Brauch

Die Tradition wird auch in der Pandemie bewahrt

Auch in der Pandemie wird zu Weihnachten gebeiert: Nikola Hansens (l.) und Claudia Pior. Foto: Doro Siewert
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Auch in der Pandemie wird zu Weihnachten gebeiert: Nikola Hansens (l.) und Claudia Pior.

Auch ohne Gottesdienst wurde in Lüttringhausen gebeiert.

Von Peter Klohs

Lange hatte das Team um Dr. Felix Nolzen überlegt und diskutiert, ob man in Pandemie-Zeiten die Tradition des Beierns fortführen kann. Letztendlich war die Antwort: Ja, das müssen wir machen. „Gerade wegen Corona war es uns wichtig, dass die Menschen auch noch etwas Vertrautes erleben und hören können“, sagt der Lüttringhauser Zahnarzt. Mit veränderten Beier-Zeiten und einem coronabedingten Sicherheitskonzept konnte der aus dem Mittelalter stammende Brauch auch in diesem Jahr stattfinden.

Die von Hand angeschlagenen Kirchenglocken sollen die Gläubigen zum Gottesdienst rufen. Da jedoch in der evangelischen Kirche zu Lüttringhausen kein Gottesdienst möglich war, hatte sich das Team der Gemeinde etwas anderes überlegt: Kirche to Go sozusagen, eine Handvoll Stationen innerhalb der offenen Kirche, die von Besuchern im streng vorgegebenen Rhythmus erkundet werden konnten.

Heiligabend, 16 Uhr. Der Aufstieg zur Beierstube wird mit den Jahren auch nicht leichter. Noch höher trauen sich nur die Schwindelfreien, zu denen auch Marc und Sebastian Brüninghaus zählen, die beiden trompetenspielenden Musiker, die das heutige Beiern durch weihnachtliche Musik aus der Spitze des Kirchturms unterstützen. Wie gemunkelt wird, ist der Weg nach ganz oben höchst gewöhnungsbedürftig und nichts für unter Höhenangst Leidende.

Nachdem die anwesenden Männer die Glocken „umgehängt“ haben, kommt es schon zu einer kleinen Probe. Felix Nolzen zählt auf „Vier“ vor, und los geht’s mit dem speziellen Beier-Rhythmus, der jeder Gemeinde, die den alten Brauch pflegt, eigen ist. In jedem Vierertakt schlägt die große Glocke einmal, die mittlere zweimal und die kleine Glocke viermal.

Um 16.30 Uhr beginnen die Gebrüder Brüninghaus gut zwanzig Meter höher als die Beiersleute mit drei kurzen Weihnachtsliedern. Die Kommunikation zwischen den beiden Teams geschieht mit einer Trillerpfeife. „Wir sind fertig“, soll das Zeichen heißen, und sofort legen Felix Nolzen, Claudia Pior und Nikola Hansens los. Nach etwas mehr als fünf Minuten Glockengetön hört man Melodielinien und Instrumente, die unmöglich mitspielen können: Unter- und Obertöne sowie Schwingungen könnten für die Halluzination sorgen. Pause. Die Trompeten spielen noch einmal. Der in der Beierstube stehende Weihnachtsbaum wird mit Kerzen bestückt. „Wer will ein Getränk zur Desinfektion des Mund- und Rachenraums?“, fragt Felix Nolzen schmunzelnd. Fast alle genehmigen sich ein klares und anscheinend hochprozentiges Stärkungsmittel. Wohl bekomms.

„Der harte Kern der Beiersleute ist immer dabei“, sagt Dr. Nolzen. „Absagen wegen Corona hat es nur sehr wenige gegeben. Auch Patrick und Lukas Halbach können in diesem Jahr wegen eines Todesfalls in der Familie nicht teilnehmen. Aber Helga Enselmann ist – wie jedes Jahr – auch jetzt wieder dabei, Adrian Wattenberg ebenso, insgesamt sind wir sieben.“

Obwohl der traditionelle Gottesdienst am frühen Weihnachtsmorgen in diesem Jahr nicht stattfindet, kommen die Beiersleute um 6 Uhr am Morgen des 1. Weihnachtstages zusammen und beiern wie gewohnt. „Nicht so früh wie in normalen Jahren“, freut sich Claudia Pior, „aber wir halten die Tradition gerne aufrecht.“

Danach mag der Glockenturm wieder verwaisen. Zumindest bis zum nächsten Weihnachtsfest.

Hintergrund

Das Wort „beiern“ hat seinen Ursprung im Französischen und bedeutet „Bellen“ oder „Anschlagen“. Das englische Wort „bell“ gehört zum gleichen Wortstamm. Am 2. September 2012 begab es sich, dass ausnahmsweise auch von der katholischen Kirche gebeiert wurde, zunächst abwechselnd mit den evangelischen Kollegen, dann gemeinsam. Beide Kirchtürme sind etwa 200 Meter voneinander entfernt.

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