Mädchen und Jungen werden Teil der Gemeinschaft

Ukrainische Kinder erfahren den Schulalltag

Lehrerin Melanie Preis bringt den Kindern der Willkommensklasse 5/6 an der GHS Hackenberg mit Abbildungen deutsche Wörter bei. Fotos: Roland Keusch
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Lehrerin Melanie Preis bringt den Kindern der Willkommensklasse 5/6 an der GHS Hackenberg mit Abbildungen deutsche Wörter bei.

Drei Schulen richten Willkommensklassen ein.

Von Melissa Wienzek

Remscheid. Deutschlehrerin Melanie Preis hält eine Karte hoch und fragt die Kinder: „Was ist das?“ Relativ schnell ertönen verschiedene Antworten: „der Heft“ und „das Heft“. Preis hakt nach: „Der oder das Heft? Der Artikel gefällt mir noch nicht.“ Die acht ukrainischen Kinder überlegen kurz und entscheiden sich dann für „das Heft“. Auch die Farbe Blau können sie benennen. „Der Bleistift“ kommt dann sofort wie im Chor. Das haben alle drauf. Melanie Preis hängt die Karten mit den Abbildungen an die Tafel und schreibt die Wörter samt Artikel noch einmal daneben. „Sehr gut.“ Die Kinder schreiben fleißig ab.

Es herrscht eine gute Stimmung in der Willkommensklasse für Fünft- und Sechstklässler an der GHS Hackenberg in Lennep. Außen an der Tür prangt ein großes, selbst gebasteltes Plakat auf zwei Sprachen für die Kinder, die vor dem Krieg geflüchtet sind: Willkommen. In der Klasse liegen kleine Karten auf dem Tisch. Eine zeigt einen Smiley mit Herz: „Schön, dass du da bist“ – und der entsprechenden Übersetzung in kyrillischer Schrift.

Die sogenannten Willkommensklassen sind durch die Beratungen innerhalb der Regionalkonferenz initiiert worden. Hieran sind alle Schulaufsichten für Remscheid und die Schulverwaltung beteiligt. Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I werden an drei Schulen in Willkommensklassen aufgenommen: Die Jahrgänge 5 bis 6 an der GHS Hackenberg in Lennep, die Jahrgänge 7 bis 8 an der benachbarten Albert-Schweitzer-Realschule, die Jahrgänge 9 bis 10 am Röntgen-Gymnasium. Bis zu 18 Schülerinnen und Schüler dürfen in einer Willkommensklasse unterrichtet werden. Bislang sind neun ukrainische Kinder an der Hauptschule Hackenberg und sechs an der benachbarten Albert-Schweitzer-Schule aufgenommen worden. Tendenz steigend. Laut Schul- und Sozialdezernent Thomas Neuhaus rechnet die Stadt mit weiteren Kindern. Die Einrichtung der Willkommensklassen erfolgt laut Stadt zunächst bis zu den Sommerferien.

Regina Wesseling-Hermann leitet mehrere Seiteneinsteigerklassen. Sie hat sich dazu extra fortbilden lassen. Die meisten Kinder könnten bereits die lateinischen Buchstaben, hat die Deutschlehrerin festgestellt.

Im geschützten Rahmen lernen die Kinder an der GHS Hackenberg Deutsch: drei Stunden à 60 Minuten am Tag, danach wird gemeinsam in der Mensa der Realschule nebenan gegessen. „Das ist ganz schön viel Input. Daher versuchen wir auch, spielerisch zu vermitteln: Wir malen oder puzzeln zum Beispiel“, erklärt Rektorin Elke Simon. Der Wissensstand der Kinder sei sehr unterschiedlich, sagt Deutschlehrerin Regina Wesseling-Hermann.

Sie hat sich am Mercator-Institut Köln speziell im Bereich Seiteneinsteigerklassen fortbilden lassen. Die meisten Kinder könnten die lateinischen Buchstaben, sagt sie. Der eine lerne natürlich schneller, der andere langsamer. „Man merkt aber: Viele Kinder sind einfach mit den Gedanken woanders.“ So manches Kind könne sich recht gut auf die neue Situation einstellen und wolle schnell Deutsch lernen, andere hingegen trauten sich nicht zu lachen. Oder riefen im Unterricht mit dem Handy die Mama an, weil sie nichts verstehen.

Abhilfe schafft eine ukrainischsprechende Kollegin, die einmal die Woche zwei Stunden mit den Kindern in ihrer Muttersprache vor allem Organisatorisches klärt. Zudem hört sie sich die Sorgen der Kinder an – von Problemen mit der Busverbindung bis zu alltäglichen Dingen, die fehlen. Zum Beispiel ein Badeanzug, Mäppchen, Hefte.

Gerade hat die Awo noch diese nötigen Dinge für die Schule besorgt. Bei einer schnell einberufenen Versammlung beschloss man eine 500-Euro-Sachspende.

Regina Wesseling-Hermann leitet mehrere Seiteneinsteigerklassen. Sie hat sich dazu extra fortbilden lassen. Die meisten Kinder könnten bereits die lateinischen Buchstaben, hat die Deutschlehrerin festgestellt.

Das Thema Flucht und Krieg sprechen die Kinder nicht direkt aus, sagt Regina Wesseling-Hermann. Anhand eines Buches mit Smileys zeigten die Kinder jedoch oftmals an, dass es ihnen nicht gut geht. Sie hat die Erfahrung gemacht: Es braucht Zeit – und erfordert von den Pädagogen Fingerspitzengefühl. „Irgendwann, wenn sie sich sicher fühlen, erzählen die Kinder.“ Das Spielmobil, das die gemeinnützige GmbH Interaktiv zwei Mal die Woche zur GHS auf den Schulhof schickt, soll die Kinder auf andere Gedanken bringen, sagt Schulleiterin Elke Simon.

Zwei Jahre dürfen die Kinder in der Willkommensklasse bleiben. Das Ziel ist natürlich, dass sie so schnell wie möglich in eine Regelklasse wechseln. Das Kollegium entscheide gemeinsam und individuell, wann es so weit ist, erklärt Elke Simon. Danach folgt eine Probebeschulung in der empfohlenen Regelschulklasse.

Die ukrainischen Kinder lernen an der GHS Hackenberg aber nicht nur Deutsch und machen Sport. Vielmehr noch: Sie kommen an. Im Schulalltag, in der Schulgemeinschaft. Mädchen aus der fünften Klasse wollen die Kinder zum Beispiel unbedingt in die Sporthalle begleiten, ihnen helfen, sich zurechtzufinden, erzählt Simon. Am Freitag fahren zudem alle Seiteneinsteigerklassen ins Hugodrom. Nach und nach lernen sie auch den Stadtteil kennen. Im Sommer fährt der ganze Lenneper Standort zudem in die Zoom-Erlebniswelt. „Wir müssen den Kindern die Welt erklären“, sieht Elke Simon einen klaren Auftrag. | Standpunkt

Flüchtlingszahlen

Stadtsprecherin Viola Juric berichtet, dass bislang 510 Flüchtlinge aus der Ukraine registriert wurden (Stand: 31. März). Derzeit stünden jeden Morgen Menschen vor dem Kommunalen Integrationszentrum, um sich anzumelden. Die Stadt bittet darum, privat angekommene Flüchtlinge anzumelden. Infos: remscheid.de

Standpunkt: So geht Willkommenskultur

Kommentar von Melissa Wienzek

melissa.wienzek @rga.de

Noch bevor die ersten ukrainischen Kinder überhaupt an der GHS Hackenberg ankamen, hatten die Schülerinnen und Schüler bereits 1000 Friedenstauben gebastelt. Sie prangten in den Fenstern der Lenenper Schule, dazu gestalteten die Schülerinnen und Schüler Banner. Auf die russische und die ukrainische Fahne wurden Friedenstauben geklebt. Denn an der GHS Hackenberg findet auch für umliegende Schulen russischsprachiger Unterricht statt. Die Friedenstauben sind ein wichtiges Signal – vor allem für die Kinder, die vor dem Krieg im eigenen Land geflüchtet sind und nun in Remscheid eine neue Heimat gefunden haben. Und sich immer noch einleben müssen. In Hackenberg wird das mit viel Liebe und Verständnis betrieben. „Wir freuen uns auf dich“ ist nicht nur ein dahergesagter Satz. Er wird gelebt. Deutsche Kinder nehmen ukrainische an die Hand, begleiten sie zur Turnhalle oder zum Mittagessen, gemeinsam spielt man nachmittags auf dem Schulhof. So gelingt Integration, so werden die Kinder Teil einer Gemeinschaft. An der offenen und vorurteilsfreien Art der Kinder kann sich so mancher Erwachsener ein Beispiel nehmen.

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