Geschichte

Unter den Aufsehern gab es nicht nur stramme Nazis

Karl Engelhardt rettete viele Häftlinge vor den Nazis. Foto: Engelhardt
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Karl Engelhardt rettete viele Häftlinge vor den Nazis.

Über das Personal im Lüttringhauser Zuchthaus in den Jahren 1933 bis 1945 ist nur wenig bekannt.

Von Armin Breidenbach

Remscheid. Vor fünf Jahren veröffentlichte der Wuppertaler Historiker Dr. Stephan Stracke einen Buchbeitrag über das nationalsozialistische Endphaseverbrechen in der Wenzelnbergschlucht, dem am 13. April 1945 unter anderem 60 Häftlinge des Zuchthauses in Lüttringhausen zum Opfer fielen. Dabei ging Dr. Stracke auch auf den Forschungsstand zur Geschichte jener Strafanstalt zwischen 1933 bis 1945 ein. Sein damaliges Fazit: „Über die Verhältnisse in Lüttringhausen wissen wir nur wenig.“

Seitdem wurden weitere Details über die Haftbedingungen veröffentlicht, zuletzt in einer sechsteiligen RGA-Serie über die ausländischen Häftlinge, die während des Krieges aus politischen und anderen Gründen dort inhaftiert waren. Über das damalige Zuchthaus-Personal ist nur wenig bekannt, sieht man von Dr. Karl Engelhardt ab, der ab 1939 Direktor war. Wie das Adressbuch für Groß-Remscheid aus 1935 belegt, wurde die Strafanstalt in Lüttringhausen von Dr. Erich Knobloch geleitet; ihm zur Seite standen 61 Aufsichtsbeamte, sechs Inspektionsbeamte im oberen Dienst und vier Beamte des mittleren Dienstes. Ferner waren hauptamtlich tätig: ein Strafanstalts-Medizinalrat, je ein evangelischer und katholischer Strafanstaltspfarrer und je ein evangelischer und katholischer Strafanstalts-Oberlehrer.

Das Personal, das zum Teil in den Beamtenhäusern rund um das Zuchthaus wohnten, bestand nicht nur aus Anhängern verschiedener politischer Richtungen, sondern es unterschied sich in seinem Verhalten gegenüber Gefangenen. Zum einen waren stramme Nationalsozialisten eingesetzt, zum anderen gab es eine Reihe von Aufsehern und anderen Beamten, die vor allem den politischen Häftlingen gegenüber wohlgesonnen waren.

Abschließend soll exemplarisch auf einen Aufseher des Zuchthauses Lüttringhausen näher eingegangen werden, der nur für etwa ein Jahr dort tätig war. Rudolf Risse, 1903 in Leipzig geboren und gelernter Buchbinder, war von ca. März 1937 bis ca. Februar/März 1938 in Lüttringhausen als Strafanstaltsoberwachtmann tätig. Zunächst als Oberwachtmeister auf Probe beschäftigt, stellte er am 2. Juli 1937 den Antrag auf Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai 1937 Mitglied.

1938 wurde er von Lüttringhausen in das Zuchthaus Halle versetzt, wo er zur Bewachung der Häftlinge und zwei Jahre später im Werkdienst eingesetzt war. Nach einiger Zeit wurde er mit der Leitung der zuchthauseigenen Buchbinderei betraut. Nachdem ab November 1942 die vom Sondergericht Halle verhängten Todesurteile im Zuchthaus Halle vollstreckt wurden, war Rudolf Risse an diesen Hinrichtungen beteiligt. 1945 wurde ihm die Beteiligung an 500 Hinrichtungen vorgeworfen. Dabei beschränkte sich seine Mitwirkung zumeist auf die Zuführung der Todeskandidaten. Einmal vollstreckte er allerdings mit anderen Bediensteten selbst die Urteile.

Wenige Wochen nach Ende des 2. Weltkriegs wurde Risse festgenommen; allerdings ließen ihn die Amerikaner wegen positiver Aussagen eines ehemaligen Gefangenen frei. Nachdem er im August 1945 erneut festgenommen worden war, wurde er vor einem sowjetischen Militärtribunal angeklagt und zum Tode verurteilt. Risse wurde am 7. Dezember 1945 von einem Erschießungskommando hingerichtet.

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