Mein Leben als Papa

Wie eine Kuh, die nach einem langen Winter auf die Weide darf

So in etwa muss ich auf dem Berg wohl ausgesehen haben. Das Foto ist gestellt – das Handy war ja aus. . . Foto: lf
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So in etwa muss ich auf dem Berg wohl ausgesehen haben. Das Foto ist gestellt – das Handy war ja aus. . .

RGA-Redakteur Gunnar Freudenberg erzählt vom Alltag mit seinen Söhnen Hannes (5) und Michel (2)

Ein bisschen fühle ich mich wie eine Kuh, die nach einem langen Winter im Stall endlich wieder auf die saftige Weide darf. Allerdings nicht in einer Herde, das ist das Besondere an diesem sonnigen Samstagmorgen, sondern alleine.

Weil Hannes und Michel einfach nicht für einen Spaziergang zu begeistern und tief in ihrem Spiel versunken sind, sagt meine Frau irgendwann zu mir: „Jetzt fahr doch mal alleine los und genieß deine Ruhe!“

Ein gute Idee. Seit fast einem Jahr arbeite ich jetzt im Homeoffice. Zwar kann ich hier die Tür zumachen, aber meine Ruhe hab ich deshalb trotzdem nicht. Ich kommuniziere den ganzen Tag über Telefon oder diverse Chatprogramme. Und von Hannes und Michel krieg ich trotz geschlossener Tür auch fast alles mit und werde ab und zu in ihre Welt gezogen. Schön, aber anders als früher. Meine „Work-Life-Balance“, wie es neudeutsch heißt, hat sich verändert. „Me-Time“, wie man die Zeit für sich selbst noch neudeutscher nennt, ist eine absolute Seltenheit geworden. Dabei ist es doch so wichtig, auch mal allein zu sein – und einfach abzuschalten. Dass das aber gar nicht so einfach ist, stelle ich fest, als ich zum Auto gehe. Hannes und Michel stehen am Fenster und blicken mir mit traurigen Augen hinterher. „Der fährt ja wirklich ohne uns“, scheinen sie zu denken. Ich winke ihnen zu und steige ins Auto. Die Zeit für mich beginnt jetzt. Erst mal Musik an. „Der Pavian, der Pavian, der schaut sich seinen Popo an.“ Okay, Kinderlieder sind vielleicht der falsche Soundtrack für meine kleine Auszeit.

Bei amerikanischer Country-Musik endet mein Drauflosfahren am Beyenburger Stausee. Hier gibt es einen steilen Anstieg. Irgendwie ist es mir nach Weite. Ich möchte auf einem Berg stehen und die Aussicht genießen. Nachdem ich dem Rest der Familie geschrieben habe, wo ich gestrandet bin, geht mein Handy aus. Akku leer.

Wie ungewohnt. Normalerweise hab ich bei Spaziergängen immer das Handy in der Hand, um Fotos zu machen. Vom kletternden Hannes. Vom Stöcke sammelnden Michel. Ohne Handy krieg ich viel mehr von diesem schönen Fleckchen Erde mit. „Siehst du den kleinen Wasserfall da hinten, Hannes?“ Kein Hannes da. Ich lasse Steine über das Wasser springen. „Dreimal! Hast du das gesehen, Michel?“ Kein Michel da. Was die beiden wohl gerade spielen? Ich ärgere mich selbst, dass ich nicht einfach mal nur bei mir sein kann.

Es wird besser, als ich den 3000er erklimme. Oder sind es doch nur 300 Höhenmeter? Jedenfalls muss ich mich konzentrieren, um nicht abzurutschen. Keine Zeit für andere Gedanken. Oben angekommen, setze ich mich auf die Bank und lasse meinen Blick über das Bergische schweifen. Diese Ruhe. Keiner fragt nach Keksen. Oder will den Berg sofort wieder runterkraxeln.

Ich entdecke einen Specht, dessen Hämmern mich geradezu entspannt. Anders als Michel, wenn er mit der Gabel an den Teller haut. Wäre ich Goethe, würde ich Folgendes in mein Tagebuch schreiben, wenn ich eines führen würde: „Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen. Ich bin allein und freue mich meines Lebens in dieser Gegend.“

Beim längeren und nicht ganz so gefährlichen Abstieg gelingt es mir viel besser, den Moment zu genießen. Mein Handy hab ich längst vergessen, Hannes und Michel nicht. Während die Mama nachmittags alleine eine Runde spazieren geht und ihre wohlverdiente „Me-Time“ genießt, freuen sich die beiden Jungs über einen Papa, der lange nicht mehr so entspannt und albern war wie heute.

Das nächste Mal gehen wir trotzdem hoffentlich alle wieder zusammen auf Tour. Mit Keksen. Aber ohne Handy in der Hand.

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