Virus wirkt wie ein Brandbeschleuniger

Modehandel in Remscheid leidet massiv unter Corona

Platz genug: Bei Boecker auf der Alleestraße müsse niemand Sorgen vor zu wenig Abstand haben, sagt Cornelia Wüllenweber. Foto: Roland Keusch
+
Platz genug: Bei Boecker auf der Alleestraße müsse niemand Sorgen vor zu wenig Abstand haben, sagt Cornelia Wüllenweber.

In der aktuellen Krise zeigt der Einzelhandel ein höchst unterschiedliches Bild.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Während die meisten Lebensmittelmärkte ganz gut durch die Pandemie zu kommen scheinen und Baumärkte sogar einen ungeahnten Boom erleben, geht es anderen Händlern wesentlich schlechter. Allen voran, der stationäre Modehandel, der unter deutlichen Umsatzrückgängen leidet. Eine „drohende Pleitewelle“ hat das Fachmagazin Textil-Wirtschaft ausgemacht. Andere Publikationen sprechen schon vom „Kampf ums Überleben“.

Remscheid: Menschen haben weniger Lust auf Shopping

Und das gilt wohl auch in Remscheid. „Wir haben schon zu kämpfen“, sagt zum Beispiel Cornelia Wüllenweber, Filialleiterin bei Boecker auf der Alleestraße. Die Menschen hätten einfach weniger Lust auf Shopping. „Wegen der Maske vermutlich. Und vielleicht auch, weil die Leute befürchten, dass die Geschäfte zu voll werden.“ Auch der obligatorische Kaffee mit der Freundin sei derzeit ja nicht möglich.

Zudem habe sich das Einkaufsverhalten verändert, hat Cornelia Wüllenweber festgestellt. „Festliche Mode geht so gut wie gar nicht mehr.“ Auch fürs Büro werde weniger verkauft. „Viele sind im Homeoffice und achten darauf, dass die Kleidung bequem ist.“ Vor allem aber werde viel gezielter eingekauft, einfach mal bummeln, das tun nur noch die wenigsten.

„Wir freuen uns wirklich über jeden, der zu uns kommt.“
Cornelia Wüllenweber, Boecker

Und das schlägt sich in den Kassen der Händler nieder. Von März bis August habe der stationäre Modehandel in Deutschland rund ein Drittel Umsatz im Vergleich zum gleichen Zeitraum 2019 eingebüßt, haben erste Hochrechnungen des BTE Handelsverband Textil ergeben. „Boutiquen und Modehäuser haben damit im Vergleich zum Vorjahr etwa fünf Milliarden Euro Umsatz verloren“, sagt BTE-Hauptgeschäftsführer Rolf Pangels.

In einer Phase, in der sich die Branche auch ohne Virus schwergetan hatte. Auch in Remscheid, auch in besten Lagen. Im Allee-Center hatte zum Beispiel die Mode-Kette Bonita erst vor zwei Wochen das Aus zum Jahresende angekündigt, als eine „unvermeidliche Maßnahme im Rahmen des Sanierungsverfahrens“, das lange vor der Pandemie eingeleitet worden war. Ein weiterer Modehändler im Center steht ebenfalls kurz vor dem Absprung, wie man hört. Corona wirkt da nun wie ein Brandbeschleuniger.

Auch für andere Trends wie dem zu mehr Qualität und Nachhaltigkeit, wie Torsten Croll berichtet. In seinem Sport-Geschäft am Bahnhof zeige sich, „dass Geiz nicht mehr geil ist“, wie es formuliert: „Die Kunden wollen qualitativ hochwertige Produkte und Beratung.“ So habe zwar die Kundenfrequenz im Geschäft deutlich abgenommen, aber: „Die, die kommen, haben einen klaren Wunsch und kaufen auch.“

Bei Intersport Croll vor allem Outdoor-Bekleidung fürs Laufen, Walken und Wandern an der frischen Luft. Und Geräte für die Fitness daheim. Verkäufe in diesen Bereichen würden die Umsatzeinbußen in anderen derzeit noch teilweise auffangen, berichtet Torsten Croll. So lange die Produkte noch verfügbar sind.

Bei Intersport Croll sind Outdoor-Produkte derzeit der Renner. Mitarbeiterin Laura Glück zeigt die Wanderschuh-Auswahl. Foto: Michael Schütz

„Ich hätte gerne mehr Meindl- und Lowa-Schuhe“, sagt er. Außerdem mehr Hanteln. „Und wenn ich wieder Fitnessmatten bekommen könnte, würde ich auch noch einen Laster voll nehmen.“ Bei einigen Fitnessgeräten werde der Liefertermin derzeit mit April nächsten Jahres angegeben.

Dass die Kunden verstärkt Wert auf Nachhaltigkeit und Qualität legen, hat auch Cornelia Wüllenweber bei Boecker festgestellt. Oftmals verbunden mit dem Wunsch nach Beratung. Genau darauf will sie mit ihrem Team setzen, um die Krise zu meistern: Eine Rabattschlacht, wie teilweise von anderen Händlern bereits angekündigt, werde das Modehaus Boecker eher nicht mitmachen, vermutet sie. Stattdessen wolle man lieber punkten, indem man sich jedem Kunden in der Beratung persönlich widme. „Wir freuen uns wirklich über jeden, der zu uns kommt“, sagt Cornelia Wüllenweber. „Es geht ja auch um unsere Arbeitsplätze.“ 

Hintergrund

Mehr als 3,1 Millionen Menschen sind in Deutschland im Einzelhandel beschäftigt, zwei Drittel davon übrigens Frauen. Der Anteil von Zeitarbeitern (0,7 Prozent) und befristeten Arbeitsverhältnissen (6,1 Prozent) liegt jeweils unter dem Bundesschnitt.

In der Pandemie geht die bergische Gastro online

Bald fällt für viele Menschen der Solidaritätszuschlag weg – Gerade für Selbstständige bietet das Chancen.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare