Helft uns helfen

„Unsere Schüler treffen hier ihre Freunde“

Christian Jansen (49) ist seit 30. April dieses Jahres Schulleiter der Hilda-Heinemann-Schule in Lennep. Für ihn ist sein Beruf eine Berufung. Foto: Roland Keusch
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Christian Jansen (49) ist seit 30. April dieses Jahres Schulleiter der Hilda-Heinemann-Schule in Lennep. Für ihn ist sein Beruf eine Berufung.
  • Melissa Wienzek
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Christian Jansen, Leiter der Hilda-Heinemann-Schule, erklärt, was Corona für seine Institution bedeutet.

Das Gespräch führte Melissa Wienzek 

Herr Jansen, als Förderschule haben Sie auch viele Schüler, die laut RKI zur Risikogruppe zählen. Was tun Sie, um Ihre Schüler vor dem Coronavirus zu schützen?

Christian Jansen: Wir waren vor den Sommerferien als Förderschule eine der letzten Schulformen, die für den Unterricht geöffnet waren. Zu dem Zeitpunkt gab es einen wechselseitigen Unterricht. Das heißt, im Mai und Juni haben wir die Schüler umschichtig bestellt, damit wir das Ganze entzerren konnten. Nach den Sommerferien haben wir in Abstimmung mit Schulträger und Schulaufsicht einen wechselnden Beginn ermöglicht. Das heißt: Eine Gruppe startet um 8 mit dem Unterricht, die zweite um 9. Damit entzerren wir, wie viele Schüler morgens hier reinkommen, aber auch den Schülerspezialverkehr. Denn man darf nicht vergessen: In der Klasse sitzen sie nur im Klassenverbund, aber im Bus sitzen sie dann plötzlich vermischt. Auch am Ende der Schulzeit haben wir es entzerrt mit zwei Zeiten: 14 Uhr und 15.15 Uhr. So verlieren die Schüler auch gleichzeitig nicht so viel Unterricht in der Woche. Wir haben sonst alles gedrosselt, was gruppenübergreifend stattfinden würde, zum Beispiel AGs, Schwimmunterricht, aber auch gemeinsame Projekte zwischen den Klassen.

Wie ist die Pause geregelt?

Jansen: Jede Klasse hat ihre eigene Pausenzeit. Die Klassen treffen sich so nicht auf dem Schulhof. Das ist unser möglichster Standard, den wir halten können.

Welche Schüler tragen eine Atemschutzmaske?

Jansen: Bei uns tragen wie vom Ministerium vorgesehen alle eine Maske im Unterricht. Ausnahmen sind aber Schülerinnen und Schüler, welche eine Befreiung haben oder aufgrund ihrer Behinderung nicht in der Lage sind. Es wird aber auf jedes Kind geachtet, gerade, wenn es um das gesundheitliche Wohl geht. Gleichzeitig haben wir im Frühjahr sehr offen mit den Eltern kommuniziert: Wenn ihr Kind zu einer Risikogruppe zählt, sollte es zum einen medizinisch abgeklärt werden. Eltern können dann entscheiden, ob sie ihr Kind im Distanzlernen bei sich behalten und von uns unterrichtstechnisch eingebunden werden oder ob sie uns bestätigen, dass ihr Kind weiter zur Schule gehen soll.

Ist das Abstandhalten im Förderschulunterricht überhaupt möglich?

Jansen: Dieses Still-am-Platz- Sitzen über eine längere Zeit ist bei uns gar nicht möglich. Und teilweise haben wir auch Räume, in denen das gar nicht möglich ist. Außerdem haben wir in unserer Pädagogik eine sehr enge Arbeitsweise mit unseren Schülern, wir müssen sie in vielen Dingen begleiten. Nur vorne stehen, ein Buch aufklappen lassen und erzählen, das funktioniert bei uns nicht. Zudem haben wir viele Einzelfallhelfer, die Schüler begleiten, so dass Körperkontakt entstehen muss, um zum Beispiel die Hand zu einem Gegenstand zu führen. Jeder Erwachsene muss sich natürlich schützen, zum Beispiel mit einer FFP-2-Maske oder mit Handschuhen.

Werden Sie getestet?

Jansen: Bis zu den Herbstferien durfte sich jeder Mitarbeiter im Haus alle zwei Wochen testen lassen, von Herbst- bis zu den Weihnachtsferien darf sich jeder dreimal testen lassen. Und wenn jetzt die Schnelltests kommen, damit sich Lehrer selbst testen, dann haben wir den entscheidenden Vorteil, dass wir bereits eine medizinische Fachkraft in Form unserer Krankenschwester haben.

Was bedeutet es für Ihre Schüler, wenn sie wie im Lockdown im Frühjahr aus dem Schulbetrieb rausgenommen werden?

Jansen: Zuallererst ist die individuelle Förderung dann auf eine ganz andere Basis gestellt. Für unsere Schüler reicht es nicht, eine Lernplattform und ein Tablet zu Hause zu haben, unsere Schüler brauchen ganz anderes Material, und die Eltern müssen anders angeleitet werden. Eltern sind da sehr dankbar. Im Frühjahr gab es auch oft Videokonferenzen mit Eltern, Schülern und Lehrkräften. All diejenigen, die etwas zum Anfassen brauchen, um zu lernen, bekommen Material von uns. Ein sehr wichtiger zweiter Bereich sind die fehlenden Sozialkontakte. Man darf nicht vergessen: Viele unserer Schülerinnen und Schüler bewegen sich nicht so in der Stadt wie andere Jugendliche. Deshalb gibt es bei uns auch eine Notbetreuung für alle Jahrgangsstufen – und nicht nur bis Klasse 6. Denn wir haben auch 17-Jährige mit einer geistigen Behinderung, die nicht allein zu Hause bleiben können. Die größten Sozialkontakte haben sie hier in der Schule. Das ist im Lockdown alles weg.

Darum geht es ja auch bei der Förderung von „Helft uns helfen“ dieses Jahr: Der Schulverein benötigt für Materialien Geld, das dieses Jahr wegen ausgefallener Feste nicht eingenommen wurde. Wie viel kostet das Material?

Jansen: Das fängt ganz banal mit Dingen wie einem Igelball an. Oder einem Stromunterbrecher, der auch in unserer Lehrküche zum Einsatz kommt. Der Schüler kann dieses Gerät selbst steuern – drücken: Strom bleibt an, loslassen: Strom aus. Allein dieses Gerät kostet 50 bis 60 Euro. Oder einen ,Big Mäck‘. Dieser ist besprechbar. Das heißt, ich kann für das Kind etwas aufsprechen. Wenn das Kind dann drauf drückt, kann es sich so äußern – es wird so wirksam im Unterricht miteingebaut. Ähnlich wie alle Talkersysteme, durch die ich Teilhabe und Kommunikation ermögliche. Und ich kann nicht erwarten, dass alle Eltern zu Hause darüber verfügen. Das heißt, wir packen hier individuelle Kisten für jedes Kind. Dort wird Material reingepackt, mit dem die Kinder in den nächsten zwei Wochen arbeiten können. Wir haben uns ein System ausgedacht: Die Kiste ist hier in der Schule, das Kind kann mit ihr arbeiten. Wenn das Kind nun nicht in die Schule kommen kann, geht die Kiste mit nach Hause ins Distanzlernen. Die Materialien sind so vielfältig wie unsere Förderung.

Wie hoch ist das Defizit dieses Jahr beim Schulverein?

Jansen: Normalerweise bringt uns ein Weihnachtsbasar 2000 bis 4000 Euro ein. Das fließt in den Schulverein, der dann genau solche Materialien unterstützt. Wenn wir merken, dass wir Lernmittel benötigen, die über den normalen Schuletat hinausgehen, unterstützt uns immer der Schulverein. Man glaubt gar nicht, wie viel Geld ein Schulverein braucht, wenn er Dinge unterstützt wie einen Schulbus. Der hat natürlich laufende Kosten wie Versicherung, Benzin. Der Schulverein unterstützt auch Ausflüge oder Projekte. Und sei es nur Nikolausschokolade.

Zur Person

Der gebürtige Solinger Christian Jansen (49) hat in Köln Sonderpädagogik für Geistig- und Körperbehinderte studiert. Ab 2000 war er an der ehemaligen Karl-Kind-Förderschule angestellt. Im April 2013 wechselte er als stellvertretender Schulleiter an die Hilda-Heinemann-Schule. Ab Sommer 2018 leitete er die Schule kommissarisch. Seit 30. April 2020 ist er offiziell Schulleiter. Jansen ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Solingen. Die Arbeit als Sonderschullehrer ist für ihn eine Berufung.

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