Interview der Woche

Ukraine-Flüchtlinge: Barbara Reul-Nocke findet die Hilfsbereitschaft „einfach großartig“

Barbara Reul-Nocke ist seit 2014 Ordnungs- und Rechtsdezernentin der Stadt Remscheid. 
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Barbara Reul-Nocke ist seit 2014 Ordnungs- und Rechtsdezernentin der Stadt Remscheid. 

Barbara Reul-Nocke, Leiterin des Remscheider Ukraine-Krisenstabs, im Interview der Woche.

Das Gespräch führte Sven Schlickowey

Frau Reul-Nocke, dass Remscheid in den kommenden Wochen Geflüchtete aus der Ukraine in großer Zahl aufnehmen wird, ist sicher. Gibt es eigentlich eine Schätzung, eine Richtgröße, irgendeine Zahl, mit der sie planen können?
Barbara Reul-Nocke: Nein. Und das kann uns auch keiner geben. Durch ihren Aufenthaltsstatus und die damit verbundene Freizügigkeit können die ukrainischen Flüchtlinge frei bestimmen, wohin sie gehen. In den ersten Wochen haben sie insbesondere Großstädte wie Köln und Düsseldorf angesteuert. Jetzt zeigt sich aber, dass dort die Aufnahmekapazitäten erreicht sind. Deswegen kommen inzwischen immer mehr auch hier in Remscheid an.
Sie haben also keine Planungsgrundlage?
Reul-Nocke: Wir haben mal ganz am Anfang versucht, eine grobe Arbeitshypothese aufzustellen und bei zwei Millionen Flüchtlingen die Zuteilungen innerhalb der EU und innerhalb Deutschlands nach dem Königsteiner Schlüssel zu berechnen. Dabei sind wir auf rund 600 gekommen. Das ist aber inzwischen hinfällig, weil wir mittlerweile laut UN von vier Millionen Flüchtlingen aus der Ukraine sprechen.
Was ist derzeit die größte Herausforderung für die Stadt?
Reul-Nocke: Es geht darum, Wohnraum zu schaffen, das ist der Hauptteil unserer Arbeit im Moment. Wir akquirieren mit Hochdruck viel, viel mehr Wohnungen, sowohl von den großen Wohnungsgesellschaften als auch von privaten Anbietern. Und wir haben eine Taskforce gebildet, das ist ein Trupp von Handwerkern und Bautechnikern, der sich die Wohnungen im Schnellverfahren anschaut und abklärt, ob sie geeignet sind. Wir wissen aber auch, dass insbesondere bezugsfertiger Wohnraum endlich ist, deswegen werden wir parallel dazu sehen, was wir an Gemeinschaftsunterkünften aus dem Boden stampfen können.
Können Sie dabei auf Erfahrungen und vielleicht auch noch auf Infrastruktur aus den Jahren 2015/16 zurückgreifen?
Reul-Nocke: Auf Infrastruktur weniger. Aber natürlich auf Erfahrungen. Viele, die jetzt im Krisenstab sitzen, waren 2015 schon dabei, von daher konnten wir unsere To-do-Liste viel schneller erstellen. Aber die muss natürlich auch noch abgearbeitet werden.
Die Mitarbeiter dafür ziehen sie zum Teil aus anderen Abteilungen ab. Und das in einer Verwaltung, die personell ja ohnehin nicht auf Rosen gebettet ist. Besteht nicht die Gefahr, dass andere Bereiche der Stadt handlungsunfähig werden?
Reul-Nocke: Handlungsunfähig nicht, aber es werden andere Tätigkeiten liegenbleiben. Das geht derzeit nicht anders.
Die Stadt setzt Personal ein, mietet Wohnungen an – da stellt sich ja auch die Frage nach dem Geld. Muss die Stadt jetzt erstmal in Vorleistung gehen und kann dann später sehen, wie viel sie wieder bekommt oder wie stellt sich das dar?
Reul-Nocke: Das ist klar geregelt. Durch den Status, den ukrainische Flüchtlinge haben, unterliegen sie dem sogenannten FlüAG, dem Flüchtlingsaufnahmegesetz, darin ist die Erstattung von Pauschalen je Flüchtling geregelt. Sobald die hier registriert sind, erfolgt eine Erstattung von Seiten des Landes.
Ist das denn wirklich kostenddeckend?
Reul-Nocke: Das kann man im Augenblick schlecht sagen. Das hat ja viel damit zu tun, wo wir, zu welchem Preis Wohnraum, bereitstellen. Intern gibt es deswegen genaue Vorgaben, was wir maximal an Mieten zahlen und da gehen wir im Normalfall auch nicht drüber.
Wir haben ja gerade schon über 2015 gesprochen, als sehr viele vor allem syrische Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Der Vergleich bietet sich sicherlich an. Aber gibt es auch Unterschiede zu damals?
Reul-Nocke: Ja. Insbesondere weil überwiegend Frauen mit Kindern kommen. Das können wir für Remscheid nur bestätigen: Fast 40 Prozent der hier ankommenden Flüchtlinge sind Kinder. Das heißt, wir haben einen ganz anderen Fokus auf die Frage der Kinderbetreuung. Auch die Sprachkenntnisse sind andere. In der Ukraine besteht in der sechsten Klasse die Möglichkeit, weitere Fremdsprachen zu wählen, darunter auch Deutsch. Das macht viele Abläufe einfacher.
Was aber ganz und gar vergleichbar zu 2015 ist, ist die große Hilfsbereitschaft der Remscheiderinnen und Remscheider.
Reul-Nocke: Das kann man wirklich sagen. Es sind viele, viele Einzelne, aber auch Firmen, die uns unterstützen. Nur ein Beispiel: Die Spedition Mäuler stellt uns einen 40-Tonnen-Sattelzug zur Verfügung, um den Schutzboden für eine Halle zu transportieren. Kostenlos, einfach mal so. Einfach großartig.
Ist das eine weitere Herausforderung für die Verwaltung, diese Hilfsbereitschaft zu koordinieren und kanalisieren?
Reul-Nocke: Ja. Es sind viele Ehrenamtler, die sich bei uns gemeldet haben. Und die Wohlfahrtsverbände wie die Diakonie und die Caritas scharren auch mit den Hufen. Das alles zu koordinieren, ist gar nicht so einfach, wie man sich das vielleicht vorstellt.
Was raten Sie Menschen, die sich engagieren wollen?
Reul-Nocke: Das kommt ganz darauf an, was man tun will. Wenn man Wohnraum, also abgeschlossenen Wohnraum, zur Verfügung stellen möchte, oder als Dolmetscher zur Verfügung steht oder sich anders ehrenamtlich einbringen möchte, kann man sich gerne per E-Mail unter der Adresse ukraine@remscheid.de melden. Da geht nichts verloren. Klar hat für uns im Moment das Thema Wohnraum Priorität, aber auch die Ehrenamtler werden bald gebraucht, darauf kommen wir dann zurück.
Wie blicken Sie als Krisenstabsleiterin eigentlich ganz persönlich auf die nächsten Wochen?
Reul-Nocke: Nach meinen Erfahrungen, auch aus 2015, werden wir uns wundern, wie schnell die Auswirkungen auch für Remscheid sichtbar werden. Wir werden aber trotzdem handlungsfähig bleiben.
Das klingt, trotz allem, recht positiv.
Reul-Nocke: Ja, wenn man nicht positiv bleibt, hat man direkt verloren.

Zur Person

Barbara Reul-Nocke ist seit 2014 Ordnungs- und Rechtsdezernentin der Stadt Remscheid. Die Fachanwältin für Verwaltungsrecht stammt gebürtig aus Leichlingen und lebt heute in Wuppertal. Reul-Nocke ist verheiratet und Mutter einer volljährigen Tochter. Sie übt verschiedene Ehrenämter aus, zum Beispiel als stellvertretende Landesvorsitzende der Frauen Union und Vorsitzende des Sozialdienstes katholischer Frauen Bergisch Land.

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