Wer macht Flutopfern eine Weihnachtsfreude?

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Die Not ist immer noch groß, die Hälfte der Häuser ist zerstört, schätzt der Remscheider.

Alexander Schmidt (67) sammelt Hygieneartikel und Schokolade. Am vierten Advent fährt er wieder nach Schuld.

Von Melissa Wienzek

Remscheid. Wenn er morgens am Waschbecken steht, den Wasserhahn aufdreht und warmes, sauberes Wasser über seine Hände läuft, sagt sich Alexander Schmidt (67): „Mann, geht es dir gut!“ Denn dass er überhaupt fließendes, dazu noch sauberes Wasser sowie ein Dach über dem Kopf hat, empfindet der gebürtige Lenneper seit dem 14. Juli als Geschenk.

Am vierten Advent will Alexander Schmidt wieder an die Ahr fahren.

Denn seitdem die Jahrhundertflut viele Teile Deutschlands zerstört hat, sammelte der Remscheider regelmäßig Sachspenden und brachte sie in das kleine Dörfchen Schuld in der Eifel. Letztes Wochenende erst war er wieder mit seinem Subaru Forester samt Anhänger in dem 660-Einwohner-Städtchen, das am 14. Juli in den Wassermassen der Ahr versank – und war erschüttert. Nach fast fünf Monaten gleicht Schuld immer noch einem Kriegsschauplatz. „Es ist dort nichts passiert“, sagt Alexander Schmidt. „Die Helfer sind weg, von den 170 Häusern ist die Hälfte kaputt. Übrig sind nur noch die Ruinen.“

Die schlammdurchtränkten Häuser müssten teilweise abgerissen werden, sind völlig marode. Doch die Menschen hätten dafür überhaupt kein Geld – und lebten einfach weiter in den baufälligen Häusern. „Sie sitzen dort zu mehreren in einer Ruine und kauern um ein Öfchen – und das nur 80 Kilometer entfernt von Remscheid. Wie kann so etwas in Deutschland sein?“, fragt er sich. Die fünf Heizgeräte, die er mitgebracht habe, seien ihm daher sofort aus den Händen gerissen worden. Denn auch in Schuld ist schließlich Winter.

Am Wochenende war Alexander Schmidt wieder in Schuld an der Ahr und verteilte mit Helfern Hygieneartikel.

Von den versprochenen Millionenhilfen sei noch kein Cent in Schuld angekommen, haben ihm die Betroffenen berichtet. „Das ärgert mich. Das Land hat wohl einigen angeboten, Grundstücke aufzukaufen – für 5 Euro pro Quadratmeter. Das ist meiner Meinung nach Enteignung durch die Hintertür.“ Auch ein Spendenlager sei mittlerweile wieder abgebaut worden. Die Not sei immer noch groß – doch heute, fast fünf Monate später, sei das Schicksal der Flutopfer kaum noch Thema. Corona und die Jagd nach dem besten Weihnachtsgeschenk seien jetzt angesagt.

Ich kann gar nicht anders, ich muss.

Alexander Schmidt

Eigentlich hätte es am vergangenen Wochenende seine letzte Tour für dieses Jahr sein sollen, sagt Alexander Schmidt. „Denn für mich ist das immer emotional schwierig. Ich kann danach zwei Nächte nicht schlafen.“ Dennoch hat der gebürtige Lenneper, der jetzt in Hasten lebt, das dringende Gefühl, den Menschen in Schuld helfen zu müssen. „Ich kann gar nicht anders, ich muss. Mittlerweile sind Freundschaften entstanden.“

Am vierten Advent, Sonntag, 19. Dezember, will Alexander Schmidt gemeinsam mit seinem Freund Jürgen Schreiber aus Radevormwald die nächsten Hilfsgüter in die Eifel bringen – und vor allem den Kindern und Jugendlichen dort eine kleine vorgezogene Weihnachtsfreude machen. Dafür sammelt Schmidt Hygieneartikel, vor allem WC-Papier, sowie Schokolade. Letztere soll in kleine Tüten für die Kinder verpackt werden. Abgegeben werden können die Sachspenden in seiner ehemaligen Kfz-Werkstatt an der Ringstraße, die noch seinen Namen trägt, die er aber vor vier Jahren an einen Nachfolger übergeben hat. Heute ist er ehrenamtlicher Lehrlingswart der Kreishandwerkerschaft.

Von dessen Chef Fred Schulz hat er 1000 Euro zugesagt bekommen. Den Sprit zahlt er natürlich aus eigener Tasche, sagt Schmidt. Sollte das Büro der Kfz-Werkstatt aus allen Nähten platzen, könne er die Sachspenden in der neuen Halle von Petra Köser von der Fluthilfe in Wiehagen zwischenlagern. „Ich hoffe, wir Remscheider können dazu beitragen, dass es den Menschen dort wenigstens ein bisschen besser geht.“

Unterburg: Anwohner retten sich mit Seilen vor der Flut.

Kontakt

Spendenabgabe: Hygieneartikel, Schokolade & Co. für die Flutopfer können im Büro von Kfz Alexander Schmidt, Ringstraße 61b in Lennep, abgegeben werden. Er kann Spenden nach Absprache aber auch abholen. Am vierten Advent, 19. Dezember, bringt Schmidt gemeinsam mit seinem Freund Jürgen Schreiber aus Radevormwald die Spenden nach Schuld.

Kontakt: Wer Fragen zum Spenden hat, kann sich an Alexander Schmidt wenden: Tel. (01 60) 99 66 81 60.

Wupperverband: Ermittlungen nach Hochwasser dauern an.

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