Corona-Krise

Gastronomie: Sperrstunde reißt neues Loch in die Kasse

Der Anstieg der Corona-Zahlen hat auch im Remscheider Bräu für Umsatzeinbrüche gesorgt: Einen Andrang an Gästen verzeichnete Mitarbeiterin Maike Laga gestern nicht. Foto: Michael Schütz
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Der Anstieg der Corona-Zahlen hat auch im Remscheider Bräu für Umsatzeinbrüche gesorgt: Einen Andrang an Gästen verzeichnete Mitarbeiterin Maike Laga am Freitag nicht.

Um 23 Uhr ist seit gestern Abend in den Kneipen und Gastronomien Schicht – Die Lage ist überall ernst.

Von Andreas Weber, Manuel Böhnke und Axel Richter

Remscheid. Niklas Bergmann hat den Humor nicht ganz verloren. Der Wirt des Saxo an der Alten Bismarckstraße hat eine Messingglocke über den Tresen seiner Kulturkneipe aufgehängt. Damit läutete er gestern Abend den „Last Call“ ein. Die letzte Bestellung. Um 23 Uhr schloss er das Saxo danach ab. Denn mit dem Überschreiten von 50 Infektionsfällen auf 100 000 Einwohner wurde Remscheid gestern wieder zum Risikogebiet und dort gilt ab sofort eine Sperrstunde: Um 23 Uhr müssen alle Kneipen dicht sein, auch der Verkauf von Alkohol in Tankstellen und Kiosks ist ab dann verboten.

In seiner Brust schlagen zwei Herzen: Saxo-Betreiber Niklas Bergmann hält sich aber peinlich genau an die Spielregeln.

Die Sperrstunde reißt ein neues Loch in die Kasse des Saxo. Dabei hatte sich die Lage gerade stabilisiert. Nach der ersten Welle und dem Lockdown im Frühjahr hatten sich die Gäste nach der Wiederöffnung mit den Hygieneregeln arrangiert. Doch als die Infektionszahlen vor wenigen Wochen die kritische Marke überschritten, blieben die ersten Gäste daheim.

Bergmann versteht das, wie ohnehin zwei Herzen in seiner Brust schlagen. „Wir müssen von den hohen Zahlen runter“, sagt er. Auf der anderen Seite: Die Gastronomen hielten sich peinlich genau an alle Regeln. „Auf einer Privatparty, von denen es auch in Remscheid viele gibt, und die nicht kontrolliert werden, geht man deshalb garantiert ein größeres Infektionsrisiko ein.“

Ähnliche Befürchtungen hat Arne Bollenbeck. Der Inhaber des Café König an der Königstraße vermutet, aufgrund der Sperrstunde könnten sich die Gäste verstärkt zu Hause treffen. Viele wollen seiner Beobachtung nach nicht nur etwas essen und nach einem weiteren Getränk den Heimweg antreten. Ihm sei signalisiert worden: „Dann brauchen wir erst gar nicht wegzugehen.“

„Ab 22 Uhr wird es doch eigentlich erst richtig gemütlich.“

Arne Bollenbeck, Gastronom

Unter der Woche sei die neue Regelung nur bedingt ein Problem. „Freitag und Samstag wird es aber bei uns gerne länger“, erzählt der Wirt. Seine Gäste um 23 Uhr rausschmeißen zu müssen, bereitet ihm Unbehagen: „Ab 22 Uhr wird es eigentlich richtig gemütlich.“ Und an den im Laufe der Nacht ausgegebenen Getränken verdient die Gastronomie gut.

Nur 22 der 54 Plätze stehen aus Infektionsschutzgründen im Café König zur Verfügung. Und selbst die sind nicht alle voll besetzt. Für gestern Abend lag Bollenbeck lediglich eine Reservierung vor. Dabei war das Geschäft nach der Corona- Zwangspause wieder gut angelaufen. „Die Leute hatten richtig Nachholbedarf, sind lange sitzengeblieben und haben uns toll unterstützt.“

Bei einer erneuten Schließung würde es sehr, sehr eng: Arne Bollenbeck, Betreiber vom Café König.

Seit Remscheid aber die Inzidenz von 50 übersprungen hat, ist es damit wieder vorbei. Unsicherheit sei bei den Gästen zu spüren. Und auch das wegfallende Weihnachtsfeier-Geschäft bereitet Bollenbeck Sorge. Die Sperrstunde ist da nur das i-Tüpfelchen. Das Worst-Case-Szenario bleibt allerdings eine erneute komplette Schließung der Gastronomiebetriebe. „Dann wird es sehr, sehr eng.“ Seine Lebensversicherung hat sich der Wirt bereits auszahlen lassen.

Auch im Remscheider Bräu ist es nicht so sehr die Sperrstunde, die Marc Rüger existenzielle Sorgen bereitet, sondern, dass viele Einnahmequellen im Bereich Gastro/Hotel versiegt sind. „Nach den Lockerungen und dem vorübergehenden Aufschwung im Sommer, sind jetzt wieder alle Veranstaltungen bis Dezember abgesagt, Hotelzimmer von Firmen storniert worden. Auch unser Außer-Haus-Catering ruht.“ Die Sperrstunde sei deshalb bei den Einbußen nur eine Randnotiz, meint Rüger. „Unsere Kernzeiten in der Gastro sind eh zwischen 19 bis 22 Uhr.“ Länger als 23 Uhr würden nur die wenigsten Gäste bleiben.

Außerdem sei die Besucherfrequenz in den letzten Wochen wieder stark rückläufig. Die Lage ist sehr ernst. „Es fehlt der Umsatz und das Kapital zu investieren“, meint Marc Rüger. Im angeschlossenen MK-Hotel liegt die Bettenauslastung bei 30 bis 35 Prozent. In Krisenzeiten ist das zumindest kein ganz so schlechter Wert. Begünstigt wird er dadurch, dass 15 Monteure seit vielen Monaten dort untergebracht sind und quasi als „Stammgäste“ dem Haus gegenüber vom Bahnhof die Treue halten.

Beim Personal mussten die Hotelbetreiber Marc Rüger und Baran Dogan in ihrer Planung deshalb dosieren. Nicht zum Zuge kommen momentan die Aushilfen. Aber auch die zwölf Festangestellten, sechs Teilzeitkräfte befinden sich in Kurzarbeit.

Standpunkt: Gegenteilige Wirkung

Von Sven Schlickowey

sven.schlickowey@rga-online.de

Das Berliner Verwaltungsgericht hat die dortige Sperrstunde bereits wieder gekippt. Sie sei unverhältnismäßig und nicht nachvollziehbar, so die Begründung für das noch nicht rechtskräftige Urteil. Unverhältnismäßig und nicht nachvollziehbar ist die Sperrstunde sicherlich auch für Remscheid. Stattdessen könnte die neue Regelung des Landes zwei gegenteilige Effekte haben: Wenn alle Kneipen zeitgleich dicht machen, strömen auch fast alle Kneipenbesucher zeitgleich auf die Straße. Was das bedeutet, weiß jeder, der bis zur Abschaffung der allgemeinen Sperrstunde 2005 mal ein englisches Kneipenviertel besucht hat. Vor allem aber werden sich die Feiern mutmaßlich größtenteils nur verlagern, vermutlich in den privaten Raum. Und während jeder halbwegs verantwortungsvolle Gastronom peinlich genau auf die Einhaltung der Corona-Regeln achtet, schon aus purem wirtschaftlichen Eigeninteresse, und diese auch kontrolliert werden, kann niemand nachvollziehen, was in privaten Wohnungen passiert.

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