Künstler spüren Geschichten auf

Wie war der erste Kuss? Auf dem Sofa sollen Menschen in Honsberg ins Gespräch kommen

Bitte Platz nehmen: Auf diesem Sofa möchten Georg Schmitt und Elaine Vis mit den Menschen aus dem Quartier ins Gespräch kommen. Immer mit dabei: das kuschelige Chromosom „Irina“, das die gleichnamige russische Oma gestrickt hat. Es dient als Türöffner. Und Kuschelpartner.
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Bitte Platz nehmen: Auf diesem Sofa möchten Georg Schmitt und Elaine Vis mit den Menschen aus dem Quartier ins Gespräch kommen. Immer mit dabei: das kuschelige Chromosom „Irina“, das die gleichnamige russische Oma gestrickt hat. Es dient als Türöffner. Und Kuschelpartner.
  • Melissa Wienzek
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„Stadtbesetzung“ ist das erste Residenzprogramm von Ins Blaue. Es wird vom Land gefördert.

Von Melissa Wienzek

Remscheid. Aus zwei Künstlern werden zwei Sherlock Holmes: Georg Schmitt aus Wiesbaden und Elaine Vis aus Utrecht in den Niederlanden haben ihren ursprünglichen Beruf als bildende Künstler an den Nagel gehängt. Denn ab sofort sind sie als Ermittler-Duo im Quartier Honsberg unterwegs. Ihre Mission: Die Geschichten der Menschen aufspüren, die hier leben. Und das sind immerhin 2000 aus 44 Nationen wie Moldawien, Polen, Libanon, Türkei oder dem Kosovo. „Und eine Gruppe richtiger Honsberger, die alles miterlebt haben“, sagt Elaine Vis.

Das künstlerische Rechercheteam nimmt dabei aber nicht nur einfach Fakten auf, sondern erfasst Stimmungen und Gefühle, beobachtet das Treiben, fühlt und macht selbst mit - und schafft aus all dem am Ende ein Gemeinschaftskunstwerk, das die Honsberger noch näher zusammenbringt. Und für eine Identität mit dem eigenen bunten Quartier sorgt.

Honsberger feiern mit Folklore, Kirmes und Crêpes

„Stadtbesetzung“ heißt das erste Residenzprogramm überhaupt der Kulturwerkstatt Ins Blaue. Einen Monat lang leben und arbeiten drei Künstler am Honsberg. Elaine Vis und Georg Schmitt sind bereits seit dem 5. und noch bis zum 26. Juni da, im Anschluss besetzt der Künstler Brandstifter aus Mainz das Quartier bis zum 3. Juli. In dieser Zeit sind die drei im Stadtteil unterwegs und tauschen sich mit den Bewohnerinnen und Bewohnern über ihre Erinnerungen und Geschichten aus.

Elaine Vis setzt ihr Projekt „Baumtattoos“ um, Georg Schmidt seine „Binnenpretje“. Brandstifter sammelt am Honsberg für seine „Asphaltbibliothek“. Das Projekt „Stadtbesetzung“ wird gefördert vom Kultursekretariat Gütersloh NRW und dem NRW-Kulturministerium. Für die „Stadtbesetzung“ haben die Künstler dem Verein Ins Blaue die Bude eingerannt.

Und auch Georg Schmitt bestätigt: „Das hier ist einzigartig.“ Er sei total begeistert von der Atmosphäre, den Möglichkeiten, den Menschen. Der Wiesbadener, der heute keine Kunst mehr zum Verkaufen, sondern lieber „Kontaktkunst“ macht, erspähte bei seinem Spaziergang die Tage wilden Wein. „Da ich gern gefüllte Weinblätter mache, fragte ich ein paar Kinder, wem der Garten gehört.“

15 Leute später bekam er die Infos - und durfte gemeinsam mit den Kindern Weinblätter pflücken. „Hier geschehen lauter verrückte Sachen“, freut er sich. Zum Beispiel fahre mehrmals am Tag ein weißer Lieferwagen über die Siemensstraße, aus dem eine leise Flöten-Melodie ertönt. „Wie Himmelsmusik“, sagt auch Vis.

Vorherige Projekte haben schöne Geschichten hervorgebracht

Für seine Aktion „Binnenpretje“ (der niederländische Ausdruck für ,nach innen lächelnʼ) stellt Schmitt das aufblasbare Sofa von Elaine Vis zwischen die Häuser 21 und 19 und bittet bei einem Kaffee zum Gespräch. Er möchte von den Honsbergern wissen: Wie war der erste Kuss? Was ist deine Lieblingsmusik? Und vor allem: Was bringt dich zum Träumen?

Sie müssen es ihm gar nicht erzählen, betont Schmitt, hier gebe es kein Zur-Schau-Stellen der Gefühle. Er möchte nur den Gesichtsausdruck im Foto festhalten. „Denn der schönste Gesichtsausdruck eines Menschen ist verträumt“, ist er überzeugt. Zeuge von Glücklichkeit zu sein, finde er sehr inspirierend. Für Georg Schmitt hat das schon fast eine erotische Dialektik. Sein Traum: am Ende viele Fotos aufzuhängen.

Projekt Honswerk wertet Viertel mächtig auf

Auch Elaine Vis, die schon oft solche Projekte in der ganzen Welt gemacht hat, spricht die Leute auf der Straße oder sogar im Altenheim an. Auch sie schätzt den dörflichen Charakter des Honsbergs. „Der Ort ist speziell, der kommunistische Spirit hängt hier noch.“ Der Honsberg galt früher als das „rote Viertel“.

Natürlich wolle nicht jeder mit ihr sprechen, das sei okay. Aber insgesamt seien die Menschen aus den vielen Nationen sehr offen. „Eine Frau hat mir vom Krieg erzählt. Ihre Füße haben gebrannt, als sie über die phosphorbedeckten Straßen ging.“ Aus den Erzählungen greift sie Begriffe auf, die sie mit Wachs und Perlen wie Tattoos an die vielen alten Bäume anbringt. So bleibt etwas für die Ewigkeit bestehen. Von den Honsbergern für den Honsberg.

Quiz und Ausstellung am 25. Juni

Wie bei der TV-Show „Wer wird Millionär?“ machen die beiden Künstler mit den Honsbergern ein Stadtteil-Quiz mit 20 bis 30 Fragen. Zum Beispiel: Wann wurde der Bunker gebaut? Über Briefträger Ralf kommt das Quiz zu den Bewohnerinnen und Bewohnern. Antworten können in der Siemensstraße 23 eingeworfen werden.

Am 25. Juni gibt es um 16 Uhr die Abschlussveranstaltung von „Honsberg für Checker“, so der spontane Titel von Georg Schmitt, der verspricht: „Es gibt einen Superpreis zu gewinnen.“ Zudem werden dann die künstlerischen Ergebnisse in und um die Ins Blaue Art Gallery, Siemensstraße 21, gezeigt.

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