Interview der Woche

„Herr Graf, wie wollen Sie die Menschen zurückholen ins Theater?“

Sven Graf ist künstlerischer Leiter im Theater.
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Sven Graf ist künstlerischer Leiter im Theater.
  • Melissa Wienzek
    VonMelissa Wienzek
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Nach Corona bleiben die Besucher noch aus. Was Sven Graf, künstlerischer Leiter des Teo Otto Theaters, dazu sagt und was er anders machen will.

Herr Graf, zuletzt tanzten Tausende auf dem Rathausplatz bei der 90er-Party, schlemmten Tausende beim Park Food Festival, während die Kulturstätten mangels Masse Veranstaltungen absagen müssen. Legen die Remscheiderinnen und Remscheider noch Wert auf Kultur?

Sven Graf: Ich denke, diese Unterscheidung ist trügerisch. Aber ja: Manchmal verleitet einen das zu der Frage: Ist die Zeit abgelaufen für die Kultur? Ich versuche es, so zu beantworten: Die ersten Höhlenmalereien sind 30.000 Jahre alt. Kreativität, Neues zu erschaffen und die Welt zu strukturieren, sind zutiefst menschliche Bedürfnisse. Diese werden nicht vergehen, nur weil sich das Konsumverhalten ändert. Aber wir müssen in dieser Krise garantiert die Chance nutzen, wieder mehr Menschen in diesen kreativen Prozess zu integrieren.


Wie hoch ist der Besucherrückgang derzeit im Teo Otto Theater?

Graf: Im Allgemeinen ist das schwierig zu sagen. Einige kleinere Vorstellungen waren sogar gefühlt teils besser besucht als vor Corona, einige größere teils schlechter. Grob geschätzt, würde ich sagen, dass wir zurzeit Einbußen von etwa 50 Prozent im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten haben.


Jetzt, nachdem alle Corona-Maßnahmen gelockert wurden, kommt das Publikum dennoch nicht wie erhofft zurück in die Kulturstätten. Was glauben Sie, woran das liegen könnte?

Graf: Das ist genau die Frage, die sich alle Theater in Deutschland gerade stellen. Es ist sicher ein multikausales Problem. Es gibt nicht die eine Antwort darauf. Es hat aber sicherlich mit Corona zu tun. Es hat damit zu tun, dass sich das Konsumverhalten geändert hat, dass man es sich daheim schön eingerichtet hat auf dem Sofa.

Es hat aber auch damit zu tun, dass man derzeit als Theater nicht mehr in der Wahrnehmung als mögliche Veranstaltungsoption vorhanden ist. Klar, wer ein Abo hat, der wird regelmäßig erinnert. Der Rest nicht unbedingt. Und nicht zuletzt hat es auch mit dem schönen Wetter zu tun. Veranstaltungen draußen sind da die prädestinierten. Das ist alles nicht final ausschlaggebend, aber alles auch nicht irrelevant.

Alle RGA-Interviews der Woche finden Sie hier.


Was erhofft sich das Teo Otto Theater von der Besucherumfrage, die genau deswegen noch bis 27. Juni durchgeführt wird?

Graf: Wir wollen genau diese vielen Gründe, die wir vermuten, erfragen und ergründen. Wir wollen erkennen, was wirklich ausschlaggebend ist, was vielleicht aber auch nicht. Ist es wirklich noch die Sorge vor Corona oder spielt das schon keine Rolle mehr?

Gleichzeitig ist die Umfrage so gestrickt, dass sie sich auch an diejenigen richtet, die gar nicht ins Theater kommen. Wir erhoffen uns dadurch einen Input, um das besser zu begreifen. Damit wir uns dann überlegen können, wie man dem begegnet, wie wir die Leute zu einem kreativen Prozess einladen können. Denn dieser entsteht mit dem Publikum gemeinsam bei jeder Veranstaltung neu.

Wie wollen Sie denn die Leute mit der Umfrage erreichen, die gar nicht ins Theater kommen?

Graf: Indem man all diejenigen, die häufiger kommen, bittet, die Umfrage weiterzugeben. Meine Bitte geht daher derzeit an alle, denen Kunst und Kultur nicht gänzlich egal ist: Schenkt uns zehn Minuten und helft damit der ganzen Kultur.


Welche Ideen gibt es bereits, um das Publikum zurückzugewinnen?

Graf: Auch hier: Wir dürfen nicht nur an die Rückgewinnung, sondern verstärkt an die Neugewinnung gehen. Unser gewogenes Publikum wird weniger, und es kommen nicht mehr so viele jüngere nach. Das ist ein altbekanntes Problem der Theater der letzten 10 bis 20 Jahre. Insofern sind wir noch mehr in der Pflicht, auch in die Neugewinnung zu gehen. Aber ja, es gibt Ideen.

Wir wollen im ersten Schritt alles wieder herstellen, wofür man uns schätzt. Wir wollen das Theater wieder zu einem gesellschaftlichen Ort des Zusammenseins machen, an dem man ein Getränk nimmt, angeregt unterhalten wird, sich wohlfühlt. Wir führen Aboreihen wieder ein. Und wir versuchen, unsere Ansprache zu erweitern. Denn die Annahme ist, dass viel mehr Menschen bei uns im Programm etwas finden würden, wenn wir überhaupt für sie infrage kämen.


Wie wichtig sind dabei ganz bestimmte Zielgruppen für Sie?

Graf: Natürlich denken wir in Zielgruppen und schauen, wie wir eine konkrete Ansprache schaffen. Gleichzeitig darf man sich aber nicht zu sehr darin verfangen. Man muss die Zielgruppe ja auch clever zusammenfassen. Nur nach Alter zu definieren, reicht nicht aus. Ich glaube, junge wie ältere Leute haben gern geistreiche Dinge, die sich mit unserer Gegenwart befassen und hören alle gern Musik unterschiedlicher Couleur. Es geht vielmehr darum, diese unterschiedlichen Gruppen zusammenzubringen und bei uns im Haus einen sinnvollen und guten Austausch zu ermöglichen.


Wer Menschen für Kultur begeistern will, muss früh anfangen. Wie erreichen Sie bereits die kleinsten Besucher?

Graf: Unter anderem mit unserem jungen Programm, das wir erweitert haben. Wir haben nun ein niedrigschwelliges Angebot für Eltern mit ihren Kindern im oberen Foyer. Bei dieser Kindervorstellung gibt es Sitzsäcke und eine gemütliche Atmosphäre, Kinder können auch mal aufstehen. Eltern können das dann selbst mehr genießen.

Zudem haben wir einen Poetry Slam zwei Mal im Jahr neu im Programm. Dies sind alles Ansatzpunkte, um mehr Menschen anzusprechen. Die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Kultur muss man sich dennoch stellen. Aber ich denke, wir sind gut gewappnet, diese auch gut zu beantworten.

Was macht Sie da so sicher?

Graf: Das Bedürfnis, sich kulturell zu betätigen - mit Texten, musikalisch, tänzerisch -, ist doch vorhanden. Man muss nur diese Einladung, ein kulturelles Leben zu gestalten, wieder richtig fassen. Kreativität, das Schaffen von Sinn, das Strukturieren der Welt, teilzuhaben, ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis - und das wird im kulturellen Rahmen ganz stark bedient.


Muss sich das Theater vielleicht ganz neu aufstellen? Mehr rausgehen mit seinen Angeboten?

Graf: Es muss auf jeden Fall ständig überdenken, ob es das muss. Man muss sich ernsthaft fragen: Was ist notwendig? Manchmal ist es eine andere Ansprache. Manchmal ist es, ein Angebot in einem größeren Bereich zu schaffen. So wie wir es mit der Company in Residence gemacht haben. Bei der KreaConvention am vorletzten Wochenende hatten wir allein bei den Workshops 65 Tänzerinnen und Tänzer dabei. Es geht nicht um ein Anbiedern. Es geht darum, kreativ mit den Bedürfnissen der Menschen umzugehen. Deshalb sind wir auch mit Klassenzimmerstücken in Schulen gegangen, um dort die kulturelle Grundversorgung wieder herzustellen.


Die neue Spielzeit beginnt Anfang September. Warum sollten die Remscheiderinnen und Remscheider dann unbedingt wieder ins Theater kommen?

Graf: Wir haben ein wirklich vielseitiges Programm mit jeder Menge guter Unterhaltung. Mal lustig, mal grüblerisch, aber immer unterhaltsam. Ich möchte die Remscheiderinnen und Remscheider zudem dazu einladen, sich den Moment zurückzuerobern. Bei uns gibt es keine beliebige Reproduzierbarkeit des immer Gleichen, jede Aufführung ist anders.

Theater bereichert die eigene Welt. Es ist ein Ort, an dem man mit Menschen zusammenkommt, denen man sonst nie begegnen würde. Ein Ort zum Grübeln, Rätseln, Nachdenken. Aber auch ein Ort, an dem man völlig ahnungslos sein darf, ohne vorgeführt zu werden, mit genug Zeit, Dinge zu überdenken, ohne sich streiten zu müssen. Bei uns geht niemand ärmer raus, als er reingegangen ist. Für mich ist das gerade nach Corona ein großer Beitrag zum inneren Heilungsprozess.

Zur Person

Sven Graf: Der gebürtige Freiburger Sven Graf (40) studierte Kultur- und Medienmanagement in Berlin. Er schloss 2013 mit dem Master ab. 2005 bis 2010 gehörte er zur Leitung des Theaters 1098 Freiburg. Ab 2013 war er Leiter der Abteilung Tanz und Entertainment bei der Konzertdirektion Landgraf. Seit September 2019 ist er künstlerischer Leiter des Teo Otto Theaters, zunächst mit einer Dreiviertelstelle. Zuletzt stockte der Stadtrat diese auf eine volle Stelle auf.

Besucherumfrage: www.teo-otto-theater.de/theater/besucherumfrage

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