Sabine Leutheusser-Schnarrenberger beleuchtet Phänomen

Buch ehemaliger Bundesministerin: „Unsere gefährdete Demokratie“

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger beleuchtet auch ein Phänomen, das bisher eher selten unter die Lupe genommen wurde: die Bedrohung von Journalisten. 
+
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger beleuchtet auch ein Phänomen, das bisher eher selten unter die Lupe genommen wurde: die Bedrohung von Journalisten. 
  • Stefan Kob
    VonStefan Kob
    schließen

Neues Buch der ehemaligen Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger handelt von Hass und Hetze gegen Politiker, Journalisten und etwa Polizisten oder Feuerwehrleute.

Von Stefan M. Kob

Solingen. Was ist nur los mit uns? Feuerwehrleute, die einen Brand löschen wollen, werden beschimpft und angegriffen; Sanitäter, die an einer Unfallstelle eintreffen, müssen sich gegen übelste Beleidigungen und tätliche Angriffe wehren. Politiker, die eine unbequeme Meinung vertreten, sehen gar ihr Leben in Gefahr.

Über das, was den Normalbürger rat- und fassungslos zurücklässt, hat die ehemalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger ein aktuelles Buch geschrieben: „Unsere gefährdete Demokratie - Wie wir mit Hass und Hetze gegen Politiker und Journalisten umgehen.” Denn die Juristin sieht in der Hasswelle gegen gewählte Repräsentanten unserer Demokratie dieselben psychologischen Muster und Gründe wie in der scheinbar völlig sinnlosen Gewalt gegen Helfer, Polizisten – und zunehmend auch Journalisten.

Ein Kapitel des lesenswerten Sachbuchs beschäftigt sich mit den Ursachen des zunehmenden Phänomens und kommt zu verstörenden Ergebnissen. Psychologen sprechen von einer „Aggressionsverschiebung”: Wer über einen langen Zeitraum frustriert ist, Probleme in Job oder Beziehung hat, sich von allen im Stich gelassen fühlt, entwickelt eine Wut, die schwer kanalisierbar ist und sich gegen das gesamte System richtet. Und die sich, weil man den vermeintlich Verantwortlichen nicht zu fassen kriegt, dann eben gegen den DRK-Helfer richtet, der einfach nur der Blitzableiter für die aufgestaute Ladung Wut ist.

Das Phänomen geht meist einher mit mangelndem Respekt - auch vor sich selbst. Die Ich-Bezogenheit, die unser westlicher Lebensstil propagiert, führt oft dazu, dass der Bezug zum Gemeinwesen verloren geht. Doch ohne Interesse am anderen, ohne Verständnis für die andere Position, entwickeln sich weder Mitgefühl noch Rücksicht noch Respekt. Leutheusser-Schnarrenberger: „Die vermeintliche Ich-Stärke ist trügerisch und basiert nicht auf Reflexion, sondern auf Ignoranz. Wenn man sich in sein Gegenüber nicht einfühlen kann, bleibt es unbekannt, bedrohlich. So entstehen Feindbilder.”

In der Anonymität der sozialen Medien heizt sich der Empörungsmodus immer weiter auf, sinken die Hemmschwellen und die Impulskontrolle fällt völlig weg. Verleumdungen, Beleidigungen, Einschüchterungen und Hass haben freie Bahn - und führen zunehmend im „realen Leben” zu körperlicher Gewalt gegen Menschen, die sich für unsere Gesellschaft einsetzen.

Journalisten im Fokus von Rechts- und Linksradikalen

Das Buch der ehemaligen Justizministerin beleuchtet auch ein Phänomen, das bisher eher selten unter die Lupe genommen wurde: die Bedrohung von Journalisten. Seitdem auf Pegida-Demos TV-Teams angegriffen wurden, stehen Journalisten zunehmend im Fokus von Rechts- und Linksradikalen, „Querdenkern” und Verschwörungsgläubigen. „Die gewalttätigen Attacken gegen Journalisten sind teilweise von grundlegendem Hass getragen. . . . Diejenigen, die den Schmähruf ,Lügenpresse’ verwenden, wollen eine die eigene Meinung lobende Berichterstattung. … Kritik empfinden sie als eine Art Majestätsbeleidigung, Kritik nervt, Kritik wird als Elitegeschwätz abgetan.” Für die Autorin ein Alarmzeichen: Die Pressefreiheit ist zunehmend gefährdet, und ohne sie gibt es keine intakte Demokratie.

Dass sich deshalb Journalisten immer häufiger aus der Protestberichterstattung zurückziehen, bestätigt auch die jüngste Feinbildstudie das Leipziger Europacenter für Presse- und Medienfreiheit (ECPMF). Grund: Zunehmend werden auch lokale Journalisten von gewalttätigen Angriffen aufgrund ihrer Arbeit betroffen. Mit 83 tätlichen Angriffen gegen Medienschaffende überstieg das vergangene Jahr noch einmal den damaligen Höchststand in 2020 (69  Angriffe). Die meisten Fälle (75 Prozent) ereigneten sich bei Demos gegen Corona-Maßnahmen. Für Sigrun Albert, Hauptgeschäftsführerin des deutschen Verlegerverbandes BDZV, eine „sehr Besorgnis erregende“ Entwicklung.

Zum Buch

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Gunna Wendt: Unsere gefährdete Demokratie: Wie wir mit Hass und Hetze gegen Politiker und Journalisten umgehen, Taschenbuch, 248 Seiten. Herausgeber: S. Hirzel Verlag GmbH; 1. Edition, ISBN ISBN-13: 978-3777630137, 20 Euro

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Müllferkel: Technische Betriebe bitten um Zeugenhinweise
Müllferkel: Technische Betriebe bitten um Zeugenhinweise
Müllferkel: Technische Betriebe bitten um Zeugenhinweise
Traumnote: Meliha schreibt an der AES Geschichte
Traumnote: Meliha schreibt an der AES Geschichte
Traumnote: Meliha schreibt an der AES Geschichte
Berufskolleg gewinnt an Strahlkraft
Berufskolleg gewinnt an Strahlkraft
Berufskolleg gewinnt an Strahlkraft
Neue Impfstelle startet erst später
Neue Impfstelle startet erst später
Neue Impfstelle startet erst später

Kommentare