Versorgung

Übernahme von Arztpraxen durch die Stadt Remscheid soll die Ausnahme bleiben

Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz und Sozialdezernent Thomas Neuhaus begrüßen zusammen mit Dr. Diana Pfitzner den neuen ärztlichen Leiter des MVZ Martin Schulte sowie Monika Skodda und Clarissa Geusa, die die Praxis-Teams in der Innenstadt und in Lüttringhausen leiten, in der „großen Familie der Stadt Remscheid“, wie es der OB formulierte. Foto: Roland Keusch
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Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz und Sozialdezernent Thomas Neuhaus begrüßen zusammen mit Dr. Diana Pfitzner den neuen ärztlichen Leiter des MVZ Martin Schulte sowie Monika Skodda und Clarissa Geusa, die die Praxis-Teams in der Innenstadt und in Lüttringhausen leiten, in der „großen Familie der Stadt Remscheid“, wie es der OB formulierte.

Seit dem 1. Oktober gehören zwei Kinderarztpraxen komplett zur Stadt. Der Schritt war notwendig geworden, nachdem zwei Kinderarztpraxen geschlossen werden mussten. Es fehlten Nachfolger.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Der Start sei – trotz kleinerer Schwierigkeiten – geglückt, doch als Blaupause für weitere Arztpraxen soll er trotzdem nicht dienen: Seit dem 1. Oktober gehören die Kinderarztpraxen in der Peterstraße und in Lüttringhausen komplett zur Stadt. Ein wichtiger Schritt, um die medizinische Versorgung der Kinder in Remscheid zu sichern, wie Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz sagt.

Die Übernahme der Praxen sei zwar aus der Not geboren, trotzdem werde man sie „sehr ernsthaft betreiben“, betont Sozialdezernent Thomas Neuhaus: „Das ist kein Anhängsel, weil es sonst keiner machen wollte.“ Ziel sei ein konkurrenzfähiges Angebot. Und eines, das sich wirtschaftlich selber trägt. „Wir werden den Erfolg natürlich regelmäßig messen.“

Zumal die Integration pädiatrischer Praxen in den städtischen Fachdienst Gesundheit ganz neue Möglichkeiten biete, wie Dr. Frank Neveling, Leiter des Gesundheitsamtes, sagt. Insbesondere bei der Betreuung von Kindern seien Synergieeffekte möglich. Oder auch bei der Weiterbildung von Ärzten. „Damit sind wir dann deutschlandweit einzigartig“, sagt Dr. Neveling. „Das macht uns auch als Arbeitgeber interessant.“

„Es fühlt sich gut an, wieder in der eigenen Stadt zu sein.“

Martin Schulte, ärztlicher Leiter

Und genau daran hängt nicht zuletzt der Erfolg des Projekts. Es sei durchaus möglich, die Praxen kostendeckend zu betreiben, ist Eckhard Rieger überzeugt. Allerdings nur, wenn die insgesamt vier Arztstellen, je zwei in der City und in Lüttringhausen, auch besetzt seien.

Rieger, Geschäftsführer des Diakonischen Werk Bethanien in Solingen, spricht aus leidvoller Erfahrung. Bis Ende September gehörte die Lüttringhauser Praxis zu seiner Diakonie, zuletzt allerdings nur noch mit einer Ärztin in Teilzeit. Entsprechend gering waren die Honorar-Einnahmen. Doch trotz monatelanger Suche habe man keinen Mediziner gefunden, so Rieger.

Die Stadt Remscheid hingegen konnte alle Stellen besetzen, vier ärztliche Vollzeitstellen, verteilt auf sieben Mediziner, sowie acht Stellen bei den Medizinischen Fachangestellten. Das sei auch ein Verdienst von Dr. Diana Pfitzner vom kinderärztlichen Dienst der Stadt, betont OB Mast-Weisz. Die Ärztin ließ ihre Beziehungen unter den Kollegen spielen. Es gebe aber auch ein Interesse bei Medizinern an diesem bisher einmaligen Projekt mitzuwirken, ist Dezernent Neuhaus überzeugt.

Bei Martin Schulte, dem neuen ärztlichen Leiter der Praxen, war es offenbar die Mischung. Man kenne sich unter den Kollegen, berichtet er. So habe er von dem Vorhaben erfahren. Zudem sei das ein „total interessantes Modell“.

Für Schulte ist der neue Job darüber hinaus eine Art Heimkehr: Bis 2016 arbeitete er als Oberarzt im Sana-Klinikum, ehe er nach Leverkusen und Köln wechselte, um eine Weiterbildung in der Neonatologie, der Versorgung von Früh- und Neugeborenen, zu absolvieren. „Es fühlt sich gut an, wieder in der eigenen Stadt zu sein“, sagt er. „Es ist ja auch ein Umfeld, in dem ich viele Akteure noch gut kenne.“

Schulte wird vor allem in der Peterstraße tätig sein, trägt aber die Verantwortung für beiden Praxen. Die hat die Stadt zum 1. Oktober in einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) zusammengefasst. Damit endet eine Übergangsphase, in der die Praxen, die beide eigentlich Ende letzten Jahres schließen sollten, zusammen mit der Diakonie Bethanien und dem Sana-Klinikum betrieben wurden.

Dass man all das in kaum mehr als einem Jahr auf die Beine gestellt habe, sei bemerkenswert, sind sich Mast-Weisz und Neuhaus einig. Es soll aber trotzdem die Ausnahme bleiben: „Den Versorgungsauftrag hat die Kassenärztliche Vereinigung“, macht Neuhaus noch einmal deutlich. „Das zu übernehmen, kann und wird nicht die Aufgabe der Kommune sein.“ | Standpunkt

Hintergrund

Eigentlich hätten die Kinderarztpraxis Albrecht/Arnold in der City und die von der Diakonie Bethanien betriebene Praxis in Lüttringhausen Ende letzten Jahres geschlossen werden sollen. Weil sich in beiden Fällen kein Nachfolger als Inhaber fand und so die Versorgung von rund 3000 jungen Patienten auf dem Spiel stand, übernahm die Stadt beide Praxen. Sie ist nun Arbeitgeber der Ärzte und Medizinischen Fachangestellten und trägt damit auch das komplette wirtschaftliche Risiko.

Standpunkt

sven.schlickowey@rga.de

Kommentar von Sven Schlickowey

Es ist ein Balance-Akt, den die Verantwortlichen der Stadt da vollführen: Auf der einen Seite wollen sie die Übernahme der Kinderarztpraxen als Erfolg verkaufen, was sie wohl auch ist. Auf der anderen Seite wollen sie sicherlich keine neuen Begehrlichkeiten wecken, so dass bald der nächste Praxis-Inhaber kurz vor dem Ruhestand bei ihnen anklopft. Doch dafür ist es vielleicht schon zu spät. Denn ob es ihre Aufgabe ist oder nicht, am Ende erwarten die Bürger von der Stadt, dass die medizinische Versorgung sichergestellt wird. Auf die Kassenärztliche Vereinigung ist wohl kaum jemand sauer, wenn das nicht klappt. So sehr Oberbürgermeister und Sozialdezernent auch betonen, das aktuelle Projekt sei keine Blaupause für weitere Übernahmen, könnte es doch genau dazu werden. Für die ohnehin schon stark belastete Verwaltung sicherlich keine Wunschvorstellung. Die Remscheiderinnen und Remscheider aber können, wenn es soweit kommt, froh sein, in einer Stadt zu leben, die dann damit bereits erste Erfahrungen gesammelt hat.

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