Amnestie

Weihnachten: 19 Insassen dürfen JVA verlassen

Katja Grafweg übt in der JVA die Schlüsselgewalt aus. Am Montag öffnete sie einigen ihrer Inhaftierten die Türen.
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Katja Grafweg übt in der JVA die Schlüsselgewalt aus. Am Montag öffnete sie einigen ihrer Inhaftierten die Türen.
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Seit Jahrzehnten lässt Justitia in Nordrhein-Westfalen am Jahresende Milde walten.

Von Axel Richter

Remscheid. Sie sind im Knast nicht auf neue dumme Gedanken gekommen, sondern haben sich tadellos geführt und werden draußen, wo Job und Familie auf sie warten, schmerzlich vermisst: 19 Insassen der Justizvollzugsanstalt (JVA) Remscheid, auf die diese und weitere Voraussetzungen zutreffen, dürfen das Gefängnis deshalb vor Weihnachten vor Ablauf ihrer eigentlichen Haftzeit verlassen. Am Montag öffneten sich die vergitterten Türen für die letzten von ihnen: Katja Grafweg, Leiterin der Haftanstalt in Lüttringhausen, entließ acht Männer in die Freiheit.

Wer bleiben muss, bekommt Heiligabend ein halbes Hähnchen. Auch das hat Tradition.

Seit Jahrzehnten lässt Justitia in Nordrhein-Westfalen am Jahresende Milde walten. Die sogenannte Weihnachtsamnestie entspricht in europäischen Ländern christlicher Tradition. Doch die Weihnachtsamnestie schafft schlicht auch Platz in den Gefängnissen und spart bares Geld. Schließlich kostet jeder Häftling den Steuerzahler annähernd 130 Euro pro Tag.

„Natürlich ersetzt das nicht, jemanden in den Arm nehmen zu können.“
Katja Grafweg, JVA Remscheid

247 Strafgefangene sind deshalb seit dem 18. November aus Haftanstalten in NRW vorzeitig entlassen worden. Wesentlich verkürzt sich ihre Haftzeit deshalb nicht. Denn nur Insassen, deren Zeit hinter Gittern ohnehin zwischen dem 15. November und dem 6. Januar 2021 endet, kommen für die Amnestie in Frage und dürfen das Weihnachtsfest im Kreis ihrer Familie feiern. Einen Anspruch auf den Gnadenakt gibt es nicht. Sexualstraftäter und Gewaltverbrecher sind von vornherein davon ausgeschlossen. Und wer zwischenzeitlich in einer Arrestzelle gelandet ist, hat ebenfalls schlechte Karten.

In diesem Jahr aber sorgte vor allem die Corona-Pandemie sorgte dafür, dass die Zahl der Begnadigten deutlich geringer ausfällt. Im vergangenen Jahr durften nicht 19, sondern mehr als doppelt so viele das Gefängnis in Lüttringhausen verlassen. Ähnlich ist das Verhältnis auf Landesebene: Nicht knapp 250, sondern mehr als 500 durften 2019 vorzeitig das Gefängnis hinter sich lassen. Der Grund laut Justizministerium: Um in den Gefängnissen Platz zu schaffen, erhielten 2020 viele Straffällige, die nur zu einer geringen Freiheitsstrafe verurteilt worden waren, einen vorläufigen Haftaufschub.

Corona hat auch den Alltag hinter Gittern verändert. Den RGA erreichten Schreiben, in denen anonyme Schreiber sich über Einschränkungen im Umgang mit ihren Angehörigen beklagten. Katja Grafweg, die das Gefängnis seit 2008 leitet, weiß, dass sie ihren Haftinsassen viel abverlangt.

Seit März ist jeder Körperkontakt zwischen den Häftlingen und ihren Angehörigen verboten. Bei Besuchen sitzen sie sich gegenüber – getrennt von einer Acrylglaswand. Gesprochen wird über Telefonhörer. Darüber hinaus dürfen die Insassen via Skype mit der Außenwelt in Kontakt treten. „Aber natürlich ersetzt das nicht, jemanden in den Arm nehmen zu können“, erklärt Katja Grafweg und macht den Männern hinter Gittern ein großes Kompliment: „Ich bin von den Inhaftierten sehr beeindruckt. Bei allem, was wir ihnen zumuten, sind sie kooperativ.“

Immerhin gelang es, das Virus auf diese Weise aus dem Gefängnis herauszuhalten. Zwar gab es Infektionen unter den Vollzugsbeamten, doch wurden die rechtzeitig entdeckt.

Wer nicht zu den Glücklichen gehörte, der die JVA in der Weihnachtsamnestie verlassen durfte, der darf sich in diesem Jahr immerhin auf das Aufleben einer weiteren Tradition in Lüttringhausen freuen: Heiligabend gibt es im Knast halbe Hähnchen.

Nachdem im vergangenen Jahr zur großen Enttäuschung aller der Hähnchenbrater sein Kommen wegen Krankheit absagen musste, fährt er seinen Grillwagen in diesem Jahr wieder auf den Gefängnishof. 210 Flattermänner sind bestellt und von den Insassen natürlich selbst bezahlt.

Im November waren in der JVA plötzlich die Lichter aus. Der Stromausfall in Lüttringhausen war jedoch nicht geplant.

JVA in Zahlen

Die JVA in Lüttringhausen ist mehr als 100 Jahre alt. Im Schnitt sitzen dort 500 Häftlinge im geschlossenen Vollzug ihre Freiheitsstrafe ab. In der Zweiganstalt gibt es weitere 275 Haftplätze im offenen Vollzug. Es handelt sich ausnahmslos um Männer. Unter ihnen sind viele Langzeitinhaftierte.

Die JVA zählt mehr als 300 Mitarbeiter – von den Uniformierten bis hin zum Sozialarbeiter, Seelsorger und Verwaltungsmitarbeiter.

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