Zu hohe Kosten

Stadtteilfeste in Remscheid stehen auf der Kippe

Auch Carsten Pudel (eingeklinkt), Organisator des Trödels auf der Hindenburgstraße, werden die Regulierungen zuviel.
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Trödel auf der Hindenburgstraße.
  • Andreas Weber
    VonAndreas Weber
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Veranstalter klagen über straßenverkehrliche Anordnungen, die viel Zeit, Personal und Geld kosten.

Remscheid. Das Stadtteilfest in Hasten war ein großer Erfolg. Bestes Wetter, die Menschen strömten zum Richard-Lindenberg-Platz. Für die Vereinskasse war die Feier ein Segen, für die Nerven der Veranstalter eine Zerreißprobe. Manfred Gottschalk, 2. Vorsitzender der IG Hasten, schäumte am Montagmorgen nach dem Abbau: „Wenn wir das rechtzeitig vorher gewusst hätten, hätten wir die Veranstaltung nicht durchgeführt.“ Es ging um die ordnungsbehördlichen Vorgaben, die Veranstalter verpflichten, Straßensperrungen, geänderte Verkehrsführungen im Ortskern zu beschildern. 25 Jahre habe es damit keine Probleme gegeben, dieses Jahr war alles anders, klagt Gottschalk.

25 Jahre habe man Halte- und Durchfahrtsverbote an bestehende Schilder gehangen, dieses Mal ließen die Technischen Betriebe Remscheid (TBR) dies nicht durchgehen. Mit einem Ausleger waren sie wie gewohnt seitlich befestigt worden. Die Inspekteure der TBR verweigerten die Zustimmung. Zum einen hingen sie nicht auf den geforderten 2,20 Meter, sondern 40 Zentimeter tiefer, zum anderen hätten sie bei Sturm eine Gefahr darstellen können. Das Wort „Windkraftlast“ mag Manfred Gottschalk nicht hören. „Für mich ist es schon jetzt das Unwort des Jahres.“

„Wenn das 2023 so weitergeht, schreibt mich nicht an, dann bin ich raus.“

Carsten Pudel, Knallfabrik

Ermessensspielraum erkannten die TBR nicht. So musste zusätzliches Material her, um die Aluminium-Schilder mit einem Durchmesser von 40 Zentimetern regelkonform zu befestigen. Für jedes Schild mussten zwei 28 Kilo schwere Füße plus Ständer her. Benötigte das Stadtteilfest bislang 21 solcher Füße, waren es nun derer 71. Für Petra Raber (Team 3) aus dem Oberbergischen, die für mehrere Großveranstaltungen in Remscheid seit vielen Jahren professionell den Trödel organisiert, bedeutete dies vier Fuhren mit je 2,1 Tonnen Material. In anderen Städten gäbe es diese Anordnung nicht, erklärte Raber. Manfred Gottschalk gegenüber kündigte sie an, unter diesen buchstäblich erschwerten Bedingungen keine Lust mehr zu verspüren.

Carsten Pudel (Knallfabrik) schlägt in die gleiche Kerbe. „Diese penible Umsetzung von Vorschriften ist ein Riesenproblem, vor allem eine teure Angelegenheit.“ Pudel organisiert den Pfingsttrödel für die IG Hindenburgstraße. Stolze 2400 Euro mehr habe dieser 2022 gekostet. Dabei hatte Pudel als Veranstalter 2016 schon 7000 Euro in Schilder investiert. Aber manches reicht nicht mehr. „Da müssen dann auf die Warnbaken Leuchten drauf und die Füße einen Gummischutz haben.“ Pudel signalisiert: „Wenn das 2023 so weitergeht, schreibt mich nicht mehr an, dann bin ich raus.“ Er macht den Verantwortlichen keinen Vorwurf. „Nach den Katastrophen, wie bei der Love Parade in Duisburg oder der Amokfahrt am Breitscheidplatz in Berlin, will niemand das Risiko auf sich nehmen, bei der Genehmigung Fehler begangen zu haben.“

Zuständig sind im Zusammenspiel TBR und Ordnungsamt. Michael Zirngiebl, TBR-Chef, erkennt: „Es ist für uns ein unangenehmes und undankbares Geschäft, weil die Anordnungen für die Ausrichter von solchen Festen oft sehr spät kommen und wir den Ärger voll abkriegen.“

Auch Carsten Pudel, Organisator des Trödels auf der Hindenburgstraße, werden die Regulierungen zu viel.

Arndt Liesenfeld, Leiter des Ordnungsamtes, bittet seine Mitarbeiter heute zum Austausch über genau dieses Thema. OB Burkhard Mast-Weisz hat nämlich veranlasst, verwaltungsinterne Prozesse, die zur Genehmigung von Großveranstaltungen führen, auf den Prüfstand zu stellen. „Unser Ziel muss es sein, dass die öffentlichen Veranstaltungen in Remscheid weiter durchgeführt werden können. Ich bin zuversichtlich, dass wir für alle eine zufriedenstellende Lösung erreichen“, betont Liesenfeld.

Die IG Hasten denkt bereits in eine andere Richtung: Der Kirchplatz an der Pauluskirche könnte zum Domizil für das Stadtteilfest werden. Dieser ist durch die Bücheler Einigkeit (Kirmes) und den Weihnachtstreff der IG Hasten bereits erprobt.

Schilderverleih bei Veranstaltungen

2013 stimmte der Rat zu, den Schilderverleih für ideelle Veranstaltungen, förderungswürdige Sportevents und Veranstaltungen, die die Stadt repräsentieren, weiter entgeltfrei zu gestalten. 21 Veranstaltungen weist die Liste auf, bei der die Stadt die Kosten für die Beschilderung trägt. Ende 2019 war die Übernahme der Kosten für die Beschilderung noch mal auf der Tagesordnung des Rates, wurde aber vertagt.

Standpunkt von Andreas Weber: Der Unmut wächst

andreas.weber@rga.de

Am Samstag vor dem 1. Advent wird der Weihnachtsmarkt in Lüttringhausen abgespeckt auf dem Ludwig-Steil-Platz und dem Gelände der Heimatbühne stattfinden. Der Heimatbund als Veranstalter zieht sich auf privates Gelände zurück, Absperrungen im öffentlichen Raum werden nicht nötig sein. Die zwei Gründe dafür sind die pandemischen Unwägbarkeiten, aber auch die Kosten und Spielregeln für solche Brauchtumsveranstaltungen, die diese immer unattraktiver machen.

Es ist eine Kapitulation vor der Regulierungsflut, die ins Detail durchdekliniert, was bei solchen Events zur Absicherung zu geschehen hat. Der Unmut bei Vereinen und Interessengemeinschaften wächst, einige sprechen vom Aufhören, können die Anforderungen nicht mehr schultern. Die Stadt ist gut beraten, einen Modus zu finden, der die Veranstalter durch finanzielles Entgegenkommen ermuntert, weiterzumachen. Denn ein Remscheid ohne seine zahlreichen Feste wäre nicht lebenswert.

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