RGA vor Ort

So ist der Arbeitsalltag in der JVA Lüttringhausen

Nachwuchs für den Vollzugsdienst in der JVA Lüttringhausen: Ausbildungsleiter Oliver Oberbossel (l.) ud Sonja Röntgen (r.) begrüßen zehn neue Anwärter auf dem Hof der Justizvollzugsanstalt.
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Nachwuchs für den Vollzugsdienst in der JVA Lüttringhausen: Ausbildungsleiter Oliver Oberbossel (l.) ud Sonja Röntgen (r.) begrüßen zehn neue Anwärter auf dem Hof der Justizvollzugsanstalt.

Arbeiten in Lüttringhausen: Die Justizvollzugsanstalt bietet Jobs für über 300 Menschen. Im Rahmen unserer Stadtteilserie stellen wir einige Jobs vor. 

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Als die Industrielle Revolution im 19. Jahrhundert nach Remscheid schwappte, ging das am damals eigenständigen Lüttringhausen weitgehend vorbei. Die Entwicklung habe „nicht einen so stürmischen Verlauf“ genommen, stellt Erwin Stursberg in seinem Buch „Remscheid und seinen Gemeinden fest. Während in Lennep die Webstühle ratterten und in Remscheid die Hämmer wummerten, sei Lüttringhausen „immer noch landwirtschaftlich ausgerichtet“ gewesen.

Inzwischen hat das Dorp längst aufgeholt. Und dabei ist eine bunte Mischung entstanden, die vom Spezialmaschinenbauer Robust über Schirmlieferant Fare bis hin zur Freiformschmiede Dirostahl reicht. Und natürlich bis zum Werkzeughersteller Gedore. Doch Lüttringhausen wird auch durch zwei große institutionelle Arbeitgeber geprägt, die übrigens unter dem gleichen Bürgermeister angesiedelt wurden.

Richard Gertenbach, nach dem heute eine der zentralen Straßen der Altstadt benannt ist, hatte Ende des 20. Jahrhunderts erst ein Grundstück für eine Heil- und Pflegeanstalt und knapp zehn Jahre später für ein Gefängnis zur Verfügung gestellt. Heute bieten die Stiftung Tannenhof und die Justizvollzugsanstalt Remscheid zusammen fast 1400 Arbeitsplätze. Besondere Arbeitsplätze.

„Bei den Charaktereigenschaften können wir keine Abstriche machen.“

Anstaltsleiter Andreas Schüller über mögliche Bewerber

„Ein Gefängnis ist eine eigene Welt“, sagt Oliver Oberbossel, Pressesprecher und Ausbildungsleiter in der Remscheider JVA. „Die Inhaftierten verbringen hier jeden Tag 24 Stunden.“ Und abgesehen von Mitgefangenen und Besuch seien die Beschäftigten oft ihre einzigen Bezugspersonen. Das verlange eine gute Mischung aus Nähe und Distanz: „Unsere Aufgabe ist es, Sicherheit und Ordnung in der Anstalt aufrecht zu erhalten, wir sind aber auch Ansprechpartner für die Gefangenen und setzen uns für ihre berechtigten Belange ein.“

Eine Aufgabe, die ein „gewisses Menschenbild“ voraussetzt, wie Andreas Schüller meint, der die Anstalt sei kurzem leitet. „Dass sie straffällig geworden sind, ist ein Aspekt in der Persönlichkeit unserer Gefangenen“, sagt er. „Aber nicht der einzige.“ Beschäftigte im allgemeinen Vollzugsdienst dürften daher weder „kalter Klotz“ noch „Schließer“ sein. „Und auf keinen Fall bestrafen wir die Gefangenen hier noch mal, das hat schon das Gericht getan.“

Lesen Sie auch: TV-Bilder aus dem Vollzugsdienst zeigen nicht die Realität

Mehr als 330 Menschen arbeiten in der JVA Remscheid, etwa 60 in der Verwaltung, der Rest im allgemeinen Vollzug und im Werksdienst. Darunter derzeit auch 21 Anwärter, die in zwei Jahren zum Justizvollzugsbeamten ausgebildet werden. Zusammen kümmern sie sich um etwa 400 Gefangene im geschlossenen und noch einmal rund 240 im offenen Vollzug.

Dafür Nachwuchs zu finden, sei noch nie einfach gewesen, sagt Andreas Schüller. „Aber im Moment ist es sehr schwierig.“ Anders als zum Beispiel bei der Polizei findet die Arbeit in den Gefängnissen weitgehend ohne öffentliche Wahrnehmung statt. Werbekampagnen können das nur zum Teil wieder ausgleichen.

Hinzu komme, dass lange nicht jeder für den Job geeignet ist, wie Oliver Oberbossel betont. Die meisten Mitarbeiter würden vor dem Start in die Beamtenlaufbahn schon im Gefängnis mitarbeiten, erklärt er. Und trotzdem gebe es beim zweitägigen Auswahlverfahren mit Diktat, Persönlichkeitstest und Hindernisparcours regelmäßig Durchfallquoten um 75 Prozent. Das Verfahren zu vereinfachen, um mehr Kandidaten zu bekommen, sei aber keine Lösung, sagt Andreas Schüller: „Gerade bei den Charaktereigenschaften können wir keine Abstriche machen.“

Die Ausbildung, dreimal drei Monate auf einer Fachschule, der Rest in der Praxis, sei trotz der Vorkenntnisse vieler Anwärter ein hartes Stück Arbeit. „Das ist sehr viel, das da in kurzer Zeit auf sie einprasselt.“ Allein der juristische Teil sei „jede Menge Stoff“. Hinzu kämen Ausbildungsinhalte wie Sicherungstechniken, aber auch Kommunikation und Psychologie. Denn im Gefängnis seien Prävention und Deeskalation wichtig: „Für uns ist es ein Erfolg, wenn es nicht zum unmittelbaren Zwang kommt.“

Trotz dieser schwierigen Voraussetzungen ist es auch in diesem Jahr wieder gelungen, neun Anwärter und eine Anwärterin für die JVA Remscheid zu finden, sie haben am 1. Juli ihren Dienst angetreten und wurden damit zu Beamten auf Widerruf. Die Sicherheit des Beamtentums sei ein gutes Argument für den Beruf, findet Anstaltsleiter Andreas Schüller. Aber lange nicht das einzige. Er selber habe zunächst als Anwalt gearbeitet und kam erst spät in den Vollzug, berichtet er. „Heute finde ich, dass ich den geilsten Job der Erde gefunden habe, weil er so bunt ist.“

Nächster Teil

Bei unserer Stadtteilserie geht es als nächstes um den Handel in Lüttringhausen. Heike Mertes und Olaf Dahl haben an der Gertenbachstraße im vergangenen Jahr, mitten in der Pandemie, einen Shop eröffnet und bieten dort Mode und Deko-Artikel an.

Mehr aus Lüttringhausen

Hier lesen Sie alle bisher erschienenen Teile unserer Serie RGA vor Ort.

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