauerhafte Lerneffekte“ ein, hofft Wolff.

Kurzfristige Abhilfe bei Problemen mit Wildtieren im innerstädtischen Bereich verspricht das nicht. Doch was ist zu tun, wenn sich ungebetene Gäste nähern? „Wichtig ist, die Situation für die Tiere so unbequem wie möglich zu machen“, erläutert Markus Wolff. Konkret bedeutet das, mögliche Futterquellen wie Mülleimer und den Fressnapf für die Nachbarskatze nicht gut zugänglich herumstehen zu lassen. Hilfreich könnte es auch sein, die Tiere mit Menschengeruch in Form von getragener Kleidung oder Haaren zu vergrämen. Der sicherste Schutz ist allerdings ein gut eingezäuntes Grundstück, rät die Stadt. Auch Wolf Hasenclever betont: „Alte, desolate Zäune sind das größte Problem.“ Die Investition in einen besseren Schutz könnte sich auf lange Sicht lohnen: Für Wildschäden auf Privatgrundstücken kommen im Regelfall die Eigentümer selbst auf.

Afrikanische Schweinepest

Der Nachweis der Afrikanischen Schweinepest in Brandenburg wird auch in Remscheid beobachtet. Der Ernstfall wurde bereits vor zwei Jahren geprobt. Unter Federführung des Bergischen Veterinäramtes beriefen Remscheid, Solingen und Wuppertal in einem fiktiven Szenario je einen Krisenstab ein und probten die interkommunale Zusammenarbeit, erklärt Ordnungsdezernentin Barbara Reul-Nocke auf RGA-Anfrage.

Standpunkt: Aufeinander angewiesen

Von Manuel Böhnke

manuel.boehnke@rga.de

Das Zusammenleben von Mensch und Tier verläuft nicht immer reibungslos. Das machen zwei jüngere Beispiele deutlich. Da sind zum einen Anwohner aus Klausen und vom Rosenhügel. Sie bekommen neuerdings Besuch von Wildschweinen. Der ein oder andere Jäger erhielt sogar schon Angebote, sich abends auf privaten Terrassen auf die Lauer zu legen. Ein anderes Bild zeichnet eine Eingabe, die im Haupt- und Finanzausschuss in der vergangenen Woche Thema war. Darin beschwert sich ein Remscheider über die „unverhältnismäßige Jagd auf Rehwild“ nahe seinem Wohnort.

So unterschiedlich kann die Perspektive sein. Das gilt auch für den lange währenden Konflikt zwischen Forst und Jagd, der auch in Remscheid noch schwelt. Dabei sind beide Seiten aufeinander angewiesen. Die Forstleute brauchen die Jäger als Unterstützung beim klimagerechten Waldumbau. An dem sind letztendlich aber auch die Waidmänner interessiert. Schließlich geht es um den Lebensraum des Wildes. Auf ihre gemeinsamen Interessen sollten sich die Beteiligten besinnen.

In Brandenburg sind weitere infizierte Wildschweinkadaver entdeckt worden. Damit scheint sich die Afrikanische Schweinepest im Land auszubreiten.

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