Viele Kinder in Krisen müssen warten

Kinderschutzambulanz: Es fehlen Kapazitäten für Kinder in Not

Birgit Köppe-Gaisendrees, Leiterin der Ärztlichen Kinderschutzambulanz, hofft auf Fördermittel, um eine neue Stelle zu schaffen.
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Birgit Köppe-Gaisendrees, Leiterin der Ärztlichen Kinderschutzambulanz, hofft auf Fördermittel, um eine neue Stelle zu schaffen.
  • Melissa Wienzek
    VonMelissa Wienzek
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Ärztliche Kinderschutzambulanz und Evangelische Jugendhilfe sind von Fachkräftemangel betroffen.

Remscheid. Kinder mit Verbrennungen, mit Striemen auf der Haut oder aus Familien, in denen Kinderpornos gefunden wurden: Die Ärztliche Kinderschutzambulanz Bergisch Land (KSA) hat es derzeit wieder mit krassen Fällen zu tun. Jugendämter aus ganz Nordrhein-Westfallen schicken Anfragen, das E-Mail-Postfach quillt über.

Allein diese Woche musste das Team fünf Kinder als Notfälle aufnehmen – und das, obwohl der Kalender eigentlich komplett voll ist. Aber Kinder in der größten Not abweisen, wenn Gefahr in Verzug ist – das kann und will das KSA-Team nicht. Doch könnte genau das vielleicht nun drohen.

Denn die Hilfseinrichtung an der Burger Straße leidet genauso wie viele andere Institutionen auch unter Personalnot. Zwei halbe Stellen sind aktuell nicht besetzt. Es fehlt an Fachpersonal, das sich um all die Kinder kümmern kann. „Dass wir immer bekannter werden, ist zwar auf der einen Seite schön, aber auf der anderen Seite steigen die Anfragen ins Unermessliche, was zeigt, wie viele Jugendämter und Familiengerichte auf unsere Angebote zurückgreifen“, sagt KSA-Leiterin Birgit Köppe-Gaisendrees.

Es sei pervers, dass gerade die Kinderschutzambulanz mit Wartelisten arbeiten müsse. „Das Abwägen, wer es nun am nötigsten hat, ist nicht schön.“

Der Fachkräftemangel ist auch an der Burger Straße angekommen. „Der Markt ist leer“, sagt Birgit Köppe-Gaisendrees. Dabei würde sie gerne neben den beiden unbesetzten Stellen noch eine weitere Stelle einrichten, um den Anfragen gerecht zu werden – doch woher nehmen, wenn nicht stehlen?

Die Ärztliche Kinderschutzambulanz muss einen Großteil ihrer Arbeit im Jahr über Spenden finanzieren. Und die sind seit dem Ukraine-Krieg und der damit verbundenen Krise stark rückläufig. 180.000 bis 200.000 Euro muss die KSA dieses Jahr sammeln. Köppe-Gaisendrees möchte nun versuchen, über Fördermittel die weitere Stelle gesichert zu bekommen.
Interview mit Birgit Köppe-Gaisendrees: „Fälle von Kinderpornografie sind bizarr“

Auch in der Evangelischen Jugendhilfe Bergisch Land herrscht Personalnot

Auch die Evangelische Jugendhilfe Bergisch Land (EJBL) arbeitet am Limit, wie Geschäftsführerin Silke Gaube auf Nachfrage erklärt. „Es ist wahnsinnig eng.“ Von Mai bis September musste sogar eine Gruppe mit sieben Plätzen wegen Personalnot geschlossen werden.

Die Einrichtung kümmert sich in Remscheid, Burscheid und Wermelskirchen um Kinder und Jugendliche aus belasteten Familienverhältnissen. Auch hier herrscht Personalmangel, Corona setzt dem Ganzen noch das i-Tüpfelchen auf. „Wir haben Anfragen ohne Ende, die wir nicht bedienen können“, sagt Silke Gaube. Dabei gebe es „unheimlich viele Kinder und Jugendliche, die einen Platz brauchen, auch viele, die schon vieles ausprobiert haben und traumatisiert sind“. Eigentlich könnte man vom Bedarf her noch mehrere Gruppen eröffnen. Doch dafür fehlen Mitarbeiter.

Silke Gaube von der Evangelischen Jugendhilfe Bergisch Land kann all die Anfragen gar nicht bedienen.

„Das geht allen Einrichtungen so“, sagt Gaube. In der Regionalgruppe Bergisches Land der evangelischen Träger frage man bereits untereinander: Könnt ihr das Kind nicht aufnehmen? Zum Beispiel bei der Gotteshütte in Hückeswagen, der Bergischen Diakonie in Aprath oder beim Hossenhaus in Solingen. „Das ist leider nur in Einzelfällen möglich, denn alle sind voll.“

Auch die EJBL ist NRW-weit gefragt, Schützlinge nehmen teilweise eine Autofahrt von zwei Stunden in Kauf. Bei aller Personalnot und Stress sei besonders im Bereich der Jugendhilfe eines besonders wichtig: „Vernünftig arbeiten für die, für die wir Verantwortung übernommen haben. Wir können kein Durchlauferhitzer sein.“

Auch Silke Gaube bestätigt, dass der Fachkräftemarkt leer gefegt sei. „Da müssen wir auch politisch was tun“, ist sie überzeugt. Es gehe um Arbeitsbedingungen und darum, das Berufsfeld attraktiver zu machen für potenzielle neue Fachkräfte.

RGA-Hilfsaktion „Helft uns helfen“

Die Ärztliche Kinderschutzambulanz Bergisch Land (KSA) und die Evangelische Jugendhilfe Bergisch Land (EJBL) waren bereits beide bei der RGA-Hilfsaktion „Helft uns helfen“ dabei: die KSA 2020, die EJBL 2021. Die RGA-Leserinnen und Leser würdigten das Engagement der beiden Einrichtungen mit zahlreichen Spenden. Die Spendensumme 2021/2022 betrug stolze 48.576 Euro. Dieses Jahr startet „Helft uns helfen“ wieder traditionell am ersten Advent.

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