Ehemalige Brauerei

Kipper-Brache: Statt Bier vom Fass gibt es Strom vom Dach

Aus der Luft kann man das Gebäude und die Solaranlage gut erkennen, links und rechts der Zufahrt werden sich weitere Unternehmen ansiedeln.
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Aus der Luft kann man das Gebäude und die Solaranlage gut erkennen, links und rechts der Zufahrt werden sich weitere Unternehmen ansiedeln.

Reaktivierung einer Brache: Das erste Unternehmen ist aufs Kipper-Gelände gezogen.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Das Leben ist zurückgekehrt auf das Gelände der ehemaligen Kipper-Brauerei, nach mehr als einem Viertel Jahrhundert. Die Firma Elektrotechnik Grote hat als erster von vier zukünftigen Nutzern ihr neues Domizil an der Kipperstraße bezogen.

Eine 1000 Quadratmeter große Lagerhalle und 750 Quadratmeter Bürofläche verteilt auf drei Etagen bieten Stefan Grote und seinem inzwischen 21-köpfigen Team, darunter mehrere Auszubildende, Platz. Ausgestattet mit moderner Technik, wie der Inhaber betont: „Wir wollten zukunftsorientiert bauen“, sagt Grote. Und so wird das Gebäude von eine Photovoltaik-Anlage mit 99 Kilowatt Peak Nennleistung versorgt, die auch den Strom für Luft-Wärmepumpen liefert, mit denen die Firma heizt. Die Pumpen seien eigentlich eher uneffektiv, sagt Grote. „Aber ich erzeuge ja meinen eigenen Strom hier.“

Und zwar mehr als die Firma selbst verbraucht. Deswegen gibt es im Keller große Stromspeicher für sonnenarme Tage. Dazu eine Ladesäule für Elektroautos auf dem Parkplatz und eine Fußbodenheizung in der ganzen Firma – inklusive Lagerhalle.

Den Sonnenstrom speichert Stefan Grote im Keller.

Gerade einmal zwölf Jahre alt ist das Unternehmen. Bevor Stefan Grote es gründete, war er 20 Jahre lang bei der Firma Supfina beschäftigt. 2008 gab der Maschinenbauer seinen Remscheider Standort auf. „150 Leute wurden arbeitslos, inklusive mir“, erinnert sich Grote. Also nutzte er seine Abfindung, um das Ersatzteillager seines ehemaligen Arbeitgebers zu übernehmen und sich damit selbstständig zu machen.

Erst als reiner Händler von Ersatzteilen. Inzwischen repariert die Firma Grote auch Bauteile und -gruppen und setzt auch ganze Maschinen wieder instand. Gerade erst hat Stefan Grote 60 Maschinen aus einem Werk des Automobilzulieferer Conti in der Nähe von Chemnitz aufgekauft. Eigentlich hatte Conti dem Remscheider nur vier Supfina-Maschinen anbieten wollen. Doch Grote nahm einfach alles, was nach einer Umstellung in dem ostdeutschen Werk nicht mehr benötigt wurde.

Auf das Kipper-Gelände aufmerksam wurde Grote dank der städtischen Wirtschaftsförderung. Deren Leiter Ingo Lückgen habe ihm mehrere Alternativen vorgeschlagen, als der bisherige Firmensitz in der Greulingstraße zu klein wurde, berichtet Stefan Grote: „Aber hier hatte ich eine freie Fläche, die ich frei gestalten konnte.“

Dabei war das Gelände aufgrund seiner Hanglage nicht einfach zu gestalten. Doch Grote und sein Architekt machten das Beste daraus. Die Ziegel, die vom Abriss der Brauerei übriggeblieben waren, wurden genutzt, um den Hang zur Haddenbacher Straße aufzuschütten. Mit den Felsbrocken, die auf der anderen Seite aus dem Hang gelöst wurden, um mehr Platz zu gewinnen, wurde die Auffahrt gestaltet. Grote: „Andere zahlen dafür viel Geld.“

Drei weitere Unternehmen werden sich noch auf dem ehemaligen Brauerei-Gelände ansiedeln. Fast zeitgleich mit Grote erwarben das Sanitätshaus Goll & Schracke Massing und das Tiefbauunternehmen Romanelli Grundstücke auf dem Areal. Das letzte freie Stück ging schließlich an Enerix, das Unternehmen, von dem die Solaranlage auf Grotes Dach stammt. Diese Firmen warten derzeit teilweise noch auf ihre Baugenehmigungen. Jetzt schon ist das Kipper-Gelände aber ein Muster-Beispiel für die Reaktivierung einer Industriebrache.

Und dabei ist die Entwicklung dort noch nicht zu Ende. Stefan Grote, dessen Tochter Alexandra bereits im Unternehmen arbeitet und es mal übernehmen wird, ist für weiteres Wachstum seiner Firma gerüstet. Hinter der neugebauten Halle sei Platz für eine weitere ebenso große, berichtet er. Und auch das Verwaltungsgebäude lasse sich um ein weiteres Stockwerk aufstocken.

Bei allen Zukunftsplänen vergisst der Inhaber nicht die Geschichte des Geländes. Das schmiedeeiserne Tor der Brauerei, die bis 1993 Bier herstellte, habe er sich mit dem Grundstückskauf gesichert, erzählt Grote: „Das ist das letzte Überbleibsel der Kipper.“ Bald soll es am Rande des Grundstücks aufgestellt und beleuchtet werden. „Dann kann es jeder, der die Haddenbacher Straße rauf und runter fährt, sehen.“

Der Einbau eines Krans in die neue Lagerhalle gestaltete sich als filigrane Angelegenheit. Für die zukünftige Arbeit des Krans war es nötig, ihn hoch in der Lagerhalle zu montieren

Hintergrund

Die Brauerei C.W. Kipper war lange die älteste und größte, später dann die letzte Brauerei in Remscheid, bekannt vor allem für ihr Pils. Dabei erwies sich ihr Standort als doppelter Vorteil: Der in den Hang gehauene Keller war ideal für die Lagerung des Bieres, das weiche Remscheider Wasser gut für den Geschmack. 1993 wurde das Unternehmen geschlossen, das Gebäude dann 2006 abgerissen.

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