Polizei sucht weiter

Vermisstenfälle im Bergischen Land: Leonies Schicksal bleibt ungewiss

Leonie Gritzka war sehr wandlungsfähig. Das erschwert die Suche der Polizei. Huete wäre das Mädchen 21 Jahre alt.
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Leonie Gritzka war sehr wandlungsfähig. Das erschwert die Suche der Polizei. Heute wäre das Mädchen 21 Jahre alt.
  • Axel Richter
    VonAxel Richter
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Vor 6 Jahren verschwand die damals 15-jährige Leonie Gritzka spurlos aus Remscheid. Auch zwei weitere Vermisstenfälle aus dem Bergischen Land geben der Polizei Rätsel auf.

Remscheid. Stefan Weiand ist seit vielen Jahren Polizist. Es gibt nicht viele Fälle, die er in seiner Laufbahn besonders nah an sich herangelassen hätte. Den Fall Leonie Gritzka schon. Am 22. Juni 2016 verschwand das damals 15-jährige Mädchen spurlos. Stefan Weiand, selbst Familienvater, hat den Tag nicht vergessen. „Es beschäftigt einen“, sagt er. Lebt die Remscheiderin noch? Mit heute 21 Jahren in einer anderen Stadt? Oder ist sie längst tot, das Opfer eines Gewaltverbrechens?

„Wir halten beides in gleicher Weise für wahrscheinlich. Nur so ermitteln wir ergebnisoffen“, erklärt der Polizeihauptkommissar und schildert einen weiteren Fall, über den die Medien berichteten. Danach war eine als vermisst gemeldete Frau nach 30 Jahren wieder aufgetaucht. Fakt ist allerdings auch, dass mit jedem Jahr die Wahrscheinlichkeit abnimmt, einen vermissten Menschen lebend wiederzufinden.

1500 bis 2000 Vermisstenfälle bearbeitet die Polizei pro Jahr im Bergischen Land. Unter ihnen ist der dreijährige Steppke, der im Schlafanzug auf die Straße stolziert ist, weil die Haustür nicht verschlossen war. Unter ihnen ist der Zwölfjährige, der beim Spielen die Zeit vergessen hat. Unter ihnen ist die 14-Jährige, die bei der Freundin schläft, aber vergessen hat, den Eltern Bescheid zu geben. Und unter ihnen ist die demente Heimbewohnerin, die sich im Wald verirrt hat. Sie alle bleiben meist nur wenige Stunden oder allenfalls ein paar Tage weg.

Der Fall der vermissten Leonie Gritzka wurde 2018 bei Aktenzeichen XY ... ungelöst vorgestellt

Besteht Gefahr für die Menschen, bindet die Polizei Taxi- und Busfahrer bei der Suche ein. Personenspürhunde kommen zum Einsatz, Hubschrauber mit Wärmebildkamera und neuerdings auch Drohnen.

Um Leonie Gritzka zu finden, ging die Polizei an die Öffentlichkeit. Im Oktober 2018 war Stefan Weiand als Vertreter des Wuppertaler Präsidiums mit der Vermisstensache aus Remscheid zu Gast in der ZDF-Sendung Aktenzeichen XY … ungelöst. Für einen Film stellten Schauspielerinnen das Leben des Mädchens nach. Leonie wuchs wechselweise bei der Mutter, in Pflegefamilien und in Heimen auf. Irgendwann wandte sie sich älteren Männern zu. Am Brunnen auf der oberen Alleestraße kam es dann zur Schlüsselszene. Leonie verabschiedete sich von einer Freundin, stieg in ein schwarzes Auto und fuhr mit zwei Männern davon.

Polizeihauptkommissar Stefan Weiand bewegt der Fall Leonie Gritzka nach wie vor.

Annähernd 40 Hinweise gingen nach der Ausstrahlung des Falles in der Sendung XY bei der Polizei ein. Und bis heute melden sich immer wieder Zeugen, die das Mädchen beziehungsweise die junge Frau gesehen haben wollen. Oft auf Bildern im Internet. Die Polizei nimmt sich die Akten regelmäßig wieder vor. Was die Arbeit der Ermittler erschwert ist Leonies Wandlungsfähigkeit. Mal trug sie diese, mal jene Haarfarbe. Niemand weiß, wie sie heute aussieht.

Undurchsichtig bleibt ebenso der Fall von Tanja Mühlinghaus. Auch ihr Verschwinden gehört zum kollektiven Gedächtnis der Beamten im Polizeipräsidium Wuppertal. „Es war der 21. Oktober 1998. Dieses Datum werde ich nie vergessen“, sagt Alexander Kresta, Erster Kriminalhauptkommissar. Er leitete die Ermittlungen.

„Es war der 21. Oktober 1998. Dieses Datum werde ich nie vergessen.“

Alexander Kresta, Chefermittler im Vermisstenfall Tanja Mühlinghaus

Am Morgen verließ die 15-jährige Gymnasiastin das elterliche Reihenhaus in Wuppertal und wollte angeblich zur Schule. Doch dort war sie nicht. Stattdessen gab es einen Anruf bei der Mutter und später zwei Briefe: „Es geht mir gut“, schrieb die 15-Jährige und, dass es keinen Sinn habe, nach ihr zu suchen. Sie werde nach ein paar Wochen zurückkehren. Aus den Wochen wurden 24 Jahre. Alexander Kresta hat der Fall nie losgelassen. Bis heute hängt ein Foto der Schülerin in seinem Büro.

Erster Kriminalhauptkommissar Alexander Kresta.

Ganz anders gelagert als das Schicksal der beiden Teenager ist das Verschwinden von Anett Carolin Kaiser. Die 51-jährige Solingerin hatte von ihren Eltern mehrere Immobilien geerbt. In Andalusien besaß sie ein kleines Häuschen. Am 26. August 2011 kündigte die als zurückgezogen geltende Frau bei ihren wenigen Bekannten eine Reise nach Spanien an. An ihrem Häuschen kam sie jedoch nie an. Ihr dunkelblauer Ford Transit, ein ausgemustertes Fahrzeug des Technischen Hilfswerkes, verschwand ebenso spurlos wie seine Fahrerin.

In Solingen war Anett Carolin Kaiser bis dahin nur mit dem Fahrrad unterwegs, um auf Flohmärkten oder am Straßenrand Möbelstücke zu erstehen. Die lagerte sie unter anderem in drei Übersee-Containern auf einem Grundstück in der oberbergischen Gemeinde Morsbach, das sie für 125 000 Euro in bar eigens dafür gekauft hatte. Annett Carolin Kaiser wollte damit Gutes tun und eine Hilfsaktion für den Jemen starten.

„Vielleicht will sie nicht gefunden werden. Sie hat kein einfaches Leben gehabt.“

Stefan Weiand sucht seit sechs Jahren nach Leonie

Dass die ungeübte Autofahrerin in den unwegsamen Pyrenäen einen Unfall erlitten hat, hält die Polizei heute für ebenso wahrscheinlich wie ein Gewaltverbrechen. Immerhin hatte die Frau 3000 Euro dabei.

Und Leonie Gritzka? Heute vor sechs Jahren verschwand sie aus Remscheid. Ihr letzter Facebook-Eintrag datiert auf den Vortag ihres Verschwindens: „Cute but Psycho“, hat sie dort hinterlassen: Niedlich, aber verrückt. „Vielleicht will sie nicht gefunden werden“, sagt Stefan Weiand: „Sie hat in Remscheid kein einfaches Leben gehabt.“

Vermisste Kinder in NRW

Kinder, die als vermisst gelten, berühren die Menschen. Doch Fälle wie der von Leonie Gritzka und Tanja Mühlinghaus sind selten. Der Anteil der Kinderschicksale, die auch nach längerer Zeit nicht geklärt werden können, ist sehr gering. Aktuell werden in NRW 1630 Kinder und Jugendliche vermisst. Die Zahl teilte das Landeskriminalamt am Donnerstag auf Nachfrage des RGA mit. Im Einzelnen handelt es sich um 334 Kinder bis 13 Jahren und 511 Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren. Die meisten Kinder und Jugendlichen tauchen jedoch binnen Stunden und Tagen wieder auf. Zwischen Januar und Dezember 2021 wurden insgesamt 34 169 Menschen in NRW als vermisst gemeldet. Die meisten, nämlich 26 673, tauchten nach weniger als drei Tagen wieder auf. 3538 blieben bis zu sieben Tage verschwunden, 1660 bis zu zwei Wochen. 978 kehrten zum Teil erst nach drei Wochen wieder zurück, 568 erst nach vier bis acht Wochen. Zum Teil länger als zwei Monate blieben 752 Menschen verschwunden.

Wer länger als zwei Monate vermisst wird, gilt als langzeitvermisst. Der älteste Vermisstenfall eines Kindes in den Akten des Bundeskriminalamtes stammt aus dem Jahr 1964.

Lesen Sie auch: Mordermittler greifen Cold Cases im Bergischen auf

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