Angebot für Geflüchtete

Sie flohen selbst vor dem Krieg - Jetzt helfen die Ukrainerinnen ihren Landsleuten

Teilen sich die ehrenamtliche Arbeit im Ukraine-Zentrum in der Max-von-Laue-Straße: die Halbtagskräfte Nataliia Ustich und Marina Tkachuk.
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Teilen sich die ehrenamtliche Arbeit im Ukraine-Zentrum in der Max-von-Laue-Straße: die Halbtagskräfte Nataliia Ustich und Marina Tkachuk.
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Eine Anlaufstelle hält diverse Angebote für Geflüchtete vor.

Von Frank Michalczak

Remscheid. Das evangelische Gemeindehaus in Hackenberg etabliert sich mehr und mehr als Anlaufstelle für geflüchtete Menschen aus der Ukraine. Dazu tragen zwei neue Mitarbeiterinnen bei, die vor einigen Monaten selber vor dem Krieg geflohen sind: Marina Tkachuk (30) und Nataliia Ustich (39) kennen die Sorgen und Nöte der Besucher aus eigener Erfahrung. Zermürbend seien die Gedanken an das eigene Zuhause. „Wir machen uns Tag für Tag große Sorgen um unsere Familien und Freunde“, sagt Marina Tkachuk, die ihren Landsleuten Beistand leisten will. „Viele haben Depressionen. Das betrifft vor allem Frauen und Kinder, die zu uns kommen.“

Getragen wird das Ukraine-Zentrum von der Diakonie, der evangelischen Kirchengemeinde Lennep und dem Kirchenkreis. Was als Möbel- und Bekleidungslager für die ersten Geflüchteten begann, hat sich mittlerweile zu einer facettenreichen Freizeit-, Bildungs- und Kontaktbörse gemausert. „Dreimal in der Woche finden Sprachkurse bei uns statt“, berichtet Marina Tkachuk. Die Teilnehmenden wechseln sich dabei ab: Während die einen Deutsch lernen, kümmern sich die anderen um die Kinder. Generell sei es wichtig, Betreuung für den Nachwuchs anzubieten, um die Mütter zu entlasten. Sie können die Kleinen dienstags stundenweise in die Obhut der Einrichtung geben. „Um selber Termine wahrzunehmen. Und vor allem, um einfach mal ein bisschen Ruhe zu haben“, erklärt Marina Tkachuk.

Regelmäßig erfolgen in der Anlaufstelle Yoga-Angebote oder auch Gespräche mit Mitarbeiterinnen der Frauenberatungsstelle Indigo, die auf Trauma-Behandlung spezialisiert sind. Kontakt zu Pferden ermöglicht das Ukraine-Zentrum Kindern, indem es für sie therapeutisches Reiten arrangiert. Und: Ein Fußballtreff hat sich in Zusammenarbeit mit der SG Hackenberg formiert. Bis zu 30 Männer aus der Ukraine kommen montagabends zusammen, um miteinander zu kicken. „Bei Wind und Wetter“, wie Marina Tkachuk anmerkt.

Sie ist wie ihre Kollegin 19,5 Stunden pro Woche hauptamtlich im Einsatz, um den Menschen zu helfen. „Das Hauptproblem ist die Sprache. Bei weitem nicht jeder spricht Englisch oder sogar Deutsch. Das führt zum Beispiel bei Arztbesuchen immer wieder zu Problemen“, nennt die 39-Jährige ein Beispiel für die Alltagsnöte.

Die Berichte aus der Ukraine gehen dem Geschäftsführer sehr nahe

Dass die Anlaufstelle diese zumindest lindern kann, ist auch der Aktion Mensch zu verdanken. „Sie hat kurz nach Kriegsausbruch ein Sonderprogramm gestartet, bei dem wir einen Förderantrag gestellt haben“, berichtet der Geschäftsführer der Diakonie im Kirchenkreis Lennep Florian Schäfer (39). Ingesamt 80 000 Euro wurden nach Lennep überwiesen, so dass die Ukraine-Hilfe für ein Jahr das Gehalt der beiden Mitarbeiterinnen und auch Freizeitaktivitäten für die Besucher der Anlaufstelle finanzieren kann.

Ihm selber liege das Ukraine-Zentrum besonders am Herzen, stellt der Geschäftsführer fest. „Die Berichte aus ihrer Heimat gehen mir sehr nahe – vor allem, wenn es um Kinder geht. Das nehme ich nach Hause mit.“ Andererseits sei dies bei allem Elend für die Kirche und auch für Wohlfahrtsverbände eine Chance, eines zu beweisen: „Dass wir in der Not da sind.“

Dies gelte auch für die Geflüchteten in der Sammelunterkunft Hölterfeld, die dort auf engstem Raum zusammenleben – weil sie auf Wohnraum warten müssen. Ihnen rät Marina Tkachuk, das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen. „Sie müssen Deutsch lernen und können sich selber eine Wohnung suchen. Es gibt Hilfe dabei“, erklärt die 39-Jährige, die durch Zufall in Remscheid eine zweite Heimat gefunden hat.

Ihre Flucht führte im März mit dem Auto durch Moldawien, Rumänien und die Tschechische Republik nach Westen. „Alle 700 Kilometer haben mein Mann und ich Pause gemacht.“ Die letzte führte sie nach Remscheid, wo ihr ebenso aus purem Zufall Ivan Zakharchenko begegnete. Der städtische Mitarbeiter engagierte sich von der ersten Stunde für die Geflüchteten – und sprach die beiden auf Russisch an, um Hilfe anzubieten. Diese habe ihnen die Verwaltung unbürokratisch gewährt. „Nach einem Spaziergang stand dann für uns fest, dass wir hier bleiben wollen“, blickt Marina Tkachuk auf eine Weichenstellung zurück, die ihr Leben prägen sollte.  

Zentrum

Das Ukraine-Zentrum befindet sich in Hackenberg, Max-von-Laue-Straße 1 a. Weitere Informationen über die Einrichtung und die Nummer des Spendenkontos der Ukraine-Hilfe gibt es auf der Homepage: www.kirchenkreis-lennep.de.

Standpunkt von Frank Michalczak: Beistand leisten

frank.michalczak@rga.de

Der Krieg in der Ukraine hat für Deutschland schwerwiegende Folgen: Die Energiepreise und die Inflation belasten die Verbraucher zusehends, das Wirtschaftsgefüge gerät ins Wanken. Es drohen Ausfälle bei der Stromversorgung und weitere Engpässe bei den Lieferketten.

Es sind ernste Zeiten. Doch: Noch viel ernster ist die Lage der über eintausend Ukrainer, die in Remscheid mittlerweile Zuflucht gefunden haben. Sie müssen sich nicht nur in einer völlig fremden Umgebung zurechtfinden und eine komplizierte Sprache erlernen, sondern sie bangen zusätzlich tagtäglich um das Wohlergehen ihrer Verwandten und Freunde in ihrer Heimat.

Auch wenn die Existenzängste in der Bundesrepublik wachsen, bleibt es ein Gebot der Stunde, den Geflüchteten Beistand zu leisten. Dabei darf sich die Gesellschaft nicht von irgendwelchen Querdenkern spalten lassen. Es wäre der Anfang vom Ende unseres Gemeinwesens und ein Sieg Putins.

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