Handel

Unverpackt-Laden in Remscheid ist bald Geschichte

Melanie Rothe startete hoffnungsvoll. Ihr Laden Urginell & Unverpackt an der Hindenburgstraße fand bald viele Freunde. Corona hat ihr kleiner Laden noch überstanden. Doch jetzt zieht die Remscheiderin die Reißleine. Ende des Jahres schließt sie das Geschäft.
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Melanie Rothe startete hoffnungsvoll. Ihr Laden Urginell & Unverpackt an der Hindenburgstraße fand bald viele Freunde. Corona hat ihr kleiner Laden noch überstanden. Doch jetzt zieht die Remscheiderin die Reißleine. Ende des Jahres schließt sie das Geschäft.

Krieg und Inflation verpassen dem Trend zum nachhaltigen Konsum einen empfindlichen Dämpfer.

Von Axel Richter und Sven Schlickowey

Remscheid. Corona hat sie mit ihrem Unverpackt-Laden überstanden. Den Ukraine-Krieg nicht. Melanie Rothe wird ihr Geschäft an der Hindenburgstraße zum Jahresende schließen. Denn in der Krise bleiben die Kunden aus, derweil die Kosten für den Laden steigen. „Das kriege ich nicht mehr gestemmt“, sagt Melanie Rothe: „Deshalb muss ich jetzt aufgeben.“

Bedeutet die Teuerung infolge des Krieges das Ende des nachhaltigen Konsums? Für die Remscheiderin ist es genau so. „Die Denkweise hat sich verändert“, sagt Melanie Rothe. „Die Nachfrage nach gesund erzeugten Lebensmitteln nimmt ab.“

So kann jeder Müll vermeiden

Rückblick: Eine Woche vor Beginn der Pandemie, am 6. März 2020 hatte sich die gelernte Sporttherapeutin mit ihrem kleinen Geschäft einen Lebenstraum verwirklicht. „Urignell & Unverpackt“ taufte sie ihr Geschäft für biologisch erzeugte Lebensmittel. Mit angegliedertem Café und Bistro stieß sie damit in eine Nische vor, die in Remscheid noch unbesetzt war.

Bald gab es einen festen Stamm von Kunden, die sich Grünkern und Bulgur, Linsen und Jasminreis, Amaranth und Quinoa in mitgebrachte Behälter füllten, derweil die Lehrer vom gegenüberliegenden Gertrud-Bäumer-Gymnasium sich Quiche und bunte Burger schmecken ließen.

Wäre das Bistro nicht, hätte sie längst früher schließen müssen, sagt Melanie Rothe heute. Denn schon im Verlauf der Pandemie kamen immer weniger Menschen zum Einkaufen in ihren Laden. Dabei habe sie selbst die Preise nur geringfügig anheben müssen.

Erster veganer Brunch kommt bei Gästen gut an

So hangelte sie sich „von der einen Krise zur nächsten“, sagt Melanie Rothe. Jetzt zieht sie Reißleine. Der erste und einzige Unverpackt-Laden in Remscheid ist damit in einem halben Jahr Geschichte.

Laut einer aktuellen Umfrage der Unternehmensberatung McKinsey haben bereits 73 Prozent der Deutschen ihr Einkaufsverhalten wegen der gestiegenen Preise angepasst: „Statt im Supermarkt oder im Fachgeschäft wird häufiger beim Discounter eingekauft“, heißt es in einer Mitteilung. Teurere Marken-, Bio- und fair gehandelte Produkte bleiben dabei auf der Strecke.

Lenneper Wurst- und Pasta-Hersteller Steinhaus kann Entwicklung bestätigen

Das merkt auch der Remscheider Landwirt Robin Kottsieper vom gleichnamigen Geflügelhof in Lüttringhausen. Rund ein Fünftel der Eier produziert Kottsieper in Freilandhaltung, jedes einzelne kostet ein paar Cent mehr als die aus Bodenhaltung. „Vor zwei, drei Jahren haben uns die Einkäufer der Supermärkte wöchentlich angerufen und gesagt, dass wir mehr Freiland-Eier produzieren sollen“, berichtet Kottsieper. Diese Anrufe gebe es inzwischen nicht mehr. „Wir kriegen die nach wie vor noch gut verkauft, man reißt sie uns aber nicht mehr aus der Hand.“

Die Entwicklung, die Melanie Rothe und Robin Kottsieper regional beschreiben, kann der Lenneper Wurst- und Pasta-Hersteller Steinhaus national bestätigen: „Mit Lebensmitteln kann man am schnellsten und einfachsten sparen“, hat Marketingleiter Oliver Frielingsdorf beobachtet. Hatte der Mittelständler in der Pandemie noch davon profitiert, dass viele ihr Geld statt im Restaurant für höherpreisige Lebensmittel ausgaben, sehe man nun, dass die Kunden vermehrt zum No-Name- statt zum Markenprodukt griffen.

„Das Wachstum bei den Trendthemen wird abgebremst.“

Oliver Frielingsdorf, Steinhaus

Zwar sei der Umsatz im ersten Halbjahr 2022 mit dem im Vorjahr vergleichbar gewesen, sagt Frielingsdorf, inzwischen rechne man aber mit einer Abkühlung der Konsumlaune: „Das Wachstum bei den Trendthemen wie Nachhaltigkeit und Bio wird deutlich abgebremst.“

So passen die Remscheider ihr Einkaufsverhalten an

Diese Entwicklung beobachte man „mit Hochdruck“, sagt der Marketingleiter. Denkbar sei, einzelne Produkte aus dem Sortiment zu nehmen, zumindest temporär, oder das Geschäft mit zusätzlichen Aktionen anzukurbeln. Daneben setzt Steinhaus weiter auf Eigenmarken, die man für Supermärkte und Discounter produziert. „Manchmal ist es nicht klug, sich damit selber Konkurrenz zu machen“, sagt Frielingsdorf. „Aber manchmal sind wir auch froh, dass wir das machen.“ 

Hintergrund

Laut GfK verzichten deutsche Verbraucher wegen der hohen Inflation vor allem auf Genussprodukte. Im Juli verzeichnete das Marktforschungsinstitut Rückgänge bei Fleisch- und Wurstwaren (-8,2 Prozent), Obst oder Gemüse (-8,5) und Backwaren (-7). Kategorien mit Nachholbedarf nach der Pandemie, darunter Reisen, seien weniger stark betroffen.

Standpunkt von Sven Schlickowey: Noch viel teurer

sven.schlickowey@rga.de

Die meisten Menschen müssen sparen. Und das tun sie, auch weil die Urlaubsreisen meist schon vor Monaten gebucht waren, nicht zuletzt bei ihren wöchentlichen Lebensmitteleinkäufen. Das ist durchaus verständlich - und doch gleich im doppelten Sinn fatal.

Weil es die dringend notwendige Transformation der Lebensmittelproduktion zu mehr Nachhaltigkeit deutlich ausbremst. Und weil der Binnenkonsum gerade jetzt eine wichtige Stütze der Konjunktur sein könnte. Und auch sein müsste.

Man muss kein ausgewiesener Anhänger des Keynesianismus sein, um zu erkennen, dass sich der Staat hier viel deutlicher engagieren muss. Auch wenn der Bundesfinanzminister meint, dafür sei, anders als zum Beispiel für die Aufrüstung der Bundeswehr, kein Geld da. Denn alles andere kommt uns langfristig gesehen noch viel teurer. Und das gleich im doppelten Sinn.

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