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Von Tränen bis Trost: Ein Tag in der Kinderschutzambulanz

Das Büro der Leiterin, Birgit Köppe-Gaisendrees. Sie schaut sich gerade die Fotos von einem misshandelten Jungen aus der Rechtsmedizin an.
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Das Büro der Leiterin, Birgit Köppe-Gaisendrees. Sie schaut sich gerade die Fotos von einem misshandelten Jungen aus der Rechtsmedizin an.
  • Melissa Wienzek
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Ein Team von 13 Leuten kümmert sich an der Burger Straße um missbrauchte, misshandelte und vernachlässigte Kinder.

Von Melissa Wienzek

Remscheid. Der täglich gelebte Kinderschutz hat die Hausnummer 211. Denn hier an der Burger Straße arbeitet ein Team von 13 Leuten jeden Tag daran, dass es Kindern gut geht. Oder zumindest besser. Denn alle Wunden, die die kleinen Patienten aufweisen, die hier hinkommen, können auch sie nicht heilen. Aber sie versuchen es. Ein Tag in der Ärztlichen Kinderschutzambulanz Bergisch Land.

8 Uhr Als Silke Voß die schwere Holztür des denkmalgeschützten Gebäudes aufschließt, steht bereits eine Überraschung vor der Tür. Dieses Mal ist es nicht das Ordnungsamt, das schon mal bei Inobhutnahmen dazukommt, wenn Eltern das Team oder das Jugendamt gefährden könnten, sondern ein Bote. Er bringt Adventskalender der Firma Vaillant für die Kinder. Denn die Gäste in diesem Haus haben meist nicht viel Erheiterndes in ihrem Leben.

Das Therapiezimmer. Therapeutin Luisa Lüttgens beobachtet hier die Interaktion zwischen Mutter und Kindern.9.30 Uhr Das Telefon im Sekretariat steht nicht still. Nach dem fünften Gespräch mit Jugendämtern und aufgebrachten Eltern sind bereits zig neue E-Mails bei Cindy Derr eingegangen. „Was hier aufschlägt, sind alles Schicksalsschläge“, sagt die Leiterin des Sekretariats. Dieses ist die erste Anlaufstelle für alles und jeden. „Wir müssen uns wegen Terminen oft beschimpfen lassen. Manche Eltern weinen auch am Telefon“, sagt Derr. Denn bis zu einem Erstgespräch können schon mal ein paar Wochen vergehen. Die Kinderschutzambulanz ist bis unters Dach ausgelastet.

Das Therapiezimmer. Therapeutin Luisa Lüttgens beobachtet hier die Interaktion zwischen Mutter und Kindern.

Das Büro der Leiterin, Birgit Köppe-Gaisendrees. Sie schaut sich gerade die Fotos von einem misshandelten Jungen aus der Rechtsmedizin an.10 Uhr Cindy Derr und Silke Voß nehmen die Fälle auf – bislang sind es schon fast 450 dieses Jahr – und schätzen ein: Ist es akut oder kann es warten? „Immer, wenn ein Säugling im Spiel ist, bewerten wir es als Notfall. Man kriegt mit der Zeit ein Gespür dafür“, sagt die gelernte Bankkauffrau Cindy Derr, die keine therapeutische Ausbildung hat. So auch Silke Voß. Sie ist bereits seit 1996 dabei. „Ich weiß genau, wonach ich fragen muss. Manche Geschichten passen einfach nicht. Deshalb halte ich oft Rücksprache mit dem Jugendamt.“ Der Spagat zwischen Professionalität und den eigenen Gefühlen sei schwierig, sagen beide. „Ich erinnere mich an einen Fall von einer Inobhutnahme. Die Mädchen, vier und sechs, hatten sexuellen Missbrauch erlebt. Sie lagen nun im Therapiezimmer von Herrn Roggenkamp und weinten zwei Stunden lang bitterlich. Das hat mich tief berührt“, sagt Derr. Zumal sie selbst Mutter sei. Dieser Fall ereignete sich kurz vor Weihnachten. „Das hat mein Weihnachtsfest begleitet“, gibt sie zu. „Und auch heute noch denke ich jedes Weihnachten an die beiden. Wie gleichgültig manche Eltern sind, ist schlimm.“ 

Das Büro der Leiterin, Birgit Köppe-Gaisendrees. Sie schaut sich gerade die Fotos von einem misshandelten Jungen aus der Rechtsmedizin an.

Die Kinderstation im Sana-Klinikum. Martin Roggenkamp (2. v. l.) und Wolfgang Köppe (r.) gehen mit Dr. Ansgar Thimm und seinem Team die Fälle durch.11 Uhr Dr. Thomas Schliermann empfängt eine Mutter mit zwei kleinen Mädchen (3 Jahre und 2 Monate) zur entwicklungsneurologischen Untersuchung. Die Familie kommt von der Kinderstation im benachbarten Sana-Klinikum. Dort hält die Ärztliche Kinderschutzambulanz fünf Betten für Notfälle bereit. Wie diesen. Die achtfache, alkoholabhängige Mutter mit Gewalthistorie hatte gedroht, mit dem Säugling vom Balkon zu springen. Nun durchlaufen die drei das komplette diagnostische Verfahren in der Ambulanz – und stehen auf der Station unter Beobachtung. Während der Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin bei dem Säugling nichts auszusetzen hat, kann er das größere Mädchen überhaupt nicht untersuchen. Sie weint unablässig und krallt sich an ihrer Mutter fest. „Dieses Verhalten ist für eine Dreijährige nicht normal“, urteilt Dr. Schliermann. 

Die Kinderstation im Sana-Klinikum. Martin Roggenkamp (2. v. l.) und Wolfgang Köppe (r.) gehen mit Dr. Ansgar Thimm und seinem Team die Fälle durch.

12 Uhr Es wird laut im Haus. Poltern, Weinen, laute Gespräche. Therapeutin Heike Kirchner begleitet gerade eine Inobhutnahme. Sie kümmert sich vor allem um Säuglinge – Gefahr ist im Verzug. 

13 Uhr Luisa Lüttgens beobachtet eine junge Mutter und ihre Mädchen (2,5 Jahre und 10 Monate) beim Spielen. Die Therapeutin schaut genau hin. Interaktionsbeobachtung heißt das Instrument, um zu sehen, wie Mutter und Kinder gemeinsam funktionieren. In der Regel nämlich nicht so gut. Zuerst läuft es ganz gut, man spielt mal mit dem Puppenhaus, mal mit den Figuren. Doch als Wolfgang Köppe mit dem Bruder der Mädchen hereinkommt, kippt die Stimmung: Es gibt Streit um den Spiel-Arztkoffer, der in Kneifen, Beißen und Tränen endet. Die Situation entgleitet der Dreifachmutter. „Sie wälzt die Verantwortung immer auf den Jungen ab. Und der will sie gar nicht haben“, urteilt Therapeut Köppe. Luisa Lüttgens holt noch schnell zwei Pullover aus der Spendenkammer – denn der Junge hat nur einen dabei. Und der ist aufgrund einer Bisswunde schon ganz schmutzig.

14 Uhr Auf der Kinderstation im Sana-Klinikum tauschen sich Martin Roggenkamp und Wolfgang Köppe mit dem Chefarzt der Kinderklinik, Dr. Ansgar Thimm, der leitenden Oberärztin und dem Pflegepersonal über die Notfälle der Kinderschutzambulanz auf der Station aus. Im Fall eines Jungen, der seinen Bruder verprügelt hat, steht der Verdacht der Kindeswohlgefährdung im Raum. „Irgendwas muss da passieren“, sagt Dr. Thimm. Man einigt sich darauf, das Jugendamt einzuschalten. Und das war nur einer der fünf Fälle heute.

15 Uhr Birgit Köppe-Gaisendrees sichtet die E-Mails der Rechtsmedizin. Fotos von einem misshandelten Jungen sind dabei. Es ist eindeutig: Der Junge ist sexuell misshandelt worden. „Wir hatten gerade drei Inobhutnahmen. Das Gericht braucht dringend unsere Berichte. Im Alltagsgeschäft kommen wir kaum zum Berichteschreiben, weil wir mit der täglichen Arbeit schon ausgelastet sind“, erklärt die Leiterin der Kinderschutzambulanz.

16 Uhr Dorothea Schauf packt für die Sponsoren kleine Weihnachtspakete. Denn ohne die Spenden, die jedes Jahr etwa 200 000 Euro betragen, kann der Verein nicht überleben.

17 Uhr Teambesprechung. Die Mitarbeiter sprechen nicht nur über die weitere Vorgehensweise bei ihren Schützlingen, sondern sich selbst ein wenig Kummer von der Seele. Derweil kommt noch eine Notfallanfrage herein. Ein ganz normaler Tag in der Kinderschutzambulanz geht zu Ende.

Die Spender

Sie haben bereits gespendet, wofür wir uns herzlich bedanken: Reinhold Walter Peter Wever, Friedhelm und Christa Nierstenhöfer, Wolfgang Hardt, Franz und Ingrid Kalisch, Ursula Hölzl, Kurt und Eva Ursula Gerhartz, Wolfgang Stahnke, Gerd und Regine Heinzel Kunigunde Senft, Marie-Luise Braun, Ulrike Kölker, Margit Erika Bosch, Norbert Ullinger, Friedhelm und Birgit Nolzen, Ingeborg Hilverkus, Jens und Katrin Heckmann, Udo und Edelgard Jäger, Elke Kothe, Manfred und Ursel Schwinghammer, Hartmut Kotthaus, Maria Cornelia Winifred Linke, Gudrun Meta Arnolds, Cornelia Borsch, Michael Möhrke, Karin Wallner, Ulrike Gerda Knull, Werner Haupt, Irmgard Haupt, Annegret Wirwahn, Rosemarie Proll, Karl-Heinz und Ingeborg Kruger, Horst und Christa Hager.

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