Interview

Tafel-Vorsitzender: „Bei uns gibt es keinen Aufnahmestopp“

Frank vom Scheidt (59) ist Vorsitzender des Vereins Remscheider Tafel.
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Frank vom Scheidt (59) ist Vorsitzender des Vereins Remscheider Tafel.
  • Melissa Wienzek
    VonMelissa Wienzek
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Tafel-Vorsitzender Frank vom Scheidt über immer mehr Kunden und eine solidarische Stadtgesellschaft.

Herr vom Scheidt, bundesweit gilt in vielen Städten aktuell bei der Tafel ein Aufnahmestopp. Wie sieht es in Remscheid aus?

Frank vom Scheidt: Wir sind stolz darauf, dass wir gerade das nicht tun mussten. Sowohl während Corona hatten wir durchgängig auf, und auch 2022 haben alle Ausgaben stattgefunden. Wir mussten keinen Aufnahmestopp verhängen – und das ist auch unser Ziel für das neue Jahr 2023. Durch die Spendenbereitschaft konnten wir bisher immer noch alle Kundinnen und Kunden versorgen. Deshalb sind wir froh, dass wir zurzeit so viele Lebensmittel- und Geldspenden erhalten.

In den vergangenen zwei Wochen gab es keine Ausgaben in Remscheid, die Ehrenamtler hatten auch mal frei. Haben Sie daher vor den Feiertagen mehr ausgegeben, damit die Menschen über die Runden kamen?

Vom Scheidt: Nein, wir haben nicht mehr ausgegeben, einfach deshalb, weil wir nicht mehr Lebensmittel vor Weihnachten bekommen haben. Und Obst und Gemüse kann man nicht zwei Wochen lagern. Das sind die zwei Wochen im Jahr, in denen sich die Menschen selbst helfen müssen. Wir machen diese Pause, um den Ehrenamtlern und Beschäftigten der Tafel auch mal eine Pause zu gönnen. Am Montag, 9. Januar, geht es wieder los. Ich bin gespannt, was ich dann höre. Aber ich gehe von einer weitgehend normalen Lage aus.

Reichen die Lebensmittel, die die Discounter und Bäckereien aktuell spenden, überhaupt aus, um der gestiegenen Nachfrage in Remscheid Herr zu werden?

Vom Scheidt: Nein. Seit Juni 2022 haben wir 30 Prozent mehr Kunden. Es handelt sich hierbei um ukrainische Flüchtlinge, die wir ebenfalls versorgen. Ihnen haben wir allein 726 neue Ausweise ausgestellt. Daher haben wir im Tafel-Vorstand im Juni 2022 beschlossen, Obst und Gemüse zuzukaufen. Über den Oberbürgermeister und den Sozialdezernenten hatten wir die Möglichkeit bekommen, dafür bis Ende 2022 Geld aus dem Ukraine-Topf zu erhalten. Seitdem fahren wir zum Großmarkt nach Wuppertal und kaufen dort frisches Obst und Gemüse zu. Wenn wir das nicht hätten, dann würde es nicht reichen. Generell schwankt es natürlich: Wir erhalten mal mehr, mal weniger Lebensmittelspenden. Aber dieses Abkommen mit der Kommune und der Zukauf sind ein guter Stützpfeiler – weswegen wir bislang eben auch keinen Aufnahmestopp verhängen mussten. Insgesamt läuft es in Remscheid sehr gut, die Stadtgesellschaft trägt uns. Die RGA-Hilfsaktion Helft uns helfen ist das beste Beispiel dafür. Außerdem haben wir in der Weihnachtszeit sehr viele und hohe private Spenden bekommen. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle einmal ganz herzlich bei allen Remscheiderinnen und Remscheidern bedanken. Das ist ein sehr gutes Gefühl für uns. Letztlich kommt es den Kundinnen und Kunden zugute.

Warum zählt die Remscheider Tafel immer mehr Kundinnen und Kunden?

Vom Scheidt: Der Hauptgrund ist, wie gesagt, die Versorgung von ukrainischen Flüchtlingen. Vielleicht kommt aber auch der eine oder andere, der sich früher gescheut hat, jetzt eher zu uns. Die wirtschaftliche Lage und die gestiegenen Energiepreise haben sich noch nicht so bei uns niedergeschlagen, auch die Einkommensgrenzen ändern sich erst mal nicht. Wer ein monatliches Einkommen unter 1200 Euro hat, ist anspruchsberechtigt.

Wer sind die Kunden, die zu einer der acht Ausgabestellen in Remscheid kommen?

Vom Scheidt: Oft kursiert das Bild, es kämen viele Rentnerinnen und Rentner zu uns. Das sind aber nur wenige. Ansonsten ist unsere Klientel bunt gemischt, alle Altersstrukturen finden sich wieder. Es handelt sich um Familien mit Kindern, auch um solche mit vielen Kindern, aber auch um Alleinstehende. Sowie um ukrainische Flüchtlinge.

Werben Sie eigentlich offensiv um neue Lebensmittelspenden oder kommen die Unternehmen auf Sie zu?

Vom Scheidt: Wir haben einen Stamm an Lebensmittelspendern, der weitgehend konstant ist. Zum Beispiel Aldi. Als der von der Kirchhofstraße ins Allee-Center verlagert hat, meldete sich die Regionalleitung bei uns und regelte alles, so dass wir nun auch im Center Lebensmittel abholen können. Vereinzelt gehen wir selbst auf Läden zu. Zum Beispiel sind wir jetzt mit der Metro ins Geschäft gekommen. Dort können wir nun ab und zu samstags Lebensmittel abholen. Auch beim Großmarkt in Wuppertal können wir ab und an etwas mitnehmen. Wir sind aber so gut aufgestellt, dass es nicht mehr viele Lücken gibt. Es sind nicht nur die Discounter, die uns unterstützen, sondern auch regionale Bäckereien und Unternehmen wie Nudeln Steinhaus. Darüber sind wir sehr dankbar.

Sie erfüllen als Verein eine wichtige Aufgabe für die Remscheider Stadtgesellschaft. Ein Verein versorgt hier mit überwiegend ehrenamtlichen Kräften seit 25 Jahren bedürftige Personen – auch ein Grund, warum der RGA dieses Jahr mit seiner Hilfsaktion Helft uns helfen die Tafel unterstützt. Müssten Sie mehr finanzielle Hilfe von Kommune, Land oder Bund erhalten?

Vom Scheidt: Die Kommune hilft uns bereits sehr gut. Wir können zum Beispiel das Gebäude Wülfingstraße 1 für unser Sekretariat, das Kühlhaus und die Logistik kostenfrei nutzen, wir zahlen weder Miete noch Energiekosten. Das ist eine deutliche Unterstützung der Kommune, wofür wir sehr dankbar sind. Und auch die Nutzung des Ukraine-Spendentopfs ist für uns eine wichtige kommunale Hilfe. Das Land hat zudem zuletzt eine Unterstützung der Tafeln ins Leben gerufen: Die Tafelvereine konnten fünf Monate lang maximal jeweils 1500 Euro bekommen. Man musste dafür aber Miete und Energiekosten nachweisen. Da wir diese Kosten aber nicht haben, blieben bei uns ,nur‘ Sprit und Fahrzeugkosten in Höhe von 1000 Euro monatlich übrig. Ich finde es aber auch gut, wenn eine Stadtgesellschaft dann einspringt und nicht immer direkt nach dem Staat geschrien wird. Insofern: Nein, ich finde es gut, wie es läuft.

Was wünschen Sie sich als Tafel-Vorsitzender für das Jahr 2023?

Vom Scheidt: Anders, als im Einzelhandel, nicht mehr, sondern am liebsten weniger Kundschaft. Dass wir wieder zurückkommen zu normalen Zeiten. Dass nicht mehr Menschen ihren Job verlieren. Das würde für uns im Endeffekt mehr Kunden bedeuten.

Bei welcher Kundenzahl wären Sie am Limit?

Vom Scheidt: Das kann ich nicht so genau sagen. Noch kommen wir so gut zurecht. Der Lebensmittelzukauf kostet uns 36 000 Euro im Jahr – mit Ihrer RGA-Aktion ist dieses Jahr also komplett finanziert. Dann haben wir noch Reserven, die wir dazulegen könnten. Wenn sich aber die Zahlen verdoppeln würden, wäre Schluss. Das ist aber spekulativ. Wir gehen davon aus, dass wir auch 2023 unseren Job gut machen können – da macht die Arbeit auch Spaß. Alle gehen hier mit sehr viel Freude und Elan an die Sache ran, das gilt für den Vorstand wie für den gesamten Verein mit all seinen Mitgliedern und Ehrenamtlichen.

Sie haben bereits über 65 000 Euro gespendet

Diese Leserinnen und Leser haben bereits gespendet, wofür wir uns recht herzlich bedanken: Hubertus und Petra Kirch, Christa Hellmann, Frank und Christa Trapkowski, Axel und Marliese Lehmann, Gerd und Ilse Zimmermann, Anette Schmidt, Andrea Schroeder, Werner und Sabine Reichardt, Dr. Jörg und Simone Wittchen, Vera Müller, Bernd Fabian, Angelika Bast, Bettina Stamm, Christa Keunecke, Holger und Gabriele Lucks, Helga Rose, Susanne und Ralf Bäcker, Marion Rensmeyer, Norbert und Ursula Nehmert, Karl-Gerd Schäfer, Friedhelm und Ursula Schmitz, Hanna Schmidt, Dr. Ingo Barzen und Familie, Johanna Loch, Manfred und Ursula Winterberg, Andreas Prill, Reiner Maassen, Karin Steinmetz, Hilmar und Ulrike Boser, Marion Waldenburg-Raser, Brigitte Herbertz, Barbara Schmidt-Herzberg und alle Spenderinnen und Spender, die anonym bleiben möchten. Wir danken Ihnen allen recht herzlich!

„Helft uns helfen“ Remscheid

Spenden: Die Spendernamen werden in den Medien des RGA veröffentlich, wenn im Betreff nicht „Keine Veröffentlichung“ oder „Keine Namensnennung“ angegeben ist.

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