Mein Blick auf die Woche

Wie haben wir nur groß werden können?

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Sie haben Angst vor den Gefahren des Straßenverkehrs, vor Übergriffen und Belästigung. Deshalb bringen Eltern ihre Kinder an jedem Morgen mit dem Auto zur Schule. RGA-Lokalchef Axel Richter fragt sich, wie er selbst hat groß und alt werden können.

Der Hastener Schutzmann Frank Herzhoff spricht nicht mehr vom Inter-, sondern vom Hysternet. Allenthalben würden nach seiner Beobachtung in den sogenannten sozialen Netzwerken Ängste befeuert. Das wirkt.

Gingen die Kinder früher selbstverständlich ohne Mama und Papa zur Schule, wird in Remscheid heute jedes dritte Kind mit der Familienkutsche bis vor das Schultor gebracht. Die Zahl veröffentlichte in dieser Woche ein Dortmunder Verkehrsplanerbüro, das die Schulwege in Remscheid einer Überprüfung unterzog.

Die Eltern nennen Angst vor den Gefahren des Straßenverkehrs und Angst vor Übergriffen und Belästigungen als Gründe für ihre Elterntaxi-Fahrten. Und tatsächlich, auch das zeigt die Analyse, weisen die Schulwege in Remscheid etliche Gefahrenstellen auf.

Auf der anderen Seite stellt sich älteren Generationen zuweilen die Frage, wie sie eigentlich haben groß werden können, obwohl sie in ihrer Kindheit nicht ansatzweise in ähnlicher Weise von den Eltern beschützt worden sind.

Die Erwartungshaltung, vor allem und jedem bewahrt und beschützt zu werden, ist heute weit verbreitet. Und die Ansprüche sind hoch. 200 Milliarden Euro will die Bundesregierung ausgeben, um den Preis für Gas und Strom zu drücken. Das ist eine gewaltige Summe. Wetten, sie wird vielen dennoch nicht ausreichen?

Allen voran jenen nicht, die donnerstags wieder durch Remscheid marschieren und unter Verdrehung der Tatsachen den Menschen in der Ukraine die Solidarität aufkündigen. „Wir frieren nicht für Eure Politik“, sagen sie, was übrigens ein Slogan der „Freien Sachsen“ ist, aber mit Pöblern vom rechten Rand wollen die Spaziergänger nichts zu tun haben.

Was sie nicht begriffen haben oder nicht begreifen wollen, um auf der Straße Rabatz zu machen und ihr populistisches Süppchen zu kochen: Nicht der Westen führt Krieg gegen Russland. Russland führt Krieg gegen den Westen.

Die Ängste, Sorgen und Probleme, die daraus erwachsen, sind gewaltig, sie drücken uns alle jeden Tag mehr. Zugleich dürsten wir nach schnellen Lösungen und einfachen Antworten. Die gibt es aber nicht. Sicher ist dagegen: Nicht allen kann Vater Staat helfen und nicht jede Härte kann er abfedern.

Vielmehr wirft uns Putins Krieg auf uns selbst zurück. Der Krieg und übrigens auch der Klimawandel, dessen Folgen jetzt auch vor unserer eigenen Haustür in Remscheid deutlich sichtbar werden. Im August zerbrach die Blutbuche am Lenneper Thüringsberg. Nach der düsteren Prognose der Technischen Betriebe werden viele weitere alte Stadtbäume die kommenden Dürresommer nicht überstehen.

Den Klimawandel hält auch derjenige nicht auf, der seine Kinder nicht allmorgendlich mit dem Auto zur Schule fährt. Gut wäre es dennoch, darauf zu verzichten. Vor allem der Kinder wegen. Wer will, dass sie die Welt begreifen und sich in ihr zurechtfinden, der lässt sie gehen. Und der lässt sich nicht leiten von den Ängsten, die sich allenthalben in den Schwätzwerken des Hysternets verbreiten. 

Da wiehert der Amtsschimmel: St. Martins Ross muss zum Pferde-Tüv.

Nicht meckern, sondern machen: 3500 Remscheiderinnen und Remscheider räumen ihre Stadt auf.

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