Verkehr

Blitzer schoss 2021 in Remscheid bereits 5500 Fotos

War gut sichtbar: Der graue Kasten stellte in der Altstadt keine Tempoverstöße fest. Wohl aber mehrere Radfahrer, die entgegen der Einbahnstraßenrichtung unterwegs waren. Foto: Roland Keusch
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War gut sichtbar: Der graue Kasten stellte in der Altstadt keine Tempoverstöße fest. Wohl aber mehrere Radfahrer, die entgegen der Einbahnstraßenrichtung unterwegs waren.
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Das Gerät stand zuletzt in der Lenneper Altstadt – und war dort gut sichtbar. Auch künftig soll Michael in Lennep zum Einsatz kommen.

Remscheid. Michael haben die Mitarbeiter der Stadtverwaltung den grauen Kasten getauft, der seit dem vergangenen Jahr insbesondere an der Freiheitstraße Temposünder aufspürt und fotografiert. Das Besondere: Das Gerät lässt sich im Gegensatz zu stationären Blitzern an unterschiedliche Standorte versetzen. Es ist somit unberechenbar, wo es steht. Bisherige Bilanz 2021: Michael stellte 5500 Verstöße fest, die Verwarn- beziehungsweise Bußgelder in Höhe von 140 000 Euro nach sich zogen. „Dabei handelt es sich aber um einen Bruttowert. Einsatzfahrten von Polizei und Feuerwehr müssen davon abgezogen werden“, berichtet Ordnungsamtsleiter Jürgen Beckmann.

Zuletzt feierte Michael seine Premiere in der Lenneper Altstadt, wo Schrittgeschwindigkeit vorgeschrieben ist. Ergebnis: Zwischen 30. Juli und 5. August zählte er 4500 Durchfahrten. „Und kein Fahrer lag über dem Grenzwert, den wir bei 19 Stundenkilometern festgesetzt hatten“, bilanziert der Behördenleiter.

„Wir zielen generell nicht darauf ab, größtmögliche Einnahmen zu bekommen.“

Ordnungsamtschef Jürgen Beckmann

Dies führt er darauf zurück, dass der Kasten gut sichtbar am Rande der Berliner Straße stand – und schon von weitem zu erkennen war. „Wir zielen generell nicht darauf ab, größtmögliche Einnahmen zu bekommen. Es geht darum, darauf hinzuwirken, dass sich die Verkehrsteilnehmer diszipliniert an die Regeln halten“, hebt er hervor. Offenbar bestand in der Altstadt der Verdacht, dass dies häufig nicht der Fall ist. „Wir wollten verdeutlichen, dass wir auch hier kontrollieren“, fügt Ordnungsamtschef Jürgen Beckmann hinzu.

Das zeigte Wirkung, wie Willi Oberlis, Vorsitzender von den Lenneper Pilgerfreunden berichtet. Er ist an der Berliner Straße ehrenamtlich im Lennep Laden im Einsatz und konnte beobachten, wie der graue Kasten die Fahrer bremste: „Sie sind deutlich langsamer unterwegs gewesen.“ Sein Eindruck: Das Tempolimit werde wieder häufiger ignoriert, seit Michael verschwunden ist. „Erst kürzlich habe ich einer jungen Frau geholfen, die mit dem Kinderwagen und einem kleinen Kind an der Hand, unseren Laden verlassen musste.“ Beim Betreten des Straßenrands sei er beinahe von einem Pkw angefahren worden. „Das war knapp.“

Sorgen um die Kinder macht sich David Schmidt, Leiter der Schule für Musik, Tanz und Theater in der Altstadt. „Es wird hier auf Teufel komm’ raus gerast“, erklärt er mit Blick auf die Zustände rund ums Rotationstheater, dessen Schule im Schnitt 350 Mädchen und Jungen pro Woche besuchen.

Temposünder an der Kölner Straße: David Schmidt sorgt sich um die Kinder

Schmidt lobt die Kontrollaktion des Ordnungsamtes und wünscht sich eine Wiederholung – aber an der Kölner Straße in der Altstadt, wo Fahrer den Hang zuweilen mit großem Tempo hinunterdonnern, wie er erklärt.

David Schmidt hatte sich nicht nur diesbezüglich an die Lenneper Bezirksvertretung gewandt, sondern auch beklagt, dass Autos kreuz und quer in der Altstadt abgestellt werden. Dies führe ebenso zu Gefahrensituationen, wie er anmerkt. „Ich bin froh, dass ich Gehör finde.“

Michaels Standort in der Altstadt war nicht sein erster Einsatz in Lennep: „Er stand auch schon an der Mühlenstraße“, berichtet Behördenchef Jürgen Beckmann. Grundsätzlich könne das Amt den Blitzer dort platzieren, wo es „objektive Notwendigkeiten“ gebe und sich besonders schutzbedürftige Gruppen aufhalten – also zum Beispiel an Kindergärten, Schulen oder Altenheimen. In der Freiheitstraße geht es insbesondere um Lärmschutzschutz. Dort soll das Gerät dafür sorgen, dass sich die Fahrer an Tempo 30 in der Nacht halten.

Blitzer

Die semistationäre Anlage ist Teil der Gesamtstrategie, mit der die Stadt Remscheid den fließenden Verkehr überwacht. Unter anderem stehen den Außendienstmitarbeitern zusätzlich drei Messfahrzeuge zur Verfügung, mit denen sie kreuz und quer im Stadtgebiet unterwegs sind. Hinzu gesellen sich die stationären Starenkästen – etwa an der Solinger Straße. Rund drei Millionen Euro pro Jahr kommen durch die Verstöße im fließenden und ruhenden Verkehr für die Stadt zusammen.

Standpunkt

frank.michalczak@rga.de

Kommentar von Frank Michalczak

Für die einen ist der Kasten ein Ärgernis, weil sie auf der vielbefahrenen Bundesstraße 229 versehentlich nach 22 Uhr schneller als 30 Stundenkilometer unterwegs waren – und geblitzt wurden. Andere sehnen das Gerät herbei, das in ihrem Wohnumfeld Tempoverstöße aufspürt und Raser ausbremst. Kurzum: Michael, wie die semistationäre Blitzanlage im Rathaus genannt wird, scheidet die Geister. Fest steht, dass Michael seinen Kaufpreis in Höhe von 220 000 Euro bereits erwirtschaftet hat. Denn bei ihm tritt eben kein Gewöhnungseffekt wie bei den fest montierten Starenkästen ein, die zumeist schon seit Jahren in Remscheid an Ort und Stelle stehen. Und da mag man sich nun über diese oder anderen Kontrollen aufregen oder nicht: Sie sind nötig, weil ansonsten die allgemeinen Spielregeln im Straßenverkehr noch stärker missachtet würden. Deshalb spült Michael zwar Geld in die Stadtkasse. Von Abzocke auf Kosten unbescholtener Autofahrer kann dabei jedoch keine Rede sein, auch wenn zuweilen an Stammtischen oder in den sozialen Netzwerken das Gegenteil behauptet wird.

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