Natur

Waldbaden ist eine Form der Meditation

Birgit Schwerter bietet das Waldbaden an – hier ist sie mit dem RGA im Gelpetal unterwegs. Foto: Roland Keusch
+
Birgit Schwerter bietet das Waldbaden an – hier ist sie mit dem RGA im Gelpetal unterwegs.

Birgit Schwerter lädt Naturfreunde dazu ein, kleine Dinge bewusst wahrzunehmen.

Von Alexandra Dulinski

Remscheid. Gelpetal Vogelgezwitscher, die rauschende Gelpe, bellende Hunde, duftende Erde – beim Waldbaden tauchen Waldfreunde tief in die Natur ein. Shinrin Yoku, japanisch für das Baden an der Waldluft, ist das achtsame Erleben des Waldes und der Natur. Birgit Schwerter ist ganzheitliche Gesundheitsberaterin und Kursleiterin für Waldbaden und führt den RGA eine Stunde lang durch das Gelpetal.

Am Wanderparkplatz Clemenshammer startet unsere Tour. Noch am Parkplatz schaltet Birgit Schwerter ihr Handy aus, steckt es tief in ihre Tasche. Denn wir wollen analog unterwegs sein, uns nicht ablenken lassen, erklärt sie mir. „Die Achtsamkeit liegt im Wald“, sagt sie.

Bewusst soll ich auf mein Tempo beim Laufen achten, als wir die kurze Straße Richtung Wald hochlaufen. Birgit Schwerter weist mich auf die bepflanzten Häuser hin, die am Wanderparkplatz Clemenshammer stehen. An der rot-weißen Schranke, die den Eingang zum Wald markiert, machen wir Halt. „Die Schranke stellt eine Grenze dar“, sagt sie. „Woher komme ich? Wohin gehe ich? Das kann ich mir hier bewusstmachen.“ Wir blicken zurück zum Parkplatz, sehen die andere Seite der Häuser und blicken dann in Richtung Wald. Birgit Schwerter drosselt ihr Tempo, wir gehen nun langsam über den Waldweg.

„Waldbaden ist das bewusste Wahrnehmen der kleinen Dinge.“

Birgit Schwerter, Kursleiterin

Das Waldbaden ist ein absichtsloses Schlendern und mehr als nur ein Spaziergang, erklärt sie. Der Weg sei das Ziel. Es geht nicht darum, Strecke zurückzulegen, sondern den Wald auf sich wirken zu lassen. Entwickelt hat sich das Waldbaden in den 70er und 80er Jahren in Japan, verrät mir die Expertin. „In Japan gibt es einen großen, sehr alten Wald, in dem Ärzte und Wissenschaftler festgestellt haben, dass die Verbindung Mensch und Natur Auswirkungen auf den menschlichen Organismus hat“, sagt sie. So wie Bäume über Duftstoffe untereinander kommunizieren, wirken sie auch auf das menschliche Nerven-, Hormon- und Immunsystem ein.

An der Gelpe macht Birgit Schwerter Halt. Denn hier verbinden sich die Elemente. Im Sommer könnten wir barfuß durch den kleinen Bachabschnitt laufen. Uns ist es dafür aber noch zu kalt. Für mich hat sie dafür eine Übung, die japanische Klopfmassage, mitgebracht, und zeigt mir, wie es geht: Mit den Fingerspitzen klopft sie auf ihre Kopfhaut – ich mache es ihr nach. Über die Innenseite der Arme hinunter zur Handfläche und zurück über die Außenseite klopfen wir unsere Arme ab, massieren so auch unsere Beine und den Rücken, direkt neben der Wirbelsäule. Dabei hören wir die Gelpe rauschen, sehen Spaziergänger mit ihren Hunden vorbeischlendern.

Was wir da abklopfen, sind die sogenannten Meridiane – die Lebensenergiebahnen des Körpers. „Das löst Blockaden“, erklärt Birgit Schwerter, „baut Stress ab, macht wach und einen konzentrierten Kopf.“ Das Klopfen auf die Brust aktiviert unsere Thymusdrüse, die für das Immunsystem wichtig ist. Dann pusten wir den Stress weg, mit einer wegwerfenden Handbewegung über der Schulter.

„Das bringt den Sauerstoff in alle Zellen.“

Birgit Schwerter über das Recken und Strecken

Birgit Schwerter lädt mich dazu ein, bewusst langsam zu gehen, auf die kleinen Dinge zu achten. Das Wasser in der Gelpe kräuselt sich, mächtige Wurzelwerke flankieren den Wegesrand, Moose lassen den Wald in einem hellen Grün erstrahlen.

„Das ist ein einmaliges Erlebnis, denn so, wie wir heute zusammenkommen, wird es kein zweites Mal sein“, erklärt Schwerter. Denn wie das Waldbaden aussieht, sei abhängig von den Menschen, die mitmachen. „Manche wollen meditativ unterwegs sein, andere kreativ.“ Mit ihrem Programm möchte Birgit Schwerter alle Sinne ansprechen, Meditation, Achtsamkeit und Bewegung kombinieren. „Wenn ich versuche, absichtslos unterwegs zu sein, bin ich in Meditation“, sagt sie.

Vieles habe die 53-Jährige selbst zuvor ausprobiert, autogenes Training oder progressive Muskelentspannung. Doch oft hatte sie das Gefühl, es sei ein Muss, zu entspannen. Schwerter: „Beim Waldbaden merkt man gar nicht, dass man an nichts denkt.“

An einer Steinbrücke stoppen wir schließlich erneut. Das Wasser, das unter uns vorbeirauscht, glitzert im Sonnenlicht. Mit über dem Bauch gefalteten Händen soll ich einatmen, tiefe Atemzüge nehmen und dabei die Augen schließen. Viel intensiver nehme ich das Rauschen des Bachs wahr, das Vogelgezwitscher wird lauter, ich spüre die Wärme der Sonnenstrahlen im Gesicht, die durch das Blätterdach des Waldes dringen. Dann darf ich die Augen wieder öffnen, die Arme heben und mich recken und strecken. „Das bringt den Sauerstoff in alle Zellen“, erklärt Birgit Schwerter.

Weiter geht es ins Dickicht hinein. Birgit Schwerter weist mich auf einen Baum hin: Aus einer Wurzel sind zwei Stämme gewachsen. „Wie Zwillinge“, sagt sie und mir wird klar, dass ich den Baum ohne sie nie so wahrgenommen hätte. Auf einem umgestürzten Baumstamm legt sie ein Kissen aus, drückt mir ein buntes Blatt Papier in die Hand. Dann lässt sie mich allein.

Eine Hörlandkarte soll ich zeichnen. Links höre ich erneut die Gelpe und weit entfernt einen Rasenmäher. Das frisch geschnittene Gras werde ich erst riechen, wenn wir uns zum Ende unserer Tour wieder dem Parkplatz nähern. Rechts zwitschert ein Vogel laut. Dann überfliegt uns ein Flugzeug, dessen Dröhnen erst nach langer Zeit verstummt. „Waldbaden ist das bewusste Wahrnehmen der kleinen Dinge. Jedes für sich hat seine Großartigkeit“, erklärt sie. Denn inmitten grüner Farne, Kräuter und anderer Pflanzen finden wir eine kleine violette Blüte, kaum größer als ein Fingernagel.

Über weichen Boden gelangen wir zu einem mächtigen Baum, dessen Wurzeln mit neongrünem Moos bewachsen sind. Weich fühlt es sich unter den Fingerspitzen an – und feucht vom Regen. Meine Gummistiefel sinken ein. Aus einem Säckchen lässt mich Birgit Schwerter eine Farbkarte ziehen – etwas Orange-Braunes soll ich nun im Wald suchen. Den Blick auf den Boden gerichtet, kommen wir an der Knoblauchsrauke vorbei. Birgit Schwerter zupft ein Blatt ab, damit ich daran riechen kann. Giersch entdeckt sie, lässt mich den dreieckigen Stängel ertasten, an dem man die Pflanze gut erkennen kann.

Dann geht es langsam zurück zum Parkplatz. Das Gefühl von Urlaub legt sich, der Alltag kehrt zurück. Ein Schluck Tee, den Birgit Schwerter aus einer Thermoskanne zaubert und in Becher füllt, rundet das Waldbaden ab und wärmt uns von innen.

Kneipp-Verein

Kurs: Zwei bis drei Stunden dauert das Waldbaden in der Regel. Die Gruppen haben meist nicht mehr als sechs bis acht Teilnehmer. Das Waldbaden bietet Birgit Schwerter über den Kneipp-Verein Wuppertal an. Es ist auch für Familien mit Kindern geeignet. Je nach Alter können die Kinder Bilder gestalten oder Steintürme am Wasser bauen.

http://kneippverein-wuppertal.de/

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Wenn „Querdenker“ den Betrieb stören
Wenn „Querdenker“ den Betrieb stören
Wenn „Querdenker“ den Betrieb stören
Tierheim in Remscheid ist ab sofort geschlossen
Tierheim in Remscheid ist ab sofort geschlossen
Tierheim in Remscheid ist ab sofort geschlossen
Lärmbelästigung durch Poser: Beim Vorbild klappt es bisher ganz gut
Lärmbelästigung durch Poser: Beim Vorbild klappt es bisher ganz gut
Lärmbelästigung durch Poser: Beim Vorbild klappt es bisher ganz gut
Corona: Impfstelle im Zentrum Süd eröffnet - Zwei weitere Todesfälle
Corona: Impfstelle im Zentrum Süd eröffnet - Zwei weitere Todesfälle
Corona: Impfstelle im Zentrum Süd eröffnet - Zwei weitere Todesfälle

Kommentare