Stadt ist offen für ein Gespräch

Tierschützer fordern ein Taubenhaus für Remscheid

Die Taubenschützer um Andrea Schneider (l.) tauschen regelmäßig vorgewärmte Plastikeier gegen Bruteier im Kaufland-Parkhaus aus. Das Ziel: Verringerung der Population ohne Vergrämung.  
+
Die Taubenschützer um Andrea Schneider (l.) tauschen regelmäßig vorgewärmte Plastikeier gegen Bruteier im Kaufland-Parkhaus aus. Das Ziel: Verringerung der Population ohne Vergrämung.  

Tierschützer tauschen zur Verringerung der Population Eier im Kaufland-Parkhaus aus.

Von Melissa Wienzek

Verringerung der Population ohne Vergrämung.  

Remscheid. Sie werden getreten, überfahren, gejagt oder hilflos liegen gelassen: Tauben. Um die Tiere, die viele abschätzig als „Ratten der Lüfte“ bezeichnen, kümmert sich eine private Gruppe von rund 20 Remscheider Tierschützern. Aktiv sind sie vor allem im Kaufland-Parkhaus am Brücken-Center im Südbezirk: Hier lesen die Ehrenamtler nicht nur verletzte Küken und adulte Tiere auf und kümmern sich um sie, sondern sie tauschen vor allem Bruteier gegen Plastikeier aus. Damit soll die Population eingedämmt werden, ohne dass die Tiere vergrämt oder verletzt werden.

Seit dem 19. September 2021 haben sie dort 60 Eier getauscht. „Das sind 60 Tauben, die gar nicht erst geboren wurden“, betont Andrea Schneider. Mit dem Hausmeister stehen die Tierschützer in einem guten Kontakt. Der alarmierte die Gruppe auch zuletzt, als sich zwei Tauben in den angebrachten Netzen am Eingang des Brücken-Centers verheddert hatten. Für diese hatten sich die Tierschützer ebenfalls starkgemacht.

Die Tauben brüten gerne auf den Querträgern über den Parkflächen – Kot fliegt dann auf die Autoscheiben, angedötschte Eier oder auch so manches Küken landen zwischen den Einkäufen im Wagen. Den Unmut der Leute kann Andrea Schneider verstehen. „Keiner möchte die Scheiße sehen. Aber die Tiere zu jagen oder sie zu quälen – das geht gar nicht.“ Die Stadt werde dem Problem nicht mehr Herr. Daher bringen die Tierschützer nun ein Taubenhaus ins Gespräch, das es bereits in anderen Städten gibt.

Tauben hinterlassen Kot: Stadt will häufiger reinigen

Denn nicht nur im Kaufland-Parkhaus und unter der Brücke Bismarckstraße leben Tauben, sondern auch am Zentralpunkt, am Wasserturm Berghauser Straße, an der oberen Alleestraße, in einem Parkhaus am Markt und vermutlich in mehreren leerstehenden Gebäuden Remscheids. Gerade erst hat Bezirksbürgermeister Stefan Grote (SPD) wieder Fotos zugespielt bekommen von einem kotüberzogenen Bürgersteig unter der Eisenbahnbrücke Bismarckstraße. Hier leben laut Andrea Schneider etwa 100 Tauben. „Wenn es dann noch regnet, kann es schnell gefährlich werden“, sagt Grote. Die Fotos hat er genauso ans Ordnungsamt und an die Technischen Betriebe weitergeleitet wie ein Foto von abgestellten Säcken mit Maiskörnern unter der Brücke Neuenkamper Straße. Denn Tauben füttern ist verboten. Die TBR hatten zuletzt bekundet, öfter den Gehweg unter der Eisenbahnbrücke zu reinigen. Mehr ist nicht drin, denn Eigentümerin ist die Deutsche Bahn.

Dass sich nun jemand des Themas im Süden annimmt, findet Grote gut. Erfahrung mit Taubenhäusern hat er nicht.

So auch nicht Rechtsdezernentin Barbara Reul-Nocke (CDU). Sie steht dem Vorhaben aber offen gegenüber. „Man müsste sich den Vorschlag der Tierschützer einmal in Ruhe anhören. Ich stehe gerne für ein Gespräch zur Verfügung.“

„Wir kümmern uns um die Tiere, um die sich keiner kümmern will.“

Andrea Schneider

Im nächsten Schritt würde sie sich auch bei den Kollegen in Wermelskirchen oder Solingen erkundigen. Beide Nachbarstädte prüfen derzeit die Einrichtung eines speziellen Taubenhauses, in denen die Tiere ordentlich gefüttert, tierärztlich überwacht und Bruteier ausgetauscht werden. Das Bergische Veterinäramt, das auch für Remscheid zuständig ist, steht dem Vorhaben in Solingen positiv gegenüber.

Aber ein Taubenhaus kostet. „Das Geld, das viele Geschäftsleute ausgeben für Netze und Vergrämungsmaßnahmen wie Spikes, auf denen die Tiere teilweise aufgespießt werden, könnte man in ein Taubenhaus investieren. Das wäre auf Dauer günstiger und artgerecht. Und so würde man auch die Taubenhasser erreichen.“ Eine Win-Win-Situation, findet Andrea Schneider. Sie möchte dem OB oder der Bezirksvertretung bei einer nächsten Bürgersprechstunde ihren Vorschlag öffentlich unterbreiten. „Letzten Endes ist es Aufgabe einer Kommune.“

Der Remscheiderin und ihren Mitstreitern ist zudem eines wichtig: Verständnis. Denn auch Tauben seien Tiere – und die gingen einfach nur ihrem natürlichen Verhalten nach. „Der Mensch hat ihnen den Brutzwang anerzogen.“ Tauben brüteten mindestens fünf bis sechs Mal im Jahr, meist zwei Eier pro Gelege, und seien standorttreu. Die heutigen gefiederten Vertreter stammten alle von der Felsentaube ab, die nicht auf Bäumen, sondern in Häuser brüte. „Es sind Nachkommen ausgesetzter Haustiere“, betont Schneider.

Auch, wenn irgendwo in Remscheid verletzte Tauben oder Küken gefunden werden, sind die Remscheider da. Dazu gibt es eine eigene Facebookseite „Bergische Tauben und Wildvogelhilfe Remscheid“. Die Tierschützer päppeln sie auf, lassen sie von Tierärzten auf eigene Kosten versorgen. Auch der Kontakt zu TBR, Ordnungsamt, Feuerwehr und Tierheim sei gut, betont Schneider. „Wir kümmern uns um die Tiere, um die sich keiner kümmern will.“ Mittlerweile sei das Problem aber so groß, dass die Gruppe am Ende ihrer Kräfte sei.

Gutachten

Die Taubenschützer machen auf ein neues Gutachten aufmerksam, das von Dr. Kathrin Herrmann, Tierschutzbeauftragte des Landes Berlin, in Auftrag gegeben wurde. Der Tenor: Das Füttern von Stadttauben dürfe nicht verboten werden, denn Stadttauben seien keine Wild-, sondern Haustiere. Kommunen hätten eine Fürsorgepflicht. In München wollen die Grünen das Fütterungsverbot aufheben und die Vögel nicht mehr ihrem Schicksal überlassen. Das Verbot sei moralisch und juristisch nicht in Ordnung.

Standpunkt: Darüber könnte man brüten

melissa.wienzek@rga.de

Kommentar von Melissa Wienzek

Wer im Sommer mit offenem Schiebedach unter der Eisenbahnbrücke Bismarckstraße wegen des Rückstaus halten muss, hat verloren: Rund 100 Tauben grüßen dort mit dem Hinterteil von oben. Auch der Bürgersteig wird oft zur Rutschpartie. Das ist schon ziemlich unappetitlich. Und tote Küken, die im Kaufland-Parkhaus von der Decke fallen, braucht wohl auch niemand zwischen Wirsing und Kartoffeln im Einkaufswagen. Dennoch: Auch Tauben sind Tiere. Sie zu jagen, zu überfahren oder zu quälen, geht gar nicht. Insofern ist das Engagement der Tierschützer lobenswert. Sie versuchen, mit dem Eier-Tausch die Population der Stadttauben in diesem Bereich zu senken. Doch ihre ehrenamtliche Arbeit gleicht einem Kampf gegen Windmühlen. Denn das Problem ist viel größer. Die Idee eines Taubenhauses könnte eine gute Lösung sein. Andere Städte haben damit bereits gute Erfahrungen gemacht. Hiermit wäre allen geholfen: Die Tauben würden in einer zentralen Stelle ordentlich versorgt, ihre Bruteier gegen Plastik ausgetauscht und somit die Population gesenkt – und die Stadt würde wieder sauberer.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Corona: In den Arztpraxen droht neues Ungemach
Corona: In den Arztpraxen droht neues Ungemach
Corona: In den Arztpraxen droht neues Ungemach
Frau (40) zerkratzt Autotür während Fahrer im Wagen sitzt
Frau (40) zerkratzt Autotür während Fahrer im Wagen sitzt
Frau (40) zerkratzt Autotür während Fahrer im Wagen sitzt
Lennep: Planer kosten 200.000 Euro
Lennep: Planer kosten 200.000 Euro
Lennep: Planer kosten 200.000 Euro
3. Oktober: Bäcker, Blumen, Tankstelle - Wer darf öffnen?
3. Oktober: Bäcker, Blumen, Tankstelle - Wer darf öffnen?
3. Oktober: Bäcker, Blumen, Tankstelle - Wer darf öffnen?

Kommentare