„Vom Virus geradezu überrollt worden“

Soldaten helfen Remscheid im Kampf gegen Corona

Bundeswehrsoldat Phillip Müller nimmt bei Juliane Geharts den Abstrich für den Coronatest vor. Foto: Michael Schütz
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Bundeswehrsoldat Phillip Müller nimmt bei Juliane Geharts den Abstrich für den Coronatest vor.

Bundeswehr entsendet zehn Kräfte nach Remscheid – Uniformierte nehmen Abstriche und verfolgen Infektionswege.

Von Axel Richter

Remscheid. Mitte Juni galt Remscheid als coronafrei. „Danach sind wir von dem Virus geradezu überrollt worden“, sagt Dr. Frank Neveling. Seither führt der Leiter des Remscheider Gesundheitsamtes mit seinen Mitarbeitern einen nahezu aussichtslosen Kampf, der sich an einer einzigen Zahl festmachen lässt: Im Verlauf des heutigen Tages dürften sich mehr als 1000 Remscheiderinnen und Remscheider in Quarantäne befinden. Wen haben sie wo zuvor getroffen? Wen haben sie möglicherweise angesteckt? Und wen könnten wiederum diese Kontaktpersonen infiziert haben?

Zur Nachverfolgung und Zerschlagung der Infektionsketten erhielt der Mediziner nun kampferprobte Helfer. Seit Dienstag unterstützen zehn Soldaten der Bundeswehr das Team aus Festangestellten und freiwilligen Helfern, die im Auftrag der Stadt Abstriche vornehmen, dokumentieren und dazu unzählige Telefonate führen.

„Das lief reibungslos wie früher der VW Käfer.“ 

Dr. Frank Neveling, Gesundheitsamt

Enis Öztürk, Oberstabsgefreiter beim Aufklärungsbataillon in Ahlen, und Oberfeldwebel Philipp Müller, Notfallsanitäter am Bundeswehrstandort Köln-Wahn, gehören dazu. Während der Aufklärer am Telefon mit Infizierten und Verdachtsfällen spricht, ist der Sanitäter an den Schulen in Remscheid unterwegs. Alle Schüler sind zu testen und ebenso die Bewohner der Altenheime. Allein dort werden in den nächsten Tagen bis zu 10 000 Abstriche fällig.

Die beiden Soldaten fühlen sich gut aufgenommen und eingewiesen in Remscheid. Auch Frank Neveling schildert die Zusammenarbeit als unkompliziert: „Das lief reibungslos wie früher der VW Käfer.“

Mit den zehn Soldaten stehen ihm seit dieser Woche 65 Kräfte zur Seite, die in der Corona-Bekämpfung im Einsatz sind. Neveling braucht sie alle. Weil sich vor allem jüngere Menschen infizieren, wird die Nachverfolgung schwieriger, denn die haben Freunde, sind im Verein, in der Schule. „Da kommen leicht 70, 80 Kontakte pro Person zustande“, sagt der Mediziner. Alle müssen abtelefoniert werden.

Die zehn Soldaten, die ihm unter anderem dabei helfen, zählen zu einer 15 000 Mann starken Truppe, die Kommunen in ganz Deutschland unterstützt. Sie waren zu Beginn der Corona-Krise in Heinsberg und dann in Gütersloh im Einsatz. Derzeit liegen der Bundeswehr 900 Hilfsanträge vor, davon 100 aus Nordrhein-Westfalen. Außer in Remscheid ist die Bundeswehr derzeit in zehn weiteren NRW-Städten und -Kreisen im Anti-Corona-Einsatz.

„Wir leisten Amtshilfe“, sagt Stefan Heydt, Oberstleutnant beim Landeskommando NRW in Düsseldorf und betont: „Das ist kein Einsatz der Bundeswehr im Inneren. Das Gesundheitsamt ist der Chef im Ring.“ Bis zum 9. beziehungsweise 23. Oktober soll der Einsatz zunächst dauern. Doch der Oberstleutnant gab den Remscheidern ein Versprechen: „Wir sind so lange hier, wie wir gebraucht werden.“

Dabei waren einige der Männer in Uniform schon immer da. Der Lüttringhauser Bernd Limprecht, ebenfalls im Rang eines Oberstleutnants, führt das Kreisverbindungskommando der Bundeswehr in Remscheid. Der RGA stellte die Reservisten im vergangenen Jahr vor: Im Krisen- und Katastrophenfall unterstützen die zwölfköpfigen Einheiten die zivilen Kräfte vor Ort. Genau das ist jetzt der Fall.

Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz (SPD), der die Soldaten im Rathaus begrüßte, stellte sich gestern noch einmal deutlich vor seine Bürgerinnen und Bürger. Die Klassifizierung Remscheids als Risikogebiet treibe seltsame Blüten, wenn Remscheider etwa nicht mehr in anderen Bundesländern willkommen seien. „Die Menschen unter Generalverdacht zu stellen, wird den Remscheiderinnen und Remscheidern nicht gerecht.“ Umso dankbarer sei er für die Unterstützung, die die Remscheider von der Bundeswehr erhalten.  

Aktuelle Informationen zur Corona-Situation in Remscheid erhalten Sie in unserem Corona-Blog.

Standpunkt: Die Sorge hätten sie gern

Von Axel Richter

In Berlin sorgt der Einsatz der Bundeswehr im Anti-Corona-Kampf für Streit. Die Linkspartei lehnt Soldaten in Gesundheitsämtern zur Nachverfolgung von Corona-Fällen ab. Die Vermischung von Militärischem und Zivilem sei problematisch. Das zeige die NS-Geschichte. Tatsächlich ist das Trennungsgebot ein hohes Gut, weshalb die Väter und Mütter des Grundgesetzes den Einsatz von Streitkräften im Landesinnern streng geregelt haben.

axel.richter@rga-online.de

Doch genau damit hat das, was zehn Soldaten derzeit im Remscheider Gesundheitsamt und anderswo leisten, nicht das Geringste zu tun. Die kommen nämlich nicht mit Panzern, sondern sie leisten Amtshilfe, wie es sie im Bedarfsfall auch zwischen anderen Behörden gibt. 

Das heißt im konkreten Fall: Notfallsanitäter nehmen Abstriche vor, Aufklärer telefonieren und versuchen, Infektionsketten nachzuvollziehen. Im Remscheider Gesundheitsamt ist diese Unterstützung höchst willkommen, denn dessen Mitarbeiter haben angesichts des Infektionsgeschehens ihre Mühe und Not bei der Kontaktpersonen-Nachverfolgung. Die Sorge der Berliner Linkspartei hätten sie dagegen vermutlich gern. 

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