Brandbrief an Spahn und Laumann

Stadtchefs fürchten um Menschenleben

Die drei Stadtoberhäupter fordern mit dem NRW-Städtetag ein überörtliches Belegungsmanagement für Intensivbetten. Foto: Tim Oelbermann
+
Die drei Stadtoberhäupter fordern mit dem NRW-Städtetag ein überörtliches Belegungsmanagement für Intensivbetten.
  • Axel Richter
    VonAxel Richter
    schließen

Die drei Oberbürgermeister von Remscheid, Solingen und Wuppertal schreiben Brandbrief an Spahn und Laumann.

Von Axel Richter

Remscheid. Die Corona-Ampel des Sana-Klinikums blieb gestern auf Gelb stehen. Von den 30 Intensivbetten waren 28 belegt, 10 davon mit Corona-Patienten. In der vergangenen Woche hatten die Signale allerdings erstmals auf Rot gestanden – das Zeichen für Überlastung. Die drei Oberbürgermeister von Remscheid, Solingen und Wuppertal wollen dem Farbenspiel deshalb nicht länger zusehen und fordern Bund und Land zum Eingreifen auf: Wie schon im Frühjahr sollen die Kliniken alle Operationen, die nicht zwingend erforderlich sind (sogenannte elektive Eingriffe), auf später verschieben und für freie Betten sorgen.

„Bei Inzidenzwerten von weiterhin über 200 und der bereits hohen Auslastung der Intensivbetten mit Beatmung müssen wir jetzt davon ausgehen, dass insbesondere die intensivmedizinische Versorgung der Bürgerinnen und Bürger in unseren Städten nicht mehr lange ausreichen wird, um Menschenleben zu retten“, heißt es in dem Brandbrief an die Gesundheitsminister Jens Spahn und und Karl-Josef Laumann (beide CDU).

„Das führt sogar zu Intransparenzen über die tatsächlichen Kapazitäten bei der Lagebewertung in den Krisenstäben.“

Aus dem Brandbrief an die Gesundheitsminister

Darin nehmen Remscheids OB Burkhard Mast-Weisz, sein Solinger Kollege Tim Kurzbach (beide SPD) und der neue Wuppertaler OB Uwe Schneidewind (Bündnis 90/Die Grünen) kein Blatt vor den Mund. „In unseren Städten sind ertragsorientierte Krankenhäuser in privater Trägerschaft tätig, die angesichts der unattraktiven Refinanzierung von Coronapatienten keine intrinsische Motivation haben, Elektivpatienten abzuweisen“, heißt es in dem Schreiben. Und weiter: „Das führt sogar teilweise zu Intransparenzen über die tatsächlichen Kapazitäten der privaten Krankenhäuser bei der Lagebewertung in den Krisenstäben.“

Im Klartext heißt das: Die Kliniken wollen auf das Geld nicht verzichten, das sie mit jeder OP einnehmen. Und, auch das sagen die drei OBs: In den Corona-Krisenstäben herrsche deshalb zuweilen keine Klarheit darüber, über welche Ressourcen die Krankenhäuser tatsächlich verfügen.

Damit die privaten Kliniken nicht zwingend erforderliche Eingriffe auf später verschieben, sollen sie von Bund und Land eine Pauschale für frei gehaltene Betten erhalten. Außerdem fordern die drei Stadtoberhäupter mit dem NRW-Städtetag ein überörtliches Belegungsmanagement: Eine zentrale Stelle soll den Städten und Kreisen freie Intensivbetten melden. Bis es so weit ist – noch antwortete das Land nicht auf den Vorstoß des Städtetages – versuchen sich die drei Nachbarstädte selbst zu helfen. Wie berichtet, erklärte sich Solingen bereit, Remscheid im Notfall fünf Plätze an seinem städtischen Krankenhaus zur Verfügung zu stellen. „Wir im Bergischen stehen Seite an Seite“, erklärte dazu der Solinger Tim Kurzbach. „Wir werden lokal alles in unserer Macht stehende für die Gesundheit unserer Bürgerinnen und Bürger ermöglichen.“ Klar ist aber auch: Die Zusage gilt, so lange Solingen die fünf Plätze nicht für die eigenen Bürger braucht. Im Schreiben an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn fragen Mast-Weisz, Kurzbach und Schneidewind deshalb auch nach dem möglichen Einsatz von Krankenhäusern der Bundeswehr einschließlich Personal.

Kapazitäten

Das Sana-Klinikum kann bis zu 36 Intensivbetten aufbieten, die Coronastation 40 Patienten aufnehmen.

Ausweichbetten für Nicht-Corona-Patienten stehen in der Fabricius-Klinik, im Tannenhof und im Notkrankenhaus zur Verfügung.

In unserem Live-Blog finden Sie die neuesten Informationen zu Entwicklungen rund um das Coronavirus in Remscheid.

Standpunkt: Ohne Geld keine Betten

Von Axel Richter

axel.richter@rga-online.de

Die privaten Kliniken haben kein Interesse daran, ihre Betten für Corona-Patienten frei zu halten. In den Krisenstäben herrsche deshalb zuweilen Unklarheit über die tatsächlichen Kapazitäten. Das ist starker Tobak, aber alles andere als abwegig. Denn natürlich fehlt privat geführten Krankenhäusern die Motivation, aus eigenem Antrieb heraus, auf umsatzbringende Operationen zu verzichten. Das gilt allerdings auch für jedes städtische Krankenhaus, sofern es nach betriebswirtschaftlichen Kriterien geführt wird. Schließlich müssen die Häuser Geld verdienen, um ihre medizinischen Leistungen überhaupt erbringen und ihr Personal bezahlen zu können. Wer möchte, dass die Krankenhäuser Betten frei halten, muss deshalb bereit sein, den Kliniken den finanziellen Verlust zu ersetzen, den sie dadurch erleiden. Wie in der ersten Coronawelle im Frühjahr bedarf es deshalb jetzt verbindlicher Finanzzusagen des Bundes, damit die Häuser planbare Aufnahmen und Operationen zugunsten freier Betten für Notfälle verschieben können. Und zwar ein bisschen schneller als sonst. Das Virus duldet keinen bürokratischen Aufschub.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Die Vergessenen aus dem Morsbachtal
Die Vergessenen aus dem Morsbachtal
Die Vergessenen aus dem Morsbachtal
Feuerwehr rüstet nach Hochwasser auf - Neues Fahrzeug vom Land
Feuerwehr rüstet nach Hochwasser auf - Neues Fahrzeug vom Land
Feuerwehr rüstet nach Hochwasser auf - Neues Fahrzeug vom Land
Corona: Ab Freitag gilt Inzidenzstufe 1 - Ärzte impfen nur wenige Kinder
Corona: Ab Freitag gilt Inzidenzstufe 1 - Ärzte impfen nur wenige Kinder
Corona: Ab Freitag gilt Inzidenzstufe 1 - Ärzte impfen nur wenige Kinder
Alpakas an der Leine sind der Hingucker auf dem Wanderweg
Alpakas an der Leine sind der Hingucker auf dem Wanderweg
Alpakas an der Leine sind der Hingucker auf dem Wanderweg

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare